Das Prinzip Angst

25Jun07

Warum raucht er eigentlich?

“Du bist intelligent, du brauchst dir keine Sorgen machen. Du hast keine Probleme in der Schule. Du weißt gar nicht, wie das ist.”

Weiß ich nicht? Ich weiß nicht, was Sorgen, Probleme sind? Ich weiß in der Tat nicht, was diese Probleme heißen: Schlechte Noten. Aber weiß ich deswegen wirklich nicht, was Probleme sind? Habe ich keine Sorgen?

Für viele Schüler scheint das so zu sein. Es gibt nur noch Schule, Schule, Schule. Noten, Zeugnis, Versetzung, Abschluss, Abi. Sorgen, Sorgen, Sorgen. Die Schüler fixieren sich auf die Schule: Lebenssinn, Lebenszweck. Einer der Macher von Southpark hat es in Bowling for Columbine perfekt ausgedrückt: “Wenn du diese Arbeit nicht schaffst, schaffst du die siebte Klasse nicht. Schaffst du die siebte Klasse nicht, wirst du nicht versetzt und schaffst auch die achte Klasse nicht. Und dann wirst du von der Schule geworfen und keiner mag dich und du bist ein Loser und stirbst arm und einsam und verlassen.” (sinngemäß, ich kann leider die DVD nicht abspielen)

Das ist ein Bild der amerikanischen Schulen vor sechs, sieben Jahren. Es ist das Bild der deutschen Schulen – jetzt, heute, an diesem Tag. Den Schülern wird Angst gemacht: Vor den Arbeiten, den Zeugnissen, der Schule, den Lehrern – dem Leben, dem Versagen. Versagen: In der Schule schlecht sein. Vielleicht nicht das Motto des Einzelnen, aber zuletzt immer der Gruppe. Die Gewalt an einigen Schulen, besonders in Berlin: Geboren aus dem Versagertum. Die Täter (nicht die Individuen, sondern eine ganze gesellschaftliche Schicht): Abgestempelt als Versager, Nichtskönner – Chancenlose.
Aber auch: Die saufenden Jugendlichen an den Wochenenden: Flüchtlinge vor der Druckwelle der Angst, die ihnen an den Schulen entgegenschlägt. Angst vor dem Versagen, Angst davor, durchzufallen. In der Schule. Im Leben.

Und mir geht es wie diesem Typen bei Michael Moore: Warum sagt ihnen keiner, dass Schule nicht alles ist? Natürlich, er und sie und sie auch erkennen es. Aber er und er und er und sie und er und sie und sie und sie auch: Sie erkennen es nicht. Die Mehrheit erkennt es nicht, weil ihnen von “den” Erwachsenen, von den Medien, den Politikern die Schreckensfratze des Versagens vors Gesicht gehalten wird, mit immer neuen Prüfungen, Tests, Regeln und Abschlüssen, die es zu bestehen gilt. Was auf der Strecke bleibt: Das Leben. Wie sollen Jugendliche, denen immer wieder nur die Nötigkeit des Lernens – Ziel: Abitur (in meiner Schule zumindest) – vor’s Auge gehalten wird noch wirklich leben, Jugend leben? Kein Wunder, wenn sie dann – Abi geschafft, Abi nicht geschafft – plötzlich im Leben stehen und sich erst einmal umsehen müssen wie Menschen, die man auf einer wildfremden Kreuzung ausgesetzt hat. Kein Wunder, dass die Hälfte einer Abiklasse “mal sehen” als Zukunftsvorstellung angibt: Vorher konnte man nichts sehen, denn der Tunnelblick war längst auf’s Abitur justiert seit der zehnten, seit der neunten Klasse. Und wehe denen, die vom rechten Pfad abgekommen sind!

Angst ist der Ausweg, der Fluchtpfad des Demagogen vor der Verantwortung. Es bedarf Kraft, seelischer Stärke, sich gegen den panischen Strom der Masse zu wenden. Man riskiert, niedergetrampelt zu werden. Aber wer sich durchkämpft, steht nachher als erster am Buffet und kann grinsend auf die Rückkehr derer warten, die noch früh genug vor dem Absturz aus der Horde ausgescheert sind. Die ihren Blick abseits des Trampelpfades der Angst gerichtet und den Rettungsanker gefunden haben, anstatt sich von der Peitsche des Demagogen ins Verderben treiben zu lassen. Selbstverwirklichung statt Systemtreue – die Rettung vor der Angst. Denn wer an seine Ziele glaubt, braucht die Schreckgespenster der anderen nicht zu fürchten. Schüler! Es gibt ein Leben nach der Schule, ein Leben neben der Schule, ein Leben ohne Schule. Ein Leben, dass es wert ist gelebt zu werden. Und nicht nur begafft wie auf einem Landausflug. Leben: Eine Sache haben, für die man sich einsetzt. Mehr als für die nächste Mathearbeit.

4 Responses to “Das Prinzip Angst”


  1. 1 Der Gote Posted June 25th, 2007 - 21:45

    Hey wir sind mal einer Meinung!!
    Find ich gut das du dazu was schreibst…
    Wünsch dir noch schöne Ferien!!!

  2. 2 N. Garotti Posted June 27th, 2007 - 02:37

    Simon,ich bin fasziniert!
    Nein.Ehrlich gesagt ,schon fast erschocken,mit welcher Leichtigkeit du deine Texte zu schreiben pflegst.Man spürt es einfach in jedem artikel.Wie leicht du dich über Themen jenseits -zumindest- meiner justierten Welt
    zu informieren weisst,um dann einen von informationen und wissen geladenen text zu schreiben,der mich so beeindruckt,dass ich Dir einfach einen Kommentar zurücklassen muss.
    Gute Gedanken,
    Gute Ideen,
    Gute Formulierung.
    Weiter so.

  3. 3 Simon Columbus Posted June 27th, 2007 - 02:46

    Danke, Nic! ;)

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  1. 1 Vielfa[e]ltigkeit : simoncolumbus.de Pingback on Oct 18th, 2007
    "[...] Künstler. Freiheitskämpfer. Friedensaktivist. Frei-Denker. [...] "
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"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith