Shampoo-Blogger

26Jun07

Ich fühle mich ein wenig wie ein frisch nach Shampoo und Badezusätzen duftender Tourist in einem Ghetto, wenn ich so vergleiche, was ich auf der einen Seite lese – und was ich selber schreibe.

Ich habe in den letzten Tagen eine Menge neuer Blogs in meinen Feedreader aufgenommen, größtenteils in englischer Sprache. Normalerweise kommen diese Blogs erst einmal für ein, zwei Wochen auf “Probe”, bevor ich sie auch in die BlogRoll setze. Manchmal aber bin ich direkt beim ersten Lesen getroffen: Ich weiß: “das ist es!”.

Zwei Blogs dieser Art habe ich in den letzten Tagen entdeckt, beide über Global Voices Online: “Days of My Life” der Irakerin “Sunshine” und “William Kamkwambas Malawi Windmill Blog“. Zwei Blogs, bei denen mich die Menschen, die dahinter stecken, mit ihren Geschichten beeindrucken – zwei Blogs, bei denen ich mich als Leser ganz klein fühle.

Was soll ich als mehr oder weniger wohlsituierter Westeuropäer schon Sunshine entgegensetzen, die in einem Kriegsgebiet lebt, deren Verwandte teilweise ermordet wurden und die quasi dauerhaft in Lebensgefahr schwebt? Das wir in Deutschland einen paranoiden Innenminister mit Überwachungsphantasien haben??? Ich kann mich nur verbeugen vor dieser Kraft, trotzdem zu leben, noch Dinge zu beginnen und sich freuen zu können, in dieser Lebenslage, in der alles jederzeit zerstört werden kann. Ich renne hier in unserer Konsumgesellschaft vor Gefühlen davon, die nur die Abziehbilder dessen sein können, dem dieses Mädchen – 15! 15 Jahre! – jeden Tag ins Gesicht schauen muss.

Und zum anderen: Wenn ich Williams Blog lese, dann schäme ich mich für jede nicht gemachte Hausaufgabe, jede schlechte Schulnote, die ich durch Schludrigkeit eingefahren habe. Was soll ich sonst tun, wenn ich von diesem jungen Mann, der er nun ist, lese, der trotz großartiger Talente die Schule abbrechen musste, während ich meine Bildungsmöglichkeiten hier nicht einmal voll ausnutze. Während ich hier auf der faulen Haut liege, macht er etwas. Respekt. Respekt davor, nicht aufzustecken, sondern seine Talente zu schulen und zu nutzen – eine Kraft, die ich nicht (immer) habe.

Aber das eigentliche ist doch: Wo ist das Gefühl? Wir leben in einer so verweichlichten und gleichzeitig abgestumpften Gesellschaft, in der die wichtigsten Themen ein einzelner, in Haft steckender Jugendlicher – in der Zeit, die er im Gefängnis sitzt, sind so viele unserer Altersgenossen, 17 wie er und ich, ums Leben gekommen! – und eine harmlose Tierkrankheit sind. In der sich die Menschen über 345 € pro Monat aufregen, plus Wohnung – ich glaube kaum, dass William soviel zur Verfügung hat! Ich sehne mich geradezu nach einer echten Herausforderung, nach einer Barriere, die es zu überwinden gilt – wie pervers angesichts der Sorgen und Nöte, die so viele Menschen zu erleiden haben! – und doch, manchmal wünsche ich mir, mit ihnen zu tauschen. Auszubrechen aus dieser wattierten Welt, einer angenehmen, einer schönen Welt – einer Welt ohne Herausforderungen. Einer Welt ohne die Chance, zu wachsen. Einer Welt, die zu gut ist, als dass wir unser Glück noch spüren könnten.

1 Response to “Shampoo-Blogger”


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  1. 1 31. August: Blog Day! : simoncolumbus.de Pingback on Aug 31st, 2007
    "[...] Wie versprochen stelle ich euch zum “Blog Day” fünf meiner englischsprachigen Lieblingsblogs vor. Mit zwei von ihnen habe ich ..."
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"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith