.lit Balzac und die kleine chinesische Schneiderin von Dai Sijie

28Jul07

Ich setze mich gerne – meistens Samstag, vielleicht Fünf Uhr nachmittags – in den örtlichen Hugendubel, der nämlich, was sehr angenehm ist, beinahe unbegrenztes Lesen in angenehmer Atmosphäre erlaubt. Tritt dieser Fall ein, nehme ich mir ein Buch – ein Taschenbuch mit weniger als 200 Seiten – und beginne zu lesen. Ich schwöre mir immer: “Wenn ich bis Ladenschluss nicht durch bin, kauf’ ich es.” Nun, bisher war ich immer schnell genug. So auch diesmal:

“Balzac und die kleine chinesische Schneiderin” ist das erste Werk des im französischen Exil lebenden chinesischen Filmemachers Dai Sijie. Es erzählt von zwei jungen Chinesen, Ma und Luo, die, in Zeiten der Kulturrevolution als Intellektuelle aufs Land geschickt “obwohl wir nicht einmal die Chance hatten, ein Gymnasium zu besuchen”, dort die Liebe entdecken, Liebe zur Literatur und zu ihrer kleinen Schneiderin. Der Erzähler trägt den Leser durch diese Geschichte in einer unwirtlichen, kargen Bergregion und Zeiten harter Arbeit und lässt doch die physischen Strapazen in den Hintergrund treten, wenn Balzac und die kleine Schneiderin die Sinne der beiden ansprechen. Dai Sijie verarbeitet hier Erfahrungen seiner eigenen Zeit in der Umerziehung durch das kommunistische Regime, was sich in der Authentik des Hintergrundes zu den Elementen der Hingabe in diesem Roman widerspiegelt.

“Balzac und die kleine chinesische Schneiderin” ist eine Hommage an das Wort und an die Erzählung. Die Hingabe der beiden Jugendlichen, als sie die verbotenen Werke der westlichen Literatur, Romane von Balzac und Dumas, französischen, deutschen, russischen Romanciers für sich entdecken, wird geschildert im Stile eines Erzählers, dass man sich fast im Publikum eines chinesischen Hakawatis wähnt – das Erzählen, dass auch in der Handlung einen wichtigen Stellenwert hat für die Entwicklung der beiden Verbannten, denen die Literatur die Augen öffnet für Leben, Liebe und Sexualität – gespiegelt von der “kleinen Schneiderin”, in die sich Mas Begleiter Luo verliebt und die er mit den Geschichten Balzacs zu erziehen und bilden versucht.

Ein Roman, der den Dreck und Schmutz, die Schwielen der harten Arbeit zurücktreten lässt vor den Worten der Romanciers, der Liebe der Kameraden zur Literatur und ihrer kleinen Schneiderin. Depression und Frustration der Verbannung, der “drei Promille” Chance das Entkommens aus der ewigen Ödnis eines kleinen, abgelegenen Bergdorfes, in dem man mit einem Wecker beeindrucken kann, werden erhellt von der Wirkung des Wortes, sei es als Roman auf die Verbannten oder als Erzählung auf die Einheimischen: Den Ortsvorsteher (Laoban), der die beiden losschickt, um Kinofilme zu sehen und nach zu erzählen, den Vater der kleinen Schneiderin, dem Ma in neun Nächten Alexandre Dumas’ “Graf von Monte Christo” erzählt oder dessen Tochter, die Luo auf ganz eigene Weise damit “umzuerziehen” versucht. Ein Erhellen wie Sonnenstrahlen, die an einem Herbsttag die Wolkendecke durchbrechen und die Waldlichtung bescheinen, auf der man gerade noch gesessen und mit Blick auf einen trüben See über die Zukunft sinniert hat: Glitzernde Verheißung eines neuen Sommers.


"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith


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