Kurt Beck

15Jun07

war heute in Siegen. Hat seinen Parteikollegen Detlef Rujanski bei der Bürgermeisterwahl unterstützt. Ein subjektiver Bericht.

14:20 Ich komme an. Noch fast eine dreiviertel Stunde bis zum Beginn. Plaudern mit Freunden, die auch dort sind, um Big Beck zu sehen. Nach einer halben Stunde gehen wir auf die Siegplatte, wo die Veranstaltung stattfinden soll. Um drei.

14:55 Eine Band baut ihr Equipment auf. Die Verrückten von ver.di im Anmarsch, trillerpfeifenbewehrt wie immer. Die Musiker wollen spielen. Die ver.dis wollen pfeifen. Die Musiker werden wütend. Spielen aber guten Rock, als die Nervensägen fertig sind. Der Sänger sieht aus wie Roger Cicero und klingt wie ein Heavy-Metal-Sänger. Ein Rocker mit breiten, tätowierten Oberarmen spielt Mundharmonika. Die Alten auf den Bänken meckern. Sie wollen Ruhe. Leider kann sie keiner hören. Außer mir, leider. Also mecker ich zurück. Sollen sie halt woanders hingehen, Heino kommt hier nicht auf die Bühne.

15:15 Es regnet. Es regnet sogar verdammt stark, und wir haben keine Regenschirme dabei. Kommen aber bei einem altgedienten, jedoch kritischen Sozialdemokraten unter (vielen Dank nochmals, auch sie es nicht lesen werden…). Dafür versprechen wir, eine bessere Welt aufzubauen. Nach unseren Vorstellungen. “Unsere Generation hat das ja auch gemacht. Was draus geworden ist, sieht man ja – alles scheiße.” Ich liebe diesen Humor. Killerspiele werden olympische Disziplin.

15:25 Der Regen hat aufgehört. Beck frühstückt mit Telekomikern. Pommes rot.

15:40 Beck kommt. Ich stehe ganz vorne. Willi Brase begrüßt ihn. Ein seltsames Gesicht.

15:45 Detlef Rujanski spricht. Der hatte bei den letzten Wahlen die absolut hässlichsten aller Plakate. Aber nun ein nettes Programm. Will uns den Boden unter den Füßen abreißen – weg mit der Siegplatte! Rasen wäre bei diesem Regen ein Schlammfeld.

16:00 Kurt Beck spricht. Viel bessere Stimme als Rujanski. Für einen Rhetorikschüler wie mich eine eindrucksvolle Vorstellung. Die ver.dioten rufen Schlagwörter herein. Soll ich auch rufen? Beck kontert. Immer auf du. Bin ich auch sein Freund? Er wird langsam böse, die ver.dissidenten nerven ihn. “Hartz IV!” – “Da hast du genau erkannt, worüber ich gerade rede”. Die ver.diebe können ihm die Show nicht stehlen, sein Auftritt ist souverän. Einmal ist er kurz heiser, Brase springt als Wasserträger heran. Die Kollegen unterhalten sich. Beck ist auf der linken Schiene. Arbeitsplätze, Telekomstreik, Gewerkschaften. Das Ziel ist klar, aber interessant sind nur seine rhetorischen Fähigkeiten.

16:30 Kurt Beck ist fertig. Seine Rede, nicht er. Begrüßt alte Mitkämpfer, ganz freundschaftlich, menschlich. Stellt sich einigen Fragen, diskutiert ein wenig. Ich stelle mich an seiner Route auf. Gleich ist er da. Ich drücke Detlef Rujanski die Hand. “Gegen Vorratsdatenspeicherung und Überwachung. Setzen sie sich dafür ein!” Eigentlich bin ich von ihm überrascht, ich warte auf Beck. Aber es kann nicht schaden, bei diesem Thema kann keine Erwähnung schaden. Dann kommt Beck. Er spricht noch mit jemand anderem, ist fast vorbeit – und wendet sich tatsächlich noch mir zu. “Herr Beck!” Der gleiche Spruch wie bei Rujanski. Oder so ähnlich. “Für unsere Demokratie!” – Beck schon weiter, ein kontinuierliches Hören, Antworten, Weitergehen – er muss noch woanders hin. Die Bodyguards drängen. Aber ich habe es ihm gesagt. Hoffentlich hört er auf mich! Ich gehe.

7 Responses to “Kurt Beck”


  1. 1 hutzel Posted June 15th, 2007 - 22:00

    du bist ein richtiger held!!!
    aber ich glaube du hast was gegen unsere lieben mitmenschen von ver.di……oder liege ich da falsch??

  2. 2 Jochen Hoff Posted June 15th, 2007 - 22:07

    Ja.

    Hätte er Ohren zu Hören,

    Aber er hat Bertelsmann und INSM. Er muss nicht mehr hören. Er ist wichtig. Sie werden ihn feiern und dich verurteilen.

