« Older Home
Loading Newer »

Vom Schreiben

10Dec10

Seit vier Jahren ist Schreiben Teil meiner Identität. Wenn irgendein Social Media Kram mich nach meiner Bio fragt, dann schreibe ich als erstes: Writer. Blogger zu sein, ist ein Stück Selbstverständnis für mich geworden. Aber seit einem Monat habe ich nichts veröffentlicht. Natürlich, ich war krank, und die Finals fordern ihren Tribut. Aber das ist es nicht; es ist chronisch. Ich schreibe nicht mehr.

Ich habe dieses Blog damals gestartet, weil ich Ideen hatte, von denen ich erzählen wollte; heute suche ich verzweifelt nach Ideen, um etwas zu Schreiben zu haben. Manchmal kommt mir etwas in den Kopf, meistens stehe ich da grad unter der Dusche. Ich bleibe dann ein wenig länger in der Nasszelle, um die Idee auszubauen. Nach dem Abtrocknen mache ich mir eine Heiße Schokolade, und dann habe ich sie auch schon wieder vergessen. Oder, noch schlimmer, sie beginnt zu wuchern.

Nicht hält mich mehr vom Schreiben ab als die Komplexität der Dinge. Früher hatte ich, wenigstens an guten Tagen, dass Gefühl, die Welt ließe sich in 500 Worten ausreichend beschreiben. Heute geht es mir wie dem Miniaturenmaler, den Salman Rushdie in den Midnight Children beschreibt: Kein Rahmen bietet genügend Platz, um die Welt zu umfassen. Und ich weiß nicht, wo Schnitte machen.

Mein Gehirn arbeitet ein wenig wie der Assoziationsblaster, jede Aussage evoziert eine neue Anekdote. Im Sommer habe ich ein ziemlich mieses Essay verfasst, dass sich ganz in dieser Art ergeht: Das Umfassen eines Themas in einem Netzwerken aus Eindrücken, Perspektiven. Ein wenig ein Spiegelkabinett.

Ich mag es, so zu schreiben. Aber ich traue mich nicht mehr. Je mehr ich weiß – und in den letzten Jahren habe ich fraglos viel gelernt -, desto klarer wird mir auch, wie vage die freie Assoziation ist. Ich mag nicht mehr einfach schließen, was schlüssig scheint; ich will es überprüfen, belegen. Und das Schreiben wird komplexer. Anstatt einen Artikel zu verfassen, lese ich zehn; danach weiß ich nicht mehr, was ich sagen wollte, bin mir aber sicher, ein and’rer hat’s bereits getan.

Der einzige Ausweg scheinen die rein persönlichen Eindrücke (als ob es die überhaupt gäbe). Aber ich habe Gefühl, einen Text wie nuttig (den ich immer noch gerne mag) könnte ich gar nicht mehr schreiben. Natürlich, ich habe auch damals nicht viele solche Posts verfasst, aber heute scheint es mir ganz und gar unmöglich.

Seit drei Jahren schreibe ich, um Geld damit zu verdienen; ich habe mich daran gewöhnt, meine Artikel mit einem Intro zu versehen, meine Absätze zu strukturieren, die Grammatik nicht dem Schwung zuliebe durcheinander zu werfen. Jetzt lerne ich am College Academic Writing, noch mehr von dieser Struktur. Mein ganzer Schreibprozess ist conscious geworden; und wenn eine Idee sich nicht dem Schema unterwirft, treibt sie mich zu Verzweiflung.

Ich habe mein Schreiben verändert, so viel ist klar. Aber hat mein Schreiben mich verändert? Ich weiß es nicht. Interessen, Weltansichten wandeln sich. In Blick in die Wayback Machine zeigt, von den Blogs, die ich zu Anfang gelesen habe, ist nur eins heute noch im Feedreader: Spreeblick, mein Arbeitgeber. In den letzten Wochen habe ich angefangen, mehr und mehr Magazine zu lesen, den New Yorker und Boston Review.

Jetzt müsste ich noch eine Conclusion schreiben, einen schönen Absatz, der das alles zusammenfasst. Ich weiß das, ich hab’s gelernt, man kriegt sowas raus, wenn man ein paar hundert Texte zusammenkritzelt. Aber mir fällt trotzdem nix ein. Und wenn ich darauf bestehe, dass dieser Post ein guter sein soll, dann wird er wohl unvollst

Bitte achten Sie auf Ihre Sprache

20Dec09

Am Freitag habe ich auch einmal Consultant gespielt und einigen jungen Leuten Blogs und WordPress.com erklärt. Meine russische Freundin Ira, derzeit als Praktikantin in Berlin, hatte mich um Hilfe bei einem Projekt gebeten.

Es geht ums “Deutsch lernen im Vorbeigehen“: Ira möchte Lerner der Sprache dazu ermuntern, Geschichten über ihre Bekanntschaften mit einzelnen Begriffen zu erzählen. Eine schöne Idee, wie ich finde. Einerseits, weil Blogs ein Medium für Geschichtenerzähler sind, und andererseits, weil ich selber mit vielen Wörtern kleine Geschichten, Ideen und Eselsbrücken verknüpfe.

Am Freitag hatte sie dazu einige Mitglieder von MitOst zu einem Workshop geladen. Als ich aus der Berliner Kälte dazustieß, stand noch eine kurze Brainstorming-Session bevor: “Wie schnappe ich die Worte im Alltag auf?” Ira hat zu ihren Wörtern schon einige solche Kennenlern-Geschichten aufgeschrieben – zu einer durfte ich die Erklärung für den Paragraphenreiter beisteuern.

Die Workshop-Teilnehmer sammelten schnell einige Punkte zusammen, die man als Fremdwort-Fänger im Alltag beherzigen sollte. Als Language Geek hatte ich etwas abseits sitzend meinen Spaß daran, der kleinen Gruppe beim Diskutieren zuzusehen. Hin und her ging es, um die richtige Formulierung zu finden.

Die Empfehlung, auf den Kontext zu achten, stand schon auf dem Papier, und über die Unterscheidung von Hoch- und Umgangssprache war bereits gesprochen worden, aber ein junger Mann versuchte den anderen noch eine genauere Differenzierung verständlich zu machen. Als er damit auf Ablehnung stieß – es sei ja schon auf den Kontext hingewiesen worden – rang er ein wenig mit den Worten, um sein Anliegen klar zu machen, bevor er aufgab. Ich denke, er meinte den Soziolekt – aber wer kennt sich schon mit linguistischem Fachjargon aus?

