Es war ist wieder ein Ausflug mit der Klasse angesagt. Die Kunstgeschichte-Epoche ist zuende und wir kennen uns bestens aus mit Impressionismus, Expressionismus und den restlichen Verbrechen des letzten Jahrhunderts. Man fährt in die schöne Stadt Köln, um dort die einschlägigen Museen zu besuchen – Wallraf-Richartz und die Sammlung Ludwig.
Schon der morgen beginnt vielversprechend: Mit einer Stunde mehr Schlaf als sonst. Den genossen, treffen wir uns langsam aber sicher um neun am Bahnhof – Gleis drei. Die Sonne scheint, wir fahren weg – die Stimmung ist prächtig. Naja, zumindest gut genug, sich nicht zu ärgern. Die Ansagen des Sprechers rauschen an unserem Ohr vorbei, doch Moment – sagte er grad 9.08 Uhr? “Ich wiederhole: Der Regionalexpress von Siegen nach Aachen über Köln, planmäßige Abfahrt 9.08 Uhr, fällt wegen eines Bremsschadens aus.”
Aufstöhnen, aufbegehren – was tun? Eine Stunde – “ich geh noch mal nach hause” – “lass ins Café setzen” – “mal sehen, welche Läden schon aufhaben” wird verplant. “Um zehn Uhr wieder hier!” ruft die Lehrerin in den Pulk. Wir gehen. Die Treppe runter, rechts, links – die einen zu McDonalds, die andern ins Café, nach hause darf man nicht, die Läden haben zu. Macht nichts, die Stunde wird verlebt. Man trinkt Café oder Cola, für so manchen ist auch acht Uhr morgens zum Aufstehen noch zu früh.
Wir sind wieder da, eine Stunde später. Ich habe noch ein paar Schäublonen geklebt, unterwegs. 10.10 Uhr, 10.15 – der Zug kommt, verspätet. Was erwarten wir schon? Das ist die Deutsche Bahn AG, wir fahren auf eigene Verantwortung! Im Zug wird geredet, gelesen – Homo Faber, Deutsch ist wichtig, oder doch lieber Süddeutsche, Bild? Wir unterhalten uns, dies, das jenes, ich löse ein Rätsel in anderer Leute Neon, macht nix, mag ich nicht, Aufregung. Was ist los? Die Schaffnerin kommt, man muss jetzt Namen auf den Tagestickets angeben. Fünfergruppen, Fünfergruppen! Wer fährt früh, wer später? Was ist früh, was später? Wir hatten zwei Termine geplant, jetzt kommt die Verspätung durch den ausgefallenen Zug dazwischen. Neue Termine. Wer will früh, wer will spät? Ja, nein, doch, bitte, hab schon. Die Lösung naht, Köln auch. Kein Problem, aber mit Verspätung. 20 Minuten, sagt der Zugführer.
Wir sind da. Es sind nur 15 Minuten; achja, und die eine Stunde. “In einer Viertelstunde auf der Treppe vorm Dom!” Die Lehrerin. Man will noch essen, trinken. Wo ist McDonalds? Hier! Ich nehme Brezeln. Schmeckt sogar. Und her mit dem Photoapparat! Knips, knips – Bild hier, Bild da, keiner will drauf sein, alle sehen.
Wir kommen an. Die Klasse steht im Pulk am oberen Rand der Treppe und wartet. Letzter. Es kann losgehen. Wallraf-Richartz fällt aus – keine Zeit. Wir gehen direkt ins Museum Ludwig. Taschen einschließen – “wenn ihr noch Karten für das Heft kaufen wollt, nehmt eure Portmonnaies mit!” Die Lehrerin. Portmonnaies nehmen. Karten verteilen. “Haben alle?” Nein. Losgehen. Meine Kamera hat leere Akkus. Austauschen. Auch leer. Falsches Päckchen mitgenommen. Keine Bilder.
An der ersten Treppe steht eine Statue von Nikki de Saint Phalle. Ich weiß es. Egal, interessiert nicht. Ist auch nicht schön. Aber dicker Arsch. Wir gehen hoch. Beginn – die Expressionisten der Brücke, wichtig! Den Blauen Reiter hatten wir schon in der Schule. Die Bilder der Brücke sind hässlichen. Ich gehe. Sehe. Chagall zum Beispiel, schon interessanter. Wir gehen. Hier und da – “Was ist das” Die Lehrerin. Kubismus, Dadaismus, Rundlauf durch die Kunstgeschichte, 20. Jahrhundert. Wir verirren uns. Nur noch zu zweit. Ein Dalí, wunderbar. In Öl – ganz feine Zeichnungen. “Bitte treten sie etwas zurück!” Der Wärter. Natürlich, man soll Kunst schätzen, aber erfahren, staunen? Nein, danke. Sie könnte beschädigt werden. In dem Bild hat Dalí einen Schnitt auf die Leinwand gemalt.
Wir gehen weiter, wo sind die anderen? Verschwunden. Hier nicht – IKB 73. Yves Klein. Interessant. Und ein Auto, zu einem Quader gepresst. Kunst? Nein, Ja, lass zurück gehen. Wir finden andere Bilder. Schwarz, glänzend auf Schwarz, matt. Interessant. Das sieht cool aus.
Die anderen sind unten. PopArt. Hässlich. Und ein großes Bild von Roy Liechtenstein – kennen wir schon. Seltsame Installationen. Männer zerschrotten ein Auto. Pornos. Müll. Trash-Art. Langweilig – wir können wieder gehen. Noch eine halbe Stunde. Zurück zu Dalí. Raus.
