Geschlossene Gesellschaft

31Aug07

Ein Bekannter hat mich gebeten, diesen Text zur Eröffnung von Siegens neuem Theater zu veröffentlich. Gerne doch!

Als ich es zum ersten Mal las, dachte ich an einen schlechten Scherz. Das Apollo-Theater eröffnet im August 2007. Wie bitte? In zweieinhalb Jahren? Anfang 2005 war ich nach Siegen gekommen und auf der Suche nach Kulturveranstaltungen. Ein langer Auslandsaufenthalt hatte verwöhnt, was Kunst und Kultur betraf. Nur das Theater war aufgrund mangelhafter Sprachkenntnisse zu kurz gekommen. Und jetzt sollte ich noch einmal mehr als zwei Jahre warten? Das sich bereits zuvor abzeichnende Fiasko in Sachen Kunst und Kultur bewahrheitete sich in der kommenden Zeit. Der erste Besuch eines Schauspiels eines Gasttheaters endete kläglich. Die mühsam zum Mitkommen überredete Freundin behielt leider recht und Brecht selbst hätte sich wohl im Grabe herumgedreht, wenn er sein “Mutter Courage und ihre Kinder” derart gespielt gesehen hätte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist Siegen eine kulturelle Wüste. Nur ein Wochenende in Köln oder Bonn zeigt, dass es anders geht.

Mit dem heutigen Tage sollte aber alles anders werden. Das Apollo eröffnete. Das Programm der Eröffnungssaison lag seit annähernd
zwei Wochen zu Hause, einen ausführlicheren Blick hatte ich nicht hineinwerfen koennen. Aber bereits der erste Blick liess ein ambitioniertes Programm erwarten. Nur einen Termin hatte ich mir vorerst gemerkt: 31.8., 18:00 Uhr – “Eröffnung durch Politik und Bürgerschaft”. Das klang nach Offenheit, der Begriff der Bürgerschaft ist heutzutage ein nur selten benutzter und erfreute, wenn er auch an zweiter Stelle und damit nach der Politik stand. Ich fühlte mich als Teil dieser Bürgerschaft, seit vergangenem Jahr war ich es aufgrund des Wechsels meines Hauptwohnsitzes auch offiziell. Nun wollte ich also an dieser Eröffnung teilnehmen.

Etwa halb sechs wollte ich kurz vor dem Losgehen noch einen schnellen Blick auf die Website des Theaters werfen. Zwei Dinge dämpften meine Begeisterung: bei der Zeit hatte ich mich um eine Stunde vertan, die Eröffnung war mit 17:00 Uhr angegeben, und neben diesen Angaben zeigte mir die Seite an, dass diese Veranstaltung ausverkauft sei. Eine ausverkaufte Eröffnungsfeier? Ich machte mich trotzdem auf den Weg und ahnte irgendwie, dass es wohl keine öffentliche Veranstaltung war. Von der Uferseite betrachtet, sah man im Gebäude vor allem gastronomisches Personal und am Hintereingang Kinder in Kostümen. Auf der Eingangsseite ein langer roter Teppich, links und rechts von kleinen Bäumen in Pflanzenkübeln gesäumt. Für Siegen wirkte das alles ein bisschen ungewohnt und peinlich, umsomehr als das gleich nebenan noch die Baustelle an einem anderen Gebaeude in voller Blüte steht.

Der rote Teppich war leer, wie auch sonst niemand vor dem Theater stand. Nur auf der Fussgängerbrücke über die Sieg saß ein junges
Pärchen und trank Bier aus der Flasche. Im Eingangsbereich des Theaters selbst standen Anzugträger, denen man schon aus der Ferne ansah, dass sie zur “Security” gehörten. Ich versuche also mein Glück an der Eingangstür, welche aber von aussen verschlossen ist.
Einer der Jungs im schwarzen Anzug bemerkt mich und öffnet die Tür einen Spalt. Ob denn die Eröffnung eine öffentliche Veranstaltung
sei, will ich von ihm wissen. Nein – “Geschlossene Gesellschaft” meint er nur. Nachfrage: Gab es denn Karten zu kaufen? “Nein, die wurden so verteilt.” Und damit ist die Tür wieder zu.

Zu Hause schaue ich noch einmal ins Programmheft. Bei den Vorworten findet sich auch Brecht: “Das Theater gehört zu den Lebensmitteln.” Ob die Siegener dieses neue Angebot nun annehmen oder doch lieber weiter mit Mangelerscheinungen aufgrund ausbleibender Theaterbesuche leben, wird erst die Zukunft zeigen. Der Intendant schreibt sehr prosaisch im Vorwort des Programmheftes: “Von allen Künsten ist die öffentlichste das Theater.” Am heutigen Abend war das neue Apollo-Theater anlässlich seiner Eröffnung alles andere als öffentlich.

Ein Lichtblick zum Schluss: an der Eröffnungsvorstellung wenige Stunden zuvor konnten nur Kinder teilnehmen. Drei Euro kostete eine
Karte für die Premiere der Eigenproduktion “Die verzauberten Brüder”. Ob sich die Siegener aber verzaubern lassen …


"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith


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