Diese Szene führte mir wieder einmal die Hilflosigkeit vor Augen, in der man sich als Sprachenlernender befindet. Im Grunde wird man freiwillig wieder zum Kleinkind, wenn man sich an eine neue Sprache heranwagt: Es fehlen einem die Worte. Ich finde, das ist ein Schritt, der eine ganze Menge Mut erfordert. Freiwillig sprachlos zu werden ist eine größere Herausforderung, als laut herumzubrüllen.

(Ich überlege im übrigen schon seit längerem, kurze Einträge zu meinen Lieblingswörtern zu schreiben. Besonders im Arabischen laufen mir immer wieder Begriffe über den Weg, die ich einfach gern habe; häufig auch einfach wegen ihres Klanges. Mal sehen, ob ich das mal mache.)

Ich suche eine WG in Berlin.

25Aug09

Kommen wir einmal zu den ernsteren Seiten des Lebens: Da ich ab Oktober für fünf Monate Praktikant bei netzpolitik.org sein werde, suche ich für diesen Zeitraum ein WG-Zimmer zur Zwischenmiete in Berlin. Ich kann mir auch vorstellen, noch einen Monat länger in der Stadt zu bleiben, d.h. von Oktober bis Ende Februar oder März.

Um einmal aus der Mail von Markus zu zitieren, “ansonsten möchtest du eigentlich in den bezirken mitte, prenzlauer berg, friedrichshain oder kreuzberg wohnen. eventuell noch wedding, kommt aber auf die gegend an. sonst ist alles zu weit weg von der zivilisation.”

Sonstige Ansprüche habe ich eigentlich keine, mir ist vor allem wichtig, mit angenehmen Menschen zusammen zu wohnen. Hübscherweise würde das ganze allerdings bei einem Kostenpunkt unter 300 € im Monat liegen. Wer also entsprechende Hinweise, Angebote, Empfehlungen für mich hat, dem wäre ich für eine Mail an simon {ätt} simoncolumbus {dot} de sehr dankbar.

No Country for Young Men

06Aug09

Das englische Original des Artikel findet sich hier.

Ich muss gestehen, den Titel habe ich von Ahmed Al-Omran entlehnt, der damit sein Heimatland Saudi-Arabien beschreibt.

Ahmed äußert eine Beschwerde, die man recht häufig von jungen Saudis und anderen Golf-Arabern hört. Um, wie sie sagen, Frauen vor sexueller Belästigung zu schützen, verbieten viele Cafés und Restaurants alleinstehenden Männern den Zutritt zu ihren Lokalen. Infolge dessen, und obwohl diese Gesellschaften häufig sehr restriktiv gegenüber Frauen sind, haben diese mehr Möglichkeiten, auszugehen, als ihre männlichen Gegenparts.

Abdu Khal schreibt, “Wenn du die Menge der Jugendlichen zählen würdest, die nirgends hingehen können, weil Einkaufszentren, Parks und Strände Familien vorbehalten sind, dann währest du abgestoßen. Was werden die Jugendlichen tun, wenn sie sich gefangen und ausgestoßen wiederfinden?”

Das ist ein Problem, dem ich jeden Tag begegne. Soziale Beschränkungen zwingen junge Menschen dazu, auf den Straßen herumzuhängen. Wenn ich am Abend eines Wochentages zu meinem Lieblingscafé gehe, dann sehe ich Jugendliche, vielleicht ein wenig jünger als ich selbst, die an schlecht beleuchteten Bushaltestellen und verlassenen Spielplätzen herumhängen. Vielleicht bemerken sie es nicht einmal, weil sie sich so daran gewöhnt haben, aber ich wette, sie würden gerne ihre Situation gegen meine eintauschen.

Allein, sie können es nicht. Mein Lieblingscafé ist ab acht Uhr für Minderjährige geschlossen, und genauso ist es in den meisten Lokalen. Eine kürzlich erschienene Reportage über die Hintergründe der drei Jugendlichen, die in München mehrere Menschen verprügelt haben, zitiert einen jungen Schweizer: “Im Jugendzentrum sind nur Schüler und Muschis. In die Bars kommen wir nicht rein. Deswegen hängen wir jeden Tag hier [am Bahnhof] rum.”

Vor einigen Tagen habe ich in einem Artikel über das Verbot von Flashmobs in Braunschweig die Überzeugung der Stadt zitiert, dass “der öffentliche Raum in Braunschweig ausschließlich dem Verkehr [dient], also dem Transfer von Wohnung a zu Wohnung b, von Wohnung a zu Geschäft b oder von Geschäft a zu Geschäft b.”

Das ist niederschmetternd für Teenager, die weder zuhause Ruhe finden noch in kommerziellen Cafés. Wohin sollen sie gehen, wenn “der öffentliche Raum ausschließlich dem Verkehr dient”? Ahmed gibt eine Antwort, die für saudische Jugendliche genauso zutrifft wie für Schweizer: “Nun, wie werden andere Dinge tun, die du vielleicht nicht mögen wirst”.

Dies könnte eine Story über das Verlangen von Teenagern nach einem Ort zum Abhängen sein. Ist es. Aber zugleich möchte ich dies auch in einem breiteren Kontext sehen. Warum sind junge Menschen gezwungen, auf den Straßen herumzuhängen? Vor allem, weil sie keinen Ort für sich selbst haben. Zuhause sind ihre Eltern, in den Cafés gibt es Eigner, die auch nicht gerade ihrer Generation angehören.

Sie haben keinen Ort für sich, weil sie keinen bezahlen können; und aus dem gleichen Grund können sie sich keinen Zugang zu einem erkaufen (oder hat schon mal wer ein Millionärssöhnchen auf der Straße herumhängen sehen?). Darin teilen Teenager ein Problem mit anderen sozial marginalisierten Gruppen.

Die Antwort auf diese Situation könnte die Schaffung von Commons (zu Deutsch “Allmende”) sein. Wenn du schon einmal eine der bestehenden Commons nach Einbruch der Dunkelheit besucht hast, dann wirst du wissen, dass die meisten von ihnen alles andere als einladend sind. Kaum beleuchtete Parks ziehen nun einmal eher jene an, die die Dunkelheit suchen, als rechtschaffene Bürger.

Aber muss das so sein? In alten Zeiten war der Dorfplatz ein Treffpunkt für alle Bürger. Ein öffentlicher Raum, offen für die sozialen Aktivitäten von jedem, der sich dorthin begab. Heute haben wir diesen Platz zu Starbucks verlagert, haben ihn von einem Commons auf privaten Grund verlagert.

Stell dir Commons vor, Orte die nicht sozial ausschließend sind, sondern offen für jeden. Ein guter Marktplatz sollte gerade so sein. Ich habe das in Brüssel erlebt: Hunderte Menschen, die auf dem Grote Markt sitzen und sich unterhalten.

Lawrence Lessig beschreibt das Internet als “Kreatives Commons”. Diesen Marktplatz möchte ich ein “Soziales Commons” nennen. Und gerade so wie das Internet als Commons kreatives Schaffen ermöglicht, erlaubt ein soziales Commons das Entstehen neuer sozialer Netzwerke. Es ist daher gerade nützlich für die, die sich noch nicht in der Gesellschaft etabliert haben. Teenager sind nur eine Kategorie davon.

Immer, wenn wir über Integration reden, sollten wir über Commons reden. Ihre Offenheit erlaubt jedem, an ihnen teilzuhaben, neue Netzwerke zu weben und eine bessere, eine egalitärere Gesellschaft zu schaffen. Damit ein Land ein “Country (also) for young (wo)men” werden kann.

.lit Juli

01Aug09

Gesammelte Rezensionen meiner Lektüre für den Monat Juli, ausgenommen die Werke, zu denen mir nichts eingefallen ist und Saramagos Evangelium nach Jesus Christus, zu dem ich bereits einen grauenhaften langen Text verfasst habe. Die Kurzrezension zu Junot Díaz’ “Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao” ist übrigens auch beschissen.

Amin Maalouf: Der Felsen von Tanios.

“Hatte ich nicht hinter der Legende die Wahrheit gesucht? Als ich den Kern der Wahrheit erreicht zu haben glaubte, da war er Legende.”

Amin Maalouf ist einer der wichtigsten zeitgenössischen arabischen Autoren, obwohl er schon lange in Frankreich lebt. “Der Felsen von Tanios” erzählt die Geschichte eines libanesischen Dorfes in Zeiten großer politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen. Der Junge Tanios scheint vom Schicksal zu besonderen Taten auserkoren zu sein. Er ist das Werkzeug der Vorsehung in den turbulenten Ereignissen, die auch die bis heute andauernde Zerrissenheit des Libanon in unterschiedliche Volksgruppen widerspiegeln. Erhalten geblieben ist von ihm heute nur der legendenumrankte Felsen, auf dem er vor seinem Verschwinden das letzte Mal gesehen wurde.
“Der Felsen von Tanios” lehrt, dass es eine Entscheidung zwischen persönlichem und politischem Handeln gibt – und eine Zeit für beides. Vor allem die immer wieder eingestreuten Verse des auf seinem Maultier durch die Dörfer der Gegend reitenden Trödelhändlers Nader haben es mir angetan. Sie vermitteln eine Philosophie, die gekonnt die bäuerliche Tradition von Tanios’ Dorf konstrastiert.
Amin Maalouf bedient sich in seinem Werk einer wechselvollen Erzähltechnik, die mal einen modernen Erzähler, mal von ihm zitierte historische (und ebenso erfundene) Quellen zu Wort kommen lässt, um eine Legende aufleben zu lassen. Im ersten Moment nach dem Lesen fehlte mir der Tiefgang in diesem Roman; genauer betrachtet vermitteln die unterschiedlichen Erzähler aber eine diverse arabische Historie. Stärker als die Geschichte Tanios’ beeindruckt mich das um sie herum entfaltete Sujet – und, um es noch einmal zu betonen, die “Weisheiten eines Maultiertreibers”.

Junot Díaz: Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao

Wenn es zwei Personenbezeichnungen gibt, die sich nicht mit einander vertragen, dann sind das “Nigger” und “Geek”. Beide werden extensiv auf den unrühmlichen Helden dieses Romans angewandt: Oscar ist Dominikaner (die Republik, nicht die Mönche), dick und, obwohl eben Dominikaner (und ständig verliebt) Jungfrau.
Díaz Roman basiert auf einer Absurdität: Ein schwarzer Nerd. Ein Geek im Ghetto. Es ist, wenn man so will, ein Clash of Cultures. Und der Autor elaboriert diesen weidlich. “Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao” strotzt vor spanischen Ausdrücken (um genauer zu sein kreolischen, vermute ich), die leider zumindest in der gebundenen deutschen Ausgabe im Anhang und nur sehr unübersichtlich erklärt sind. Zugleich gibt es aber auch längliche Fußnoten zur Geschichte der Dominikanischen Republik, die genauso wie der Rest des Romans im schnoddrigen, aber humorvollen Ton des Erzählers Yunior gehalten sind.
Science Fiction Literatur und Videospiele stoßen auf eine dominikanische Familiengeschichte voller Sexbomben und Gewalttäter. Dabei vermischen sich die Mysterien beider Ideenwelten, um gemeinsam letztlich in einer Frage zu münden: Fukú oder Zafa – Fluch oder Segen?

Lawrence Lessig: The Future of Ideas

“But commons also produce something of value. They are a resource for decentralized innovation. They create the opportunity for individuals to draw upon resources without connections, permission, or access granted by others.”

Das mittlerweile zum Klassiker mutierte Werk des Kommunikationsgenies Lawrence Lessig war vor acht Jahren, 2001, bahnbrechend. “It deserves to change the way we think about the electronic frontier”, wird die Los Angeles Times auf dem Titelblatt zitiert. Tatsächlich darf man sich nach der Lektüre fragen, warum das Konzept der Commons, zu deutsch “Allmende”, noch nicht in den Köpfen der Masse angekommen ist.
Lessig erklärt dieses Konzept und überträgt es auf den digitalen Raum. Später sollte sich daraus das Projekt “Creative Commons” entwickeln. Auf diesen positiven Ansatz verweisen aber nur die letzten Seiten des Werkes; ansonsten geht es dem Rechtsprofessor eher darum, vor einem Verlust der Freiheiten des Internets zu warnen.
Auch wenn Lessig wie in seinem genialen Vorträgen großartige Beispiele wählt, um sein Anliegen zu verdeutlichen, wird das Werk in der zweiten Hälfte teilweise zu sehr auf diese konkreten Fälle bezogen und ist dann, im Nachhinein betrachtet, auf Irrwegen unterwegs.
Am schwersten wiegt aber, dass Lessig sein Buch leider, leider für Amerikaner geschrieben hat. Das ist nicht so schlimm, wenn er auf Besonderheiten des Rechtssystems, einzelne Gesetze wie das DMCA etwa, eingeht. Es wird aber unerträglich, wenn er auf jeder zweiten Seite betonen muss, dass sein Anliegen nichts mit Kommunismus zu tun hat. Überhaupt sind viele Ideen zu brilliant im durchaus komplexen System amerikanischer Politbefindlichkeiten verortet, um wirklich glänzend rüberzukommen. Zusammen mit den häufigen Wiederholungen macht dieser Balast “The Future of Ideas” zu einem Werk, bei dem man gerade an seinen besten Stellen überlegen muss, wie gut es sein könnte, wäre es für ein progressiveres Publikum (zu dem ich selbst mich zähle) geschrieben.

Ghada Samman: Alptraum in Beirut

“Glücklich, wer im Libanon eine Waffe und einen Grabplatz besitzt. Das Land gehört auf ewig dem, der bereit ist, dafür sein Leben zu geben.”

“Alptraum in Beirut” (in der englischen Übersetzung “Beirut Nightmares”, was aus meiner Sicht ein noch weitaus treffenderer Titel ist) spielt während einiger weniger Tage des libanesischen Bürgerkrieges in einem dem heftig umkämpften Holiday Inn (wenn ich mich nicht völlig irre das Hotel, vor dessen Facade eine der Kampfszenen in “Waltz with Bashir” spielt. Leider finde ich keine Quellen, um das zu verifizieren. Wenn da wer Erinnerungen hat, um den meinen auf die Sprünge zu helfen…) gegenüber liegenden Haus. Die Geschichte präsentiert sich als die Aufzeichnungen einer dort “auf dem Schlachtfeld” gefangenen linken Autorin.
Es geht um den Schriftsteller im Krieg. Immer wieder wird die Beziehung zwischen Stift und Kugel erkundet: Es geht um die Verantwortung der Autorin, die die Revolution gefordert hat und zugleich das Töten nicht ertragen kann. “Alptraum in Beirut” ist aber nicht nur auf dieser Ebene ein politischer Roman, es geht auch um die Gründe für den libanesischen Bürgerkrieg, um religiösen Hass und finanzielle Interessen.
All das ist verwoben in Sammans einzigartiger Erzählform. Kurze, nur selten die Länge einer Seite überschreitende Episoden reihen sich aneinander. Es sind durchnummerierte Alpträume: Unterschiedslos werden unter diesem Titel Schilderungen der Erzählerin, Träume und kurze Parabeln zusammengefasst. Die Parabeln knüpfen an die arabische Erzähltradition an, haben aber das sehr gegenwärtige blutige Geschehen auf den Straßen Beiruts zum Thema. Sammans Werk wird als Magischer Realismus klassifiziert; in der Tat verschwimmt die Grenze zwischen und Traum und Wachen. Weil die Wirklichkeit zu einem Alptraum wird, weil das Unvorstellbare geschieht, reißt die Grenze zwischen Traumwelt und Realität.
Wenn also dieser lateinamerikanische Magische Realismus in den “Alpträumen” steckt, dann ist die Geschichte doch erzählt in einer sehr arabischen Sprache. Die, in einem gewissen Sinne, ist das düstere, brandschwarze, bleigraue Gegenstück zu den blumigen Schilderungen aus Tausend und einer Nacht. Ein lyrisch, philosophisch und politisch großartiges Werk.

“Israel ist ein Apartheidsstaat”

21Jul09

Über diese Aussage, neben anderen, ist der Zentralrat der Juden “entsetzt” – schreibt SpOn. Gesagt hat’s Felicia-Amalia Langer, und entsetzend ist das Ganze, weil die jetzt das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen hat.

Der Zentralrat der Juden stürzt sich lustvoll auf dieses neue Opfer seiner Zensurwut – wie er es jedesmal tut, wenn irgendjemand Kritik an dem Staat Israel zu äußern wagt:

Für ihre Kritiker ist Frau Langer jedoch eine Israel-Feindin – auch wenn Felicia Langer selbst Jüdin ist. Eine Frau, die Israel schon mal zum “Apartheidstaat” erklärt, über die “jüdisch-zionistische Lobby” philosophiert, sich im Antisemitismus-Streit um den inzwischen verstorbenen FDP-Politiker Jürgen Möllemann auf dessen Seite schlug und noch im April dieses Jahres in einem Interview zum Boykott israelischer Produkte aus den Siedlungen aufrief. “Das alles mag wehtun, aber jemand muss es sagen”, sagt Langer SPIEGEL ONLINE.

Frau Langer hat nur zu Recht, wenn sie meint, dass das jemand sagen muss – darüber, ob es wirklich weh tut, kann man sich streiten. Schließlich scheint die Reaktion des ZdJ kaum mehr als ein Reflex zu sein, den dieser Pawlow’sche Hund der deutschen Politszene bei jeder gegen die israelische Politik gewandten Äußerung zeigt.

Nun ist es in diesem Fall mal kein Muselmann oder Deutscher, den man mit den üblichen Terror- und Nazikeulen abwatschen könnte. Frau Langer ist, wie SpOn ja auch schreibt, selbst Jüdin. Und sie steht mit ihren Aussagen nicht allein da.

Ich habe die Frage nach Israel als einem Apartheidsstaat vor einiger Zeit einem Menschen gestellt, der es wissen muss: Denis Goldberg, dem jüdischen Mitangeklagten von Nelson Mandela im Rivonia-Prozess. Und Herr Goldberg hat bejaht, was nicht zu leugnen ist: Das Israel heute dem Südafrika der Apartheid sehr nahe kommt.

Der Zentralrat der Juden will davon nichts wissen. Seit ich mich erinnern kann, verhält er sich als beißwütiger Watchdog der Reputation des Staates Israel in Deutschland. Kritik wird nicht geduldet, Kritiker werden mit allen publizistischen Mitteln angegriffen. Und diese publizistischen Mittel hat der ZdJ: Nicht nur die Springer-Presse ist diesem Verein hörig.

Judentum und israelische Politik werden dabei zu einer untrennbaren Melange verquickt, deren Bemühung es ist, keine Unterscheidung mehr zuzulassen. Wieso? Weil eine Trennung Israels vom Judentum im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit die Legitimation der Äußerungen des ZdJ untergraben würden. Er missbraucht die Nazi-Keule und die ständige Erinnerung an die Gräuel des Holocaust, um sich in der Öffentlichkeit als politische Vertretung Israels zu positionieren und daraus selbst wieder Stärke zu ziehen.

Darunter leiden vor allem die Juden wie Felicia-Amalia Langer, die ihre Religion nicht mit einer fremden Staatsangehörigkeit und Ideologie verknüpfen wollen. Man kann in Deutschland nicht Jude sein, ohne vom ZdJ als Unterstützer der Apartheidspolitik Israels vereinnahmt zu werden. Was eine religiöse Dachorganisation sein sollte, ist eine Propagandaorganisation, die nicht vor unlauteren Mitteln zurückschreckt, um unmenschliche Politik zu unterstützen.

Nichts

08Jul09

C. hat eine Lücke im System entdeckt. Und sie ist nicht froh darüber. Wenn sie nach der Schule nichts beginnt – keine Ausbildung, kein Studium, kein FSJ – steht sie ohne Kindergeld da. Erhält sie kein Kindergeld mehr, läuft ihr Versicherungsschutz aus.

“Warum gibt es da kein Feld ‘Selbstfindung’?”, fragt sie. Und in der Tat, das System kennt kein Innehalten. Es ist gesellschaftlich nicht vorgesehen.

In dem Film Sollbruchstelle findet sich ein Interview mit einer Schülerin, kurz vor dem Abschluss, ganz ähnlich wie C. Sie berichtet von einem Gespräch mit ihrem Berufsberater. Was ist, wenn ich nichts finde? keine Ausbildung, kein Studium, kein FSJ, ganz ähnlich wie C., hat sie gefragt: “Dann bist du nichts”.

Es ist ein seltsamer Status, Produkt der Bürokratie, eng gesehen: Nichts. Ein Un-Status, um korrekt zu sein. Aber es ist auch das Ergebnis einer Lohnarbeitsgesellschaft. Einer Gesellschaft in der man nicht ist, was man isst, geschweige denn ist, sondern was man macht.

Der amerikanische Slam Poet und Lehrer Taylor Mali hat die doppelte Bedeutung dieses Wortes, machen, ausgereizt: What teachers make. “You’re a teacher, Taylor? Come on, be honest, what do you make? – I make kids wonder, I make them question, I make them criticize, I make them apologize and mean it”.

Machen, das meint Verdienst und Beruf. Von Berufung nie die Rede: heißt es doch machen, nicht ausmachen. C. hat nicht vor, nichts zu machen, ganz im Gegenteil, sind wir doch jung, grad raus aus der Schule und voller Pläne. Allein, das System erzwingt Wandeln in seinen Bahnen.

Das ist die häufig übersehene Seite des Sozialstaates. Er bedeutet für die ihm Angehörigen den Anspruch auf materielle Unterstützung. Aber er fordert als Gegenleistung auch das Commitment zur Lohnarbeit ein.

Es ist ein Deal, der einst mehr als akzeptabel schien in einer Zeit, als materielle Güter noch Produkt der Menschen Hände waren. Als jeder beitragen musste, damit etwas verteilt werden konnte an die, die beizutragen nicht fähig waren. Aber das Gesicht der Welt hat sich seitdem verändert: Egal, was C. macht – die Räder der Maschinen drehen sich weiter; spucken Werte in die Welt, die nicht mehr Produkt arbeitender, sondern Geld reichender Hände sind.

C. würde gerne etwas beitragen, wird wohl einen sozialen Beruf wählen, einen, das ist lustig, der sozial, gesellschaftsdienlich ist vor allem, weil er, wir erinnern Taylor Mali, mehr ausmacht als einbringt. Sie will ein FSJ machen, freiwilliges soziales Jahr, was, materiell gesehen, nichts anderes ist als ein Opfer an die Gesellschaft, eine Darreichung von Arbeitskraft.

C. will es machen, weil sie sich selbst etwas davon erhofft, einen inneren Gewinn. Aus dem gleichen Grund will sie es noch nicht jetzt machen, erst im nächsten Jahr. Weil das FSJ Produktivität in den Bahnen des Sozialstaates ist, C.s Machen während den Monaten davor aber nicht, erkennt der Staat das eine an, das andere nicht.

Er kennt kein Innehalten. Der Staat sieht das Leben noch immer als Fließbandarbeit, ein ewiger Akkord, während dem man nicht stillstehen kann, auch wenn die Fließbandarbeiter der Realität längst durch Maschinen ersetzt werden, die ihre Greifarme Tag und Nacht senken, so konzipiert sind, dass sie kein Innehalten brauchen, und bei Ermüdung des Materials austauschbar.

Das C. das nicht möchte, versteht er nicht.

Die Freiheit des Schülers im Moment des Verlassens der Schule

08Jul09

“Versuchen wir, Mensch zu sein”,

sagte J. und bewies, dass ein guter Abschluss immer auch ein Anfang ist.

Tags zuvor noch hatte der Lehrer von der Parabel des Balles gesprochen, die unseren Lebensabschnitten gleicht, und die einen Anfang und ein Ende hat; und davon, dass die Kugel nicht angesichts des Bodens noch einen Sprung machen kann, den Aufprall vermeidend.

Es ist wahr, mit dem Abschluss der Schule geht ein Bogen zuende. Beginnt ein neuer. Alles Wünschen hilft nichts: Wir können ihn nicht verlängern. Dieser Wunsch, das muss gar nicht einmal der sein, weiter zur Schule zu gehen (wer hätte den schon?). Dieser Wunsch, dass kann einfach der sein, die geordnete, ebenmäßige, durch Naturgesetze vorbestimmte Bahn der Parabel nicht zu verlassen. Ich kann von mir sagen: Der Weg von der ersten zur dreizehnten Klasse, das ist mir ein Naturgesetz geschienen.

Doch was mich erstaunt ist, dass wir es für ebenso natürlich halten, dass uns der Aufprall gleich wieder hochspringen ließe zur neuen Parabel. Ist das denn so? Es ist wahr, wir können nicht innehalten. Das Gesetz sagt, dass der Ball sich fort-bewegen muss. Aber ist denn der neue Sprung garantiert?

In der Tat, es wäre ein Leichtes, aus der Parabel der Schule in jene des Studiums überzugleiten. Nicht, dass die Auswahl, die Bewerbung keine Kraft von uns erforderten. Aber es ist wenig, zumal, wenn die Eltern und Geschwister den Weg schon vorgelebt haben.

Dennoch, es gibt gute Gründe, innezuhalten. Wollen wir denn Objekt eines Naturgesetzes sein, hüpfen, weil uns das Springen auf die mosaischen Tafeln geritzt wurde? Wir können, vernünftig gedacht, nicht innehalten. Eine Entscheidung herauszuzögern ist ein Oxymoron: Wir entscheiden uns immer, in jedem Moment.

Das, was wir Innehalten nennen, ist dann der Versuch, dieses Naturgesetz zu transzendieren. Selbst Gewalt über die eigene Zukunft zu erlangen, indem man sich seiner Möglichkeiten bewusst wird. Wir halten also ein, nehmen uns nach der Schule eine Auszeit. Der Ball, eine Parabel beendend, rollt über den Bühnenboden des Theaters unseres Lebens.

Die Gesetze der Mechanik sagen uns: Wir werden unsere eigene Kraft aufbringen müssen, um den Boden, abhebend, wieder zu verlassen. Sich Freiheit zu verschaffen heißt auch, Sicherheiten aufzugeben.

Die großen Philosophen werden an dieser Stelle für die Position der Freiheit argumentieren. Meister Eckehart sprach: “Alle Dinge müssen, der Mensch allein ist das Wesen, welches will.”

Die Freiheit ist es also, die den Menschen auszeichnet, die Freiheit zu wollen, die Freiheit, um es mit Kant zu sagen, vernünftig zu handeln. Und selbst, wenn wir unter dem Diktat der chemischen Vorgänge in unserem Gehirn stünden: Wir können uns doch der Illusion der Freiheit nicht versagen.

Ist also, um J. beim Wort zu nehmen, der Versuch, Mensch zu sein, das Schultern der Bürde Freiheit? Das hieße das Gebot, sich das größtmögliche Bewusstsein der eigenen Situation zu verschaffen; dass der Ball lange rollen muss, bevor er wieder abheben kann.

Aber es sind nicht alle Menschen Albatrosse, die nach langem Torkeln sich auf ihren Riesenschwingen in die Luft erheben, einen neuen Bogen unter sich zwingend. Mensch sein heißt auch, imperfekt zu sein. Die menschliche Freiheit ist keine unendliche, sie ist vielmehr nur aus ihren Grenzen heraus.

Absolute Freiheit anzustreben wäre tödlich. Es wäre die Anmaßung der Göttlichkeit, derweil sich der Schwung der Kugel an den Rändern der Bühne totliefe, ein Abheben mit dem letzten Kraftverlust unmöglich machend.

In der germanischen Mythologie liegen drei Welten an der Esche Yggdrasil. In der Krone das Asgard der Götter, an der Wurzel das Utgard der Trolle und Riesen. Dazwischen Midgard, die Welt der Menschen. Man könnte auch sagen: Zwischen den Herrschern und den Beherrschten, zwischen Freiheit und Determiniertheit ist der Platz der Menschen.

Das sich einer näher an der Wurzel wohlfühlt, während ein anderer zur Krone strebt, ist das Gesetz des Individualismus. Es gibt keine Verpflichtung zur Freiheit, keinen Zwang zur Sicherheit. Es gibt nur die Grenzen der Welt.

Versuchen wir, Mensch zu sein.

.lit José Saramago: Das Evangelium nach Jesus Christus

08Jul09

Wie resümmiert man den dem Leser bekannten Inhalten eines ihm unbekannten Werkes? Der Inhalt von José Saramagos “Evangelium” ist die nur zu gut bekannte Geschichte jenes Jesus Christus, Subjekt schon diverser anderer, gleichermaßen betitelter Werke.

Es gibt viele Auslegungen von Jesu Leben: Es gibt feministische Biographien, naturalistische Darstellungen – was ist von José Saramago, Mitglied der kommunistischen Partei Portugals seit vierzig Jahren, bekennender Atheist, zu erwarten?

Saramago beginnt, und das vielleicht die größten Stellen des Werkes, mit zwei Bildern. Er malt wie ein anderer mit Pinseln auf Canvas was ein sprachliches Ölgemälde anmutet, eine Kreuzigungsszene. Schon hier legt der Autor den Ton fest, den sein Evangelist – der, wie er an einer Stelle selbst anmerkt, weiß was war, ist und sein wird, zumindest, was die Belange Jesu betrifft, und das auch von dem Leser annimmt – das Werk über haben wird. Es ist ein leichter, manchmal spöttischer Ton, in dem hier abgewägt wird, welche diese, welche jene der Marien die Frauen auf dem Gemälde sind.

Und genauso malt er den Himmel über Nazareth, die Hintergrundszene zu Jesu Zeugung, von der später angemerkt wird, man hätte Gottes Anwesenheit an ihr erkennen können. Man könnte hier meinen, eine naturalistische Schilderung vor sich zu haben. Eine, die auf Magisches und Mythisches verzichtet. Doch Maria wird ihre Schwangerschaft angekündigt. Von einem Engel.

Hier zeigt sich die Beziehung Saramagos zu seinem Stoff: Es ist ein Engel, aber er hat nichts gemein mit goldglänzenden Barockputten und filigranen Krippenfiguren; es ist ein Bettler. Saramago übernimmt die Überlieferung der Evangelien, er lässt vieles intakt, was man ihn zerstören vermutete, spinnt stattdessen Neues ein und unterzieht das Alte einer Metamorphose.

Vor allem aber verändert er die Vorzeichen. Saramago nimmt die Geschichte vom Kindermord zu Bethlehem auf, um sie unter dem Gesichtspunkt der Schuld Josefs zu deuten. Josefs, der von dem geplanten Mord erfährt und nach Bethlehem eilt, um den eigenen Sohn zu retten. Und es unterlässt, die Eltern von Bethlehem zu warnen.

Das Urteil ist klar: Josefs Tat ist Mord durch Unterlassung. Und der Zimmermann wird vortan von Alpträumen geplagt, die ihn seine Schuld nicht vergessen lassen. Er reitet unter römischen Soldaten nach Bethlehem, seinen Sohn zu töten. Er reitet, jede Nacht, bis er am Kreuz stirbt.

Sein Sohn erbt den Traum. Träumt ihn aus seiner Perspektive. Wartend unter den Kindern Bethlehems, dass sein Vater komme, ihn zu töten. Die Schuld, so groß, dass sie der Vater auf den Sohn vererbt.

