Florida 2.0?

27Feb07

In keinem Land der Welt ist so ein großer Teil der Bevölkerung ans Internet angeschlossen wie in Estland: Theoretisch 100 Prozent, denn der Staat garantiert kostenlosen Zugang zum Internet. Wer keinen eigenen PC besitzt, darf an einem der rund 700 öffentlichen Terminals ins Netz. Gratis. Auch ein Traum (nicht nur) deutscher Lehrer ist dort bereits Realität, alle Schulen haben Internetzugang.

Doch der kleine 1,3 Millionen-Staat geht noch einen Schritt weiter: Bei den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag darf auch online abgestimmt werden – und das nicht zum ersten Mal. Bereits im Oktober 2005 gab es einen Pilotversuch bei den Regionalwahlen – an dem sich gut 10.000 der etwa 1 Million Wahlberechtigten beteiligten. Diesmal wird mit dem zwei- bis vierfachen an Onlinewählern gerechnet.

Beinahe jeder Este kann sich an den Wahlen beteiligen, Voraussetzung ist eine sogenannte ID-Card. Dieser “elektronische Personalausweis” ist seit 2002 im Umlauf und lässt sich nicht nur zum Wählen benutzen, ob auf dem Amt, bei der Bank, in der Straßenbahn, der Ausweis des gläsernen Esten ist ein wahres Multitalent. Was in Deutschland nicht einmal für Teilbereiche umzusetzen ist, hat Estland radikal durchgezogen – und die Bevölkerung ist zufrieden.

Eine gänzliche Umstellung auf das elektronische System steht zwar noch in weiter Ferne, doch in Estland lugt sie schon über den Horizont. Umso wichtiger, dass am Sonntag nichts schiefgeht. Im Ausland scheint man deutlich skeptischer zu sein als im Land der Versuchskaninchen selbst. Gulli.com kritisiert die empfohlene Verwendung von Microsoft’s Internet Explorer:

“Daß die ersten online durchgeführten nationalen Parlamentswahlen weltweit auf einer Kombination der “Errungenschaft” des “gläsernen Bürgers” und einer ebenso maroden wie bedenklichen Technologie fußen, mag zurecht nachdenklich stimmen.”

Und angesichts diverser Probleme mit Wahlcomputern in den USA, Niederlanden, Deutschland darf man sicher auch so seine Zweifel haben, ob es sinnvoll ist, Computer für Wahlen zu verwenden. Ein materiell vorhandener Wahlzettel mit Kreuz drauf ist doch etwas anderes als eine Folge von Einsen und Nullen. Zum einen rein technisch: Er ist viel schwerer zu manipulieren; sein System ist erfolgreich erprobt.

Aber es gibt auch einen psychologischen Unterschied. Ein Klick mit der Maus ist doch viel schneller gemacht als ein Besuch im Wahlbüro. Die Macht, die der Wähler inne hat, vermittelt der Wahlschein viel wirklicher als das eVoting. Und gerade das ist es doch, was eigentlich wichtig ist: Das Bewusstsein der eigenen Verantwortung, die man mit seiner Wahl übernimmt.

6 Responses to “Florida 2.0?”


  1. 1 Franky Sunday Posted February 27th, 2007 - 18:43

    Ich glaub ich will nach Estland ziehen :D
    Ne ist aber echt krass, aber wieso schreibst du “Florida 2.0?” Das kapier ich net Simon^^

  2. 2 Christoph B Posted February 27th, 2007 - 19:08

    @Franky: Das ist so eine Marotte von Bloggern, dass sie im Titel ihres Postings auf Links im Posting selbst Bezug nehmen. “Intertextualität” möchte da der geneigte Deutschlehrer jubeln, “endlich wieder Intertextualität”, aber eigentlich steckt da die fiese Absicht dahinter, durch kryptische Einträge zum Selberdenken und Weiterentdecken anzuregen. Nicht wahr, Simon? :D

    und auch @Simon: Wo du schon auf die USA verlinkst, hätte ein Verweis auf Cottbus und oder Twister auch nicht geschadet (bewusst kryptisch, um zum Selber…).

  3. 3 Simon Posted February 27th, 2007 - 19:47

    @ Franky

    Estland wäre mir entschieden zu kalt und hat eine unlernbare Sprache – allein gut anderthalb dutzend Fälle!

    @ Christoph

    Cottbus war das? Jetzt weiß ich auch, warum ich das nicht gefunden habe…

    Nachtrag: Ich habe nun auch für NL und D Beispiele eingetragen.

  4. 4 Christoph B. Posted February 28th, 2007 - 12:30

    Google kenn eine sehr praktische Funktion für sowas: “site:”

    Beispiel:
    sucht man nach

    wahlcomputer site:ccc.de

    oder

    wahlcomputer site:heise.de/tp

  5. 5 Christoph B. Posted March 2nd, 2007 - 11:04
  6. 6 Simon Posted March 2nd, 2007 - 22:55

    Diese Erpressungs-Meldung hat mich auch ziemlich geschockt. Erstaunlich, wie überheblich ein Mensch werden kann. Bleibt zu hoffen, dass mein lieber Freund Wolfgang und seine Kollegen hier mal ihre Computer-Phobie in positiver Weise aufleuchten lassen…

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