Im Shop Karten kaufen – es gibt keinen Picasso. “Doch, hier!” – nein, der falsche, es sollen “diese Frauen” sein. Wir haben einen Film gesehen. Und Bilder von Frauen mit seltsam verschobenen Gesichtern. Ein Totenkopf mit Schachbrettmuster – gefällt mir. Und natürlich Munchs Schrei. Tolles Bild. Wir gehen.
Es geht durch die Stadt – zwei Stunden freie Zeit. Wir haben verlängert. Erst hier, dann dort. Shoppen, besonders die Mädchen. Wir auch. Lustige Mütze bei H&M anprobieren – aussehen wie einer der Sieben Zwerge. Zu zweit in einen Laden. Die anderen sind gegenüber. T-Shirts finden, anprobieren – mit “The Who”-Aufdruck. Nicht schlecht, nicht gut, später vielleicht. Heraustreten, keiner da. Suchen, laufen, suchen, warten, Handy ohne Geld. Pommes kaufen, Telefonzelle finden – Handy aus. Suchen, laufen – Rückruf. Im McDonalds, wo sonst. Suchen, laufen, finden. Hinsetzen, weitergehen. Die Straßen runter, wieder rauf, hier schauen, dort schauen – Batterien kaufen. Zurückgehen.
Ich mache Photos, klick, klick, klick – hab ich dich. Keiner will drauf sein, jeder will sehen. Wir sind am Bahnhof, sitzen, warten auf der Treppe. Der Wind ist kräftig. 16.15 Uhr, wir gehen. Gleis drei. 16.30, der Zug kommt. Jetzt, aus Aachen, ist er voll. Hinein, hinein, haltet Plätze frei! Wir kriegen keine. Warten auf die letzten Nachzügler, die sind noch im McDonalds. Sie kommen, wir suchen, finden Plätze. In Durchgang, aber was solls? Sieben sind genug.
Und wieder Rückfahrt, sitzen, plaudern, witzeln, Photos machen, filmen. Neue Durchsage, kurz vor Eitorf: Der Zug muss dort halten, für unbestimmte Zeit. Irgendwo dahinter brennt es an den Gleisen, die Feuerwehr ist im Einsatz. Ärger, Wut, wir wollen heim, es gibt Termine. Sport, Tanzen, Freunde warten.
Im Bahnhof von Eitorf. Sollen wir im Zug warten? Keiner weiß wie lang es dauert. Durchsage. “Voraussichtlich 30 Minuten”. Hinaus auf den Bahnsteig, zum Kiosk, aufs Klo. Die Rucksäcke nimmt man besser mit raus, wer weiß? Man steht und plaudert, ein bisschen locker, ein bisschen genervt. Essen, trinken. Zehn Minuten. Neue Durchsage. “Die Strecke ist geräumt, wir können weiterfahren!” Einsteigen, schnell wieder auf die Plätze! Geschafft. Sitzen, losfahren. Wo ist eigentlich…? Nicht da. Anrufen. “Wo seid ihr? … der Zug ist weg! … nein, ehrlich: Der Zug ist abgefahren! … Wir sind da drin!” Noch fünf an der Tankstelle. Haben sie eine Fahrkarte? Zum Glück ja. Wer sorgt für das Gepäck? Aufregung, Gerede, Ärger, “das kann man nicht machen!”. Weiterfahren.
Die ersten steigen aus, Betzdorf, Kirchen liegen an der Strecke. Wir sind eine weniger. Die Schaffnerin kommt. “Habt ihr die Fahrkarte?” – “Nein, die hat sie…” Ohne Fahrkarte im Zug. Zurück zu den anderen, verstecken. “Die hat die Fahrkarte” – gerade noch hereingereicht. Glück gehabt. Schaffnerin kommt gar nicht. Umsonst aufgeregt.
Siegen kommt näher. Gleich sind wir da – hoffentlich. Wer weiß das auf dieser Fahrt schon? Ankunft. Rucksack schnappen, raus. Die Beine sind schwer – zum Glück ist es nicht weit. Lachen – einer muss noch Zeitung austragen. Der Bus kommt – sogar pünktlich. Endlich, endlich Ruhe.
Und eine klare Entscheidung: Wir alle lieben die Deutsche Bahn.



Hallo. Interessanter Einblick in die Schülerperspektive.
Aus Lehrersicht klingt der Lehrausgang (so nennen wir das) recht chaotisch, wenig durchgeplant. Gab es gemeinsame Aktivitäten, Lehrziele, Vor+Nachbereitungen … oder spielt das aus deiner Sicht einfach keine erwähnenswerte Rolle?
Es spielt eher aus meiner Sicht keine erwähnenswerte Rolle
Der Museumsbesuch war schon mit einer Führung durch unsere Lehrerin verbunden, die anhand der Bilder bestimmte Unterrichtsthemen verdeutlicht und anschaulich gemacht hat. Daneben war im Grunde als Aufgabe noch ein Bildvergleich gegeben, der allerdings aufgrund der verkürzten Besuchszeit ausgefallen ist.
Hauptsächlich war dieser Besuch natürlich auch eine Abschlussveranstaltung. Das lag mit daran, dass wir diese Woche keine reguläre Schule gehabt haben, d.h. der Freitag als Schultag isoliert gewesen wäre.
Ja, mit dieser Realität müssen wir leben. Für Schüler ist eben meist alles andere wichtiger als die Ziele der Lehrer:-)