“Dieser junge Bursche, der sich in einem Alter nach Jerusalem begibt, in dem die meisten seiner Gefährten sich kaum erst vor das eigene Tor wagen, ist vielleicht nicht gerade ein Adler an Scharfsinn, kein Ausbund an Intelligenz, unsere Achtung verdient er aber dennoch, er trägt, wie es selbst erklärte, eine Wunde in der Seele, und da seine Natur es ihm verwehrt, darauf zu warten, dass die schlichte Gewohnheit, mit ihr zu leben, diese heilte, bis sie sich in gutgewillter Vernarbung schlösse, die im Nichtdenken besteht, begab er sich statt dessen auf die Suche nach der Welt, um, wer weiß, die Wunden vielleicht zu vervielfachen und aus ihnen allen einen einzigen und endgültigen Schmerz zu bereiten.”

Hier ist Jesus ganz Mensch. Er ist es das ganze Werk über. Aber Saramago reizt den Konflikt kaum aus, in dem er steht: Mensch und Gottessohn zu sein. Schade, finde ich. Doch psychologisiert wird kaum: Das Kausalgewebe der Geschichte bleibt fadenscheinig. Es ist dies wohl auch Folge des vorgegebenen Geschehens – denn Saramagos Jesus nimmt Wege, von denen die anderen Evangelien nicht sprechen. Doch die Etappenziele bleiben die gleichen.

Der Weg dieses ausgezogenen, 14 Jahre alten Jesus führt ihn nach Bethlehem, wo er Helfer eines Hirten wird. Der sich, Jahre später, als der Teufel erweist: Saramago verkehrt und verdreht die Rollen von Gott und Gegenpart.

“[D]as System des Herrgotts ist stets das Gegenteil dessen, was sich die Menschen vorstellen, und, hier ganz im Vertrauen, ich finde, anders könnte der Herr gar nicht bestehen, das seinem Munde am meisten entquellende Wort ist nicht Ja, sondern Nein, Immer hörte ich sagen, der Teufel sei der Geist, der stehts verneint, Mitnichten, meine Tochter, der Teufel ist der Geist, der sich selbst verneint…”

Ich würde an dieser Stelle gerne in das letzte Drittel des Romans springen, allein: Die Chronologie erfordert eine Erwähnung Maria Magdalenas. Auch dieser Handlungsteil ist symptomatisch für Saramago: Jesus verletzt sich vor Marias Haus am Fuß, sie – Prostituierte wie in der katholischen Mythologie, und das auch gerne – verführt ihn. Maria gibt ihren Beruf auf, das Paar lebt in Wilder Ehe zusammen.

Eigentlich wäre gerade die Figur Maria Magdalenas für viele Auslegungen geeignet: Man kann sie wahlweise als Opfer sozialer Umstände sehen, der schwierigen Situation von alleinstehenden Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft etwa, oder als Beispiel einer Emanzipierten, die von der Um- und Nachwelt ihres Selbstbewusstseins wegen geschmäht wird. Saramago wählt keine davon.

Maria Magdalena ist Prostituierte, sogar, wie es scheint, aus eigener Wahl heraus, gerne auch, aber sie ist nicht gleichgestellte Gefährtin Jesu, auch wenn dieser sich als eins mit ihr beschreibt, schreitet hinter ihm. Man möchte fast sagen: Ein Gemisch aus Positionen, das letztlich in einem schwammig umrandeten Charakter mündet.

Nun aber: Der dritte Teil des Werkes. Featuring Gott, Teufel und Passion. Hier wird Saramago zum Theoretiker, ein Verlust, wie ich finde: Die wechselvollen Situationsbeschreibungen werden abgelöst durch lange Dialoge und Kontemplationen. Höhepunkt ist das Zusammentreffen von Jesus mit seinem Vater, id est Gott, und dem Teufel, auf einem Boot, im Nebel, auf dem See Genezareth.

Hier wird die Passionsgeschichte zum PR-Feldzug des Herrn, Jesu Tod am Kreuz zum notwendigen Propagandamittel. Saramago dagegen scheint verbittert durch zwischen den Zeilen, wenn Jesus Gott nötigt, über Seiten hinweg die Märtyrer des Christentums aufzuzählen, die Greuel der nach ihm zu benennenden Religion aufzuführen und auf die Waagschale zu werfen, auf der anderen Seite nichts als den alles überwiegenden Willen des Herrn.

Vielleicht ist mein gemischtes Gefühl nach der Lektüre dieses Werkes auch in meiner unzureichenden Beschäftigung mit dem Christentum und der Bibel zu suchen, immer wieder greift Saramago auf Überlieferungsschnipsel zurück, Jesu Wunder werden kaum mehr als resümmiert, zu deutlich die angenommene Kenntnis der Sachverhalte beim Leser. Alles in allem erscheint mir das theoretische Gerüst des Werkes aber zu wechselhaft, viele Gedanken laufen zusammen, ohne in meinem Verständnis ein Ganzes zu ergeben. Die Katholische Kirche hat sich sehr über diesen Roman echauffiert, verständlich, wird doch Gott als ein skrupelloser, machtversessener Stratege dargestellt. Eine wirkliche Bedrohung kann sie aber kaum darin gesehen haben. Zuwenig, scheint es mir, macht sich Saramago die Mühe, tatsächliche Argumentationen auseinanderzunehmen, Glaubensgrundsätze in der Untersuchung zu widerlegen.

Was mir gefallen hat, ist die Sprache, ist der Erzählstil. Saramago spielt in seinen langen Sätzen mit dem hehren Stil der biblischen Überlieferung, lässt den Knaben Jesus seine Mutter im Stile eines Hohepriesters belehren – und dekonstruiert diese Facade mit den in spöttischer Umgangssprache vorgebrachten Einwürfen des Evangelisten. So scheint mir die Auseinandersetzung mit der Bibel in “Das Evangelium nach Jesus Christus” auf sprachlicher Ebene weitaus gelungener denn auf inhaltlicher.

Das war’s – das wird’s

06Jul09

Ein Wort davor und eines danach. Für die Abi-Zeitschrift.

