Auch eine Möglichkeit

04Sep07

Vor einigen Tagen kam mein früherer Mathelehrer auf mich zu mit der Frage, ob ich einem seiner Schüler Nachhilfe erteilen könne. “Der Simon sagt nicht, er habe zuviel zu tun. Der langweilt sich doch eher”, habe er gedacht, und ein gewisser wahrer Kern steckt da schon drin. Mathematik ist nun nicht mein Lieblings- und auch nicht mein brillantes Fach – eine Zwei sprang im letzten Jahr bei raus, knapp, muss man sogar sagen, dank einer glatten Eins im abschließenden Test. Doch achte Klasse – “keine Gleichungen mit einer Unbekannten, die ich gerade mit ihnen mache” – sondern einfacheres, Grundlagen – das traue ich mir schon zu.

Am Montag habe ich dann meine Zustimmung auch der Klassenlehrerin des Jungen überbracht, damit man einen Termin ausmachen könnte. Sollte dann heute geschehen.

Leider ist der Schüler nicht mehr an unserer Schule. “Die Eltern sind nicht bereit, das Konzept mitzutragen”, hieß es. Der Junge geht jetzt auf eine Hauptschule.

Ja, das ist auch ein Weg. Natürlich, man kann es so machen. Und doch, solch verantwortunglose Eltern machen mich wütend. Denn das die Probleme – sehr ernsthafte, wie es scheint – nicht an der Schule, den Lehrern liegen, sondern am Schüler, das ist jedem klar. Wenn die Eltern trotzdem ausweichen, statt sich dem Aufwand zu stellen, dann ist das Versagen auf der ganzen Linie; denn zu glauben, der Junge käme an der Hauptschule besser zurecht, ist eine verkommene Illusion.

Schade, vielleicht hätte er noch was aus sich machen können…

5 Responses to “Auch eine Möglichkeit”


  1. 1 Herr S. Posted September 4th, 2007 - 23:02

    das war’s. leben verbaut!

  2. 2 corax Posted September 4th, 2007 - 23:51

    Leben verbaut würd ich nicht sagen,
    ich weiß wovon ich rede, aber schwierig wird´s schon für den jungen Mann.

    “Schade, vielleicht hätte er noch was aus sich machen können…”

    Kann er.

    “…don’t give up
    you still have us
    don’t give up
    we don’t need much of anything
    don’t give up
    ’cause somewhere there’s a place
    where we belong…”

    Pax

  3. 3 Simon Posted September 5th, 2007 - 00:00

    Yes, there’s a place. Aber der ist sicher nicht die Hauptschule. Ich bin, loyaler Waldorfschüler, ein Feind des Bildungsrassismus an deutschen Schulen: Die Dreigliederung funktioniert wie übereinandergelagerte Siebe: Nach unten geht’s immer.

    Unter meinen Mitschülern sind ehemalige Gymnasiasten genauso wie Ex-Hauptschüler. Klar, dass ich so manches Mal über “niedriges Niveau” und “lahmes Tempo” schimpfe – aber das ist mir die Chancengleichheit wert. Natürlich hat nicht jeder die Chance, Abi zu machen, auch bei uns nicht. Aber die Waldorfschule bietet doch stärker als andere Schulen die Möglichkeit für alle, sich auszuzeichnen – weil wir eben nicht nur “kopflastige” Fächer haben (zumindest bis zur 11, 12 Klasse – ab da dank Zentralabitur nicht mehr).

  4. 4 corax Posted September 5th, 2007 - 01:14

    Simon,

    dein Siebvergleich hat einen Haken, er lässt keinen Aufstieg zu. Ich selbst komme von der Hauptschule und hab doch noch mein Abi gemacht.
    Deshalb schrieb ich, dass ich weiß wovon ich rede.
    Natürlich ist dieser Weg schwieriger als deiner, aber nicht unmöglich.
    “Bildungsrassismus” solltest du auch aus deinem Vokabular streichen, ich hatte Türken, Inder, Franzosen, eine Halbschwarzafrikanerin in meinem Abijahrgang. Und das in Mügeln waren jawohl waschechte Deutsche, also die Täter.

    Schimpf ruhig, du hast ja recht sauer zu sein. Aber schütt nicht das Kind mit dem Bade aus.

    It ain´t over ´til its over.

    Pax

  5. 5 Simon Posted September 5th, 2007 - 01:27

    Der Siebvergleich ist nicht richtig, klar. Das ein Aufstieg möglich ist weiß ich auch, habe erst vor kurzem im Zug zwei [hier bitte weibliche Form von Jugendliche einsetzen] kennengelernt, die bei wie ich in die zwölfte Klasse (eines Gymnasiums) gehen, aber von der Hauptschule kommen. Tja, die eine war halt bald zwanzig… das ist der Haken an diesem System.

    “Bildungsrassismus” ist nicht auf Menschen verschiedener Nationalität gemünzt, sondern verschiedener Talente. Denn es ist ja kaum zu leugnen, dass man mit einer mathematischen, sprachlichen oder naturwissenschaftlichen Begabung deutliche Vorteile vor jemandem mit handwerklicher oder künstlerischer Veranlagung genießt. Nicht zu meinem Schaden, aber sehr zu meinem Ärger.
    Und – in Deutschland besonders – natürlich auch auf Kinder verschiedener sozialer Herkunft. Aber das ist ja hinreichend bekannt…

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