    Tut mir leid. Das mit der Freiheit und den Bürgerrechten war nur ein Traum. Das ist Beck, nicht Brandt. Willy hätte dich umarmt und nachgedacht. Aber bei Willy hättest du nicht fragen müssen.

    Ich bin viel zu betrunken um zu weinen. Aber meine Seele schreit. Das war mal meine Partei, für die wäre ich gestorben.

  3. 3 Christoph Posted June 16th, 2007 - 00:37

    Es passt wohl nicht zu jemandem, der erst am Anfang seines beruflichen Werdegangs als Pädagoge steht, zu sagen, dass er im Grunde den Glauben an seine Umwelt verloren habe. Aber wenn ich mir in zehn Jahren überhaupt noch im Spiegel gegenüber treten können will, geht es wohl nicht anders. Herr Gott, Simon, hast du allen Ernstes geglaubt, ein Herr Beck hörte dir zu? Bliebe stehen? Für dich?

    Nach der Wahl ist vor der Wahl, wie mein Vater einer befreundeten FDP-Politikerin, wohl als Gratulation gemeint, zum zweitweiligen Einzug in den Bundestag seinerzeit erklärte. Ein halbes Jahr später auf dem Schützenfest hat mir besagte Politikerin (natürlich als Freundin meiner Eltern) ein Eis spendiert, dass ich dankend (ob meiner guten Manieren) angenommen und unmittelbar danach (ob meines Stolzes) im Mülleimer entsorgt habe. Damals konnte ich noch sagen: “Parteispenden nehme ich nicht an.”

    Heute weiß ich, dass es scheiss egal ist, ob ich das Eis esse oder nicht. Es interessiert die Gönnerin nicht. Herrn Beck genügt seine Anwesenheit im Volke völlig, um dem Irrglauben zu verfallen, er ließe sich auf selbiges tatsächlich ein. Letztens habe ich im Netz einen guten Witz gelesen, er ging etwa so: §20, Absatz 4 GG: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.

    Danach fragte mich ein guter Freund: “Willst du wirklich Lehrer im Staatsdienst werden?”

  4. 4 Simon Posted June 16th, 2007 - 01:43

    @ Christoph:

    Das ist eben der Unterschied zwischen Hören (habe ich geschrieben) und Zuhören (habe ich nicht geschrieben).

    Doch gerade du – eifriger Schreiber langer Briefe – solltest doch wissen: Erwähnung interessiert. Natürlich, ich bin nur einer, aber ich träume davon, dass das ganze Volk aufsteht und in die Ohren unserer Politiker ruft: “Freiheit statt Angst!”

  5. 5 Dany Posted June 16th, 2007 - 14:34

    Hallo Simon, egal ob Herr Beck Dir wirklich zugehört hat oder nicht, ob er sich heute noch an Dein Gesicht erinnert oder nicht, Du kannst Dir nichts vorwerfen.

    Würden alle Menschen denken, dass nur das Eingehen auf eine Aussage relevant sei, würde demnächst niemand mehr demonstrieren gehen. Glaubt denn da jemand, dass Frau Merkel, Herr Schäuble oder sonst wer ZUHÖRT? Nachdenkt? Reagiert?

    Wir in Deutschland haben zulange die Zügel aus der Hand gegeben und wenn wir ehrlich sind, gefällt das den meisten Menschen leider auch so. Die wenigsten engagieren sich und wollen etwas bewegen.
    Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus: Wer daran in den letzten 20 Jahren geglaubt hat, sollte aus seinem Traum mal wieder aufwachen. Der einzige Tag, an dem wir vielleicht noch ein bisschen was zu melden haben, ist der Wahlsonntag – und an dem nehmen bekanntermaßen immer weniger Menschen teil. Unsere Politiker sehen ihre Legitimation leider nicht im Wählerwillen, sondern in ihren eigenen egoistischen Sichtweisen und der maßlosen Arroganz hinsichtlich ihrer nicht vorhandenen Allwissenheit.

    Trotzdem Simon, Hut ab, dass Du Herrn Beck ins Gesicht gesehen und Deine Meinung vertreten hast.

  6. 6 Simon Posted June 16th, 2007 - 14:53

    Herr Beck war ja im Vorfeld unserer Bürgermeisterwahl im Semptember in Siegen. Für mich ist das ein wichtiges Ereignis: Meine erste Wahl. Ich werde natürlich hingehen – und ich werde versuchen, möglichst viele meiner Freunde zu animieren, ebenfalls zu wählen. Grün wäre mir natürlich am liebsten – aber egal für welche Partei sie am Ende stimmen, wichtig ist, dass sie sich Gedanken darüber machen!

Who's linking?

  1. 1 Hans-Dieter Ernst: Bürgermeister für Siegen? : simoncolumbus.de Pingback on Jul 22nd, 2007
    "[...] Weil ich eben nicht nur das Lob des Arbeiters anhören musste (wie noch vor einiger Zeit bei der Rede ..."

Leave a Reply


Comment guidelines: No spamming, no profanity, and no flaming. Inappropriate comments will be deleted outright.




"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith