Ein alter Mann lebte in einer kleinen Stadt. Er hatte ein Haus, das auf einer schönen Wiese stand, mitten in der kleinen Stadt. Im Sommer blühte ein Apfelbaum neben seiner Tür und bunte Blumen standen in allen Farben auf dem Rasen.
Doch die Kinder rannten immer wieder unbedacht darüber hinweg, weil sie von einer Straße zur anderen wollten, und trampelten mit ihren Füßen die Blumen nieder. Sie rissen dem Löwenzahn die Köpfe ab, bevor sie weiß werden konnten, und zerstörten die zarte Schönheit der Blüten. Aber der alte Mann liebte die Blumen, und er stellte ein weißes Schild in seinen Garten, auf dem in schwarzer Schrift stand: „Betreten des Rasens verboten“. Doch die Kinder waren jung und wild und sie beachteten das kleine Schild nicht. Weiter töteten sie rüde Vergißmeinnicht und Gänseblümchen, nur die dornenbewehrte Rose verschonten sie.
Der Mann war traurig darüber, aber die Kinder merkten es nicht, und wenn, dann machten sie sich über den alten Mann lustig, der zu langsam war, um sie zu haschen und seine Stimme zu brüchig, die Kinder zu schelten. Und so bestellte er eines Tages einen Handwerker, der einen Zaun um die Wiese zog, einen schönen Holzzaun aus glänzenden weißen Latten, die in der Sonne schimmerten und einem Törchen, durch das man hineintreten konnte.
Die Kinder sahen den Zaun in ihrem gewohnten Weg stehen, als sie am nächsten morgen wieder vom einen Garten zum anderen rannten und sprangen. Und sie sprangen über den niedrigen Zaun und rannten über den Rasen und knickten die gelben Tulpen und weißen Glockenblumen in den Beeten. Lachend rupften sie die Blätter der roten Rose und brachen ihre festen Dornen, und der Mann hörte sie und sah ihr Treiben. Doch das Lachen klang ihm wie Spott und ihre Späße kamen ihm wie Hiebe vor. Er dachte lange nach, wie er die Kinder fernhalten könne, um die zarte Schönheit der Blumen zu schützen, denn sie waren seine größte Freude. Schließlich rief er einen Maurer, der zog auf seiner Leiter eine hohe Mauer um das Haus und ein Schmied setzte eiserne Dornen darauf, damit sie keiner überklettere und schuf ein großes Tor mit einem schweren Schloss davor.
Als er am nächsten Morgen von der Sonne erwachte, sah der alte Mann aus dem Fenster seines Hauses und betrachtete die friedliche Schönheit der Blumen. Er sah das Liebesrot der Rosen und das Blau der Veilchen und war sehr zufrieden. Doch als er hinaustrat, um seinen Garten zu genießen, flog ein Apfelstiel über die Mauer und knickte einen Blütenkelch. Wütend, dass seine Ruhe gestört wurde, rannte der Mann zum Tor, doch dort war niemand – der Übeltäter nicht zu entdecken. Der alte Mann aber kochte vor Wut, dass die wilden Kinder – er hörte ihr Lachen, ihr Lachen hinter der Mauer – seine Blumen nicht in Ruhe lassen wollten. Und er ließ ein bekanntes Bauunternehmen kommen mit einem massiven Gerüst und Bauwagen und vielen kräftigen Arbeitern, welche die Mauern so hoch in den Himmel bauten, dass kein Kind mehr hinüberwerfen konnte.
Doch als der alte Mann Tags darauf im Licht der aufgehenden Sonne – und sie ging spät auf, der hohen Mauer zuschulden – die Pracht des Gartens betrachten wollte, sah er die neue Mauer verunstaltet. Und er rannte hinaus, doch alles, was er sehen konnte, waren die bunten Schmierereien auf der weißen Tünche und das aufgebrochene Schloss des Tores und die gebrochenen Köpfe seiner Blumen. Da wurde der alte Mann von einem glühenden Wahn gefasst und er nahm die schweren Steine, die vom Bau der Mauer noch übrig geblieben waren, und verschloss mit ihnen die Öffnung des Tores. Und er riss die Wände seines Hauses ein und kletterte auf das Gerüst der Bauarbeiter und setzte die Ziegel das Hauses auf die Krone der Mauer. So zog er immer weiter nach oben, bis die Sonne unterging und er nichts mehr sehen konnte, aber auch die Wände des Hauses waren vollständig abgetragen.
Er bettete sich unter die kalten Plastikplanen eines Zeltes, aber er war glücklich und stolz, als er einschlief, denn nun konnte niemand mehr seine Mauer einreißen. Doch als der alte Mann abermals erwachte – die Sonne ging gerade auf, aber sie war nicht mehr als ein feiner grauer Schimmer am oberen Ende der Mauer, und im Garten des Mannes bemerkte man sie kaum noch – waren die Blumen verdorrt und der Apfelbaum vertrocknet. Der alte Mann aber war immer noch gefangen in seinem Wahn, und er merkte es nicht. Er begann, seinen Garten nach Steinen umzugraben, die er auf die Mauer setzen könne, denn er fürchtete immernoch, dass jemand sie erklettern könnte, um ihm zu schaden. Und er arbeitete wieder den ganzen Tag lang. Das wandern der Sonne bemerkte er nur noch, wenn er ganz oben auf der Mauer stand und heruntersehen konnte auf die dünnen grauen Linien der Straßen, die an seinem Haus entlangführten, und die wilden Kinder, die dort unten ganz klein mit einem Ball spielten. Doch schließlich war er müde, und erschöpft legte er sich schlafen. Um ihn herum war die Erde umgegraben, und wo man noch Gräser und Blumen sah, da waren sie gelb und bleich, weil sie keine Sonne mehr sahen, und die kräftige Farbe der Blüten war aus ihnen gewichen. Und auch aus dem alten Mann war die Farbe gewichen und er war dürr und vertrocknet, weil er nur noch an seine Mauer dachte und nicht mehr aß oder trank.
Am nächsten Morgen erwachten die Bürger der kleinen Stadt von einem lauten Donnern, just in dem Moment, als die Sonne über den sanften Hügeln am Horizont hervortrat. Als sie aus ihren Häusern traten und in die Richtung des Getöses eilten, sahen sie die Mauer des alten Mannes eingestürtzt. Die Menschen hatten sich schon lange über das Bauwerk geärgert, dass ihnen das Licht wegnahm, und eigentlich waren sie froh, dass die Mauer nicht mehr da war. Doch sie hatten nichts gegen die Mauer unternommen, denn sie hatten zu viel zu tun, und eigentlich ging es sie ja auch nichts an, was der alte Mann machte – immerhin war es ja sein Garten. Nur die Kinder hatten hin und wieder Graffitis auf die weißen Mauern gesprüht und wohl auch versucht, sie zu erklettern, doch das wusste keiner so genau, denn sie hatten es nachts und heimlich getan, damit sie keiner entdeckte.
Nun machten sich die Männer der Stadt daran, in den Trümmern nach dem alten Mann zu suchen, doch sie fanden ihn nicht mehr, so klein und vertrocknet war er in seinem Hass geworden. Und schon bald spielten nur noch die Kinder auf den früheren Garten, gewarnt von ihren Müttern, während der Löwenzahn seinen Weg durch das verwitterte Gestein suchte und schon bald wieder gelb und groß blühte.



Der Junge hat Begabung !