Das war’s

Hey Du!

wir sind jetzt frei! Is’ schon ‘n cooles Gefühl, so nach dreizehn Jahren. Ich mein’, wir haben uns das natürlich verdient. Wir waren schließlich schon immer die Besten.
Das hat ja schon angefangen bei unserer Einschulung. Wir hatten einfach den besten Lehrer, ganz klar. Herr Kastell ist absolut der coolste Geschichtenerzähler. Ich weiß noch, “Die Gänsehirtin am Brunnen” war das, auf der Bühne da. Respekt.
Naja, und von da an war’s halt ‘ne krasse Erfolgsgeschichte.
Die ersten Jahre waren noch ganz lässig, aber man muss sich das mal ‘reinziehen: Wir haben schon Theater gespielt, da habt ihr noch in eure Windeln geschisssen. Fünfte und sechste Klasse damals. War ne geile Sache. “Die Schildbürger”. So’n richtiger Klassiker: Die Story gibt’s schon seit 1597. Hättste jetzt auch nich’ gewusst, he?
Hat noch ein wenig gedauert, aber in der Achten haben wir dann mal so richtig durchgestartet. Keine Frage, dass “Krabat” das beste Achtklassspiel ever war. Und Props für Herrn Becker, der das alles gemanagt hat. Is’ ja mit so Teenies auch nich’ so leicht, obwohl wir natürlich nie so schlimm wie die anderen waren.
Nach dem Segeln auf dem Mondsee (sind unsere Geschwindigkeitsrekorde eigentlich noch immer ungebrochen?) ging’s dann ab in die Oberstufe. Krasse Sache. Wir natürlich immer voll dabei, wenn’s irgendwas Neues abzufeiern gab. Ich könnt’ da jetzt viel erzählen, aber ich hab’ ihr auf nich’ vor ‘n Roman zu schreiben, also gleich mal weiter zur Zwölf.
Waldorfabschluss is’ ja immer ‘ne krasse Sache. Theater, Jahresarbeit, Kunstprojekt. Wir natürlich immer voll innovativ. Erstmal Theater: “Bang Bang” war jawohl der Knaller. Ich mein’, sowas Modernes is’ hier auch noch nich’ gemacht worden. So richtig deep, mit Blut und allem. Ich fand das auf jeden cool, dass sich da Leute verpisst haben. Ich mein’, einfach so aus dem Saal, weil wir so krass waren. Wie geil ist das denn?
Naja, jedenfalls voll den Applaus gekriegt und wir gleich weiter zu den Jahresarbeiten. Sollten da natürlich schon fast fertig sein, aber ich sach’ da mal: Immer schön lässig. War ja am Schluss dann auch alles da, he? Wir natürlich unsere Vorträge öffentlich gemacht, immer schön Avant-Garde, ja? Und Bunten Abend auch – ich mein’, was fällt denen ein, uns den wegnehmen zu wollen? Das geht ja mal gar nicht. Wir natürlich voll gekämpft und was soll ich sagen? War natürlich wieder ‘ne fette Vorstellung.
Kunstabschluss war natürlich auch schick, auf jeden. Ich mein’, wir sehen sogar in Eurythmiekleidern cool aus, das sagt doch alles?
Abi brauch’ ich ja gar nichts mehr zu sagen. Beste, man. Un’ was geht jetz’? Is’ schade, dass wir weg sin’. Ich mein’, tut mir einfach leid euch so zurückzulassen. Aber auch die Besten müssen halt irgendwann geh’n.

Könnte uns bitte mal jemand das Wasser reichen?

Das wird’s

Ich erinnere mich gut an meine Rolle in “Bang Bang”. Mein Charakter Josh wurde häufig von Alpträumen geplagt, während denen ich von meinen Mitspielern umhergestoßen wurde. In einer Szene trugen sie mich auf einer Decke liegend weg. Es war dunkel, ich ohne Brille sowieso halb blind, und ich musste mich darauf verlassen können, dass jeder seinen Zipfel gut gepackt hatte.
Die Arbeit auf der Bühne ist ein gutes Bild für die Entwicklung einer Klasse. Man muss gemeinsam schaffen, um das Stück zur Vollendung zu bringen. Es wäre kein tiefer Sturz gewesen auf dieser Bühne; sicher keiner, an dem ich mir etwas getan hätte. Es geht aber in dieser Situation wie immer auf der Bühne um das Vertrauen darein, dass der andere seinen Part erfüllt. Um dieses Vertrauen zu bekommen, muss man gemeinsam üben. Man muss, über die Zeit, zu einer Einheit werden.
Auch eine Klasse sollte eine solche Einheit sein. Nicht, dass einer die Aufgaben des anderen übernehmen könnte. Eine Klausur kann mir ein Mitschüler genauso wenig abnehmen wie einen Monolog. Aber die Klassengemeinschaft kann die Grundlage für das Werden jedes Einzelnen bilden.
Bevor wir eine Aufführung hatten, haben wir uns immer in einen Kreis gestellt. Uns an den Händen gefasst. Unseren Spruch gesagt: “In die Ruhe liegt Kraft / Gemeinsam geschafft / Gemeinsam vollbringen / So kann es gelingen.”
Wir haben dieses Ritual nicht vor den Klausuren durchgeführt. Schließlich musste zu diesen Prüfungen jeder einzeln antreten. Es wäre aber vielleicht auch nicht richtig gewesen. Wir sind in den letzten Monaten keine Einheit mehr gewesen. Nicht allein, dass uns nach der 12 zu viele verlassen haben, um uns weiter “Wir” sein zu lassen.
Diese jungen Menschen haben sich auch immer mehr zu eigenständigen Individuen entwickelt. Nicht, dass wir uns nicht mehr angeschaut hätten. Diese Entwicklung ist kein Zeichen von Zerfall: Ich mag viel mehr von Veränderung sprechen, die häufig das Ende des Liebgewonnenen mit sich bringt.
Der Frühling ist jetzt schon vorüber, wir sehen nicht mehr viele Pflanzen in voller Blüte. Aber wenn wir im April oder Mai an einem farbenfroh blühenden Baum vorbeigegangen sind war uns klar, dass die diese Blüten einmal vergehen müssen, damit die Pflanze Früchte tragen kann.
Genau so müssen wir uns unsere Klassengemeinschaft vorstellen. Die Blüten müssen den Früchten weichen. Um in der Welt zu bestehen mussten aus der Einheit starke Individuen hervorgehen. Aber anders als ein Apfel tragen wir, wenn wir nun mit unseren Zivildiensten, Ausbildungen und Studien beginnen, die Erinnerung an das Vergangene in uns. Dürfen wir aus dem Erlebten schöpfen. Können wir gerade deshalb jeder für sich der Zukunft entgegen sehen, weil wir wissen, was Gemeinschaft bedeutet.


"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith

 

About

This is the about text