lauter -isten

05Sep07

Dolmabahce Palast

Bild von istoyanov

Wir sind nun in der zwölften Klasse – bis zur Trennung ist es nicht mehr weit; der Trennung zwischen Abiturienten und Abgängern. Eine Trennung nach zwölf langen Jahren, die viele von uns über die ganze Zeit hinweg miterlebt haben. Eine Trennung, die man feiern muss!

Waldorfschule: Das ist auch ein Weg der Traditionen. Einschulung, Zweitklassprüfung, Achtklassspiel, Fremdsprachenspiel, Zwölftklassspiel, Jahresarbeit. Forstpraktikum, Landwirtsschaftspraktikum, Industrie- und Sozialpraktikum. Kunstfahrt.

Kunstfahrt, das ist kein Ding wie früher mehr, wo man noch zwei Wochen lang los zog, um zu zeichnen und zu malen, nach Prag oder Florenz. Das Zentralabitur hat die Pläne gestraft, jetzt sind’s noch sieben, acht Tage, die letzte Klasse war in Barcelona. Nun sind wir dran.

Wenn 34 Schüler eine Entscheidung treffen sollen, dann kann man sich der Fronten sicher sein, die schnell entstehen. Wir sind, das kann man wohl sagen, eine Klasse mit geradezu vorbildlicher Gemeinschaft, aber wir sind auch eine Klasse der Abstimmungsduelle. Üblicherweise finden sich zwei Gruppen, Vorschläge: Die Progressiven, die Abenteurer, die das Neue, Fremde, Ungewohnte suchen, und die Traditionalisten, die nach dem Altbekannten, Guten, Harmonischen streben. Das hatten wir bei unserem Klassenspiel, das haben wir bei der Wahl unserer Abschlussfahrt.

Fünf Städte standen am Montag zur ersten Vorauswahl: Wien, Paris, Barcelona, Amsterdam – und Istanbul.

Warum: “- und Istanbul”? Zum einen, weil ich die Stadt mit einem Mitschüler eingebracht habe. Das heißt, wir beide meldeten uns – und er sagte “Istanbul”. Ich hörte es – und war perplex, denn wer kann schon Gedankenlesen? Nichtsdestotrotz, so ist es nun: Da steht das schöne Istanbul.

Zwei Städte fielen von vornherein raus: Paris – wie mögen kein Französisch – und Amsterdam, wer kiffen will, der kann es auch zuhause. Oder so. Bleibt ein Trio. Wer wählt was? Natürlich kann man nicht nur verallgemeinern: Jeder hat seine eigenen Gründe. Aber doch eine kritische Menge die gleichen.

Wien: Das ist Österreich, fast Deutschland noch, deutsche Sprache – und EM. Wer will da hin? Die leicht verzagten, “Home sweet home”, das ist der eine Teil. Der andere ist – Rassismus. Das klingt nicht schön, aber Wahrheit ist Wahrheit ist manchmal auch unschön. Hauptsache Deutsch.

Barcelona: Da war die letzte Klasse. Das ist Sonne, Strand, am Meer – aber auch Sprachprobleme und, wie man von unseren Vorgängern hörte, kaputte Duschen, schlechte Zimmer. Wer will da hin? Die Sonnenjünger, Badegäste, die Pauschaltouristen. Natürlich, eine schöne Stadt – Dalí, Miró, Picasso, Kunst, soviel man will. Aber am Ende zählt der Strand. Und, dass man schnell dahin kommt.

Istanbul: Das ist neu. Das ist ungewöhnlich. Das ist – Türkei. “Das ist Türkei” – so positiv wie negativ. Positiv: Die Abenteurer. Eine (fast) ganz andere Kultur, weg aus dem Westen – hinein in etwas, das man noch nicht kennt. Oder eben doch: Negativ. Das ist Türkei. Ghettokinder, Kopftuch, Marco W. “Was sind das für Argumente?” fragt sich der aufgeschlossene Geist. Verzagte Argumente, uninformierte, rassistische.

Es gibt viele -isten in dieser Klasse. Am Ende sind wir alle -isten. Traditionalisten, Rassisten, Sonnenfetischisten, Pauschaltouristen, Artisten – auf dem Hochseilakt des Konsens. Denn, vor allem: Am Ende Individuen – nicht Individualisten. Ein jeder eine Stimme, eine Entscheidung, Sieg, Niederlage, Einverständnis. Akzeptanz der Mehrheit. Eine schöne Fahrt. Eine letzte Woche noch, zusammen, wie nie wieder.

8 Responses to “lauter -isten”


  1. 1 teacher Posted September 11th, 2007 - 15:20

    Als Österreicher würde ich euch Wien vorschlagen, als Lehrer Paris (Französisch hat was!), aber als Mensch: Istambul. Eine Stadt, die zwischen 2 Kontinenten lebt. Ein schönes Stück Orient mit westlichem Charme. Kein Kreuzberg! Günstig und exotisch. Einladend und erfrischend.

  2. 2 Simon Columbus Posted September 11th, 2007 - 15:54

    … und als Schüler haben sich meine Klassenkameraden für Barcelona entschieden. Die Sonne, nicht wahr? Der Strand, das Meer…

  3. 3 teacher Posted September 11th, 2007 - 22:01

    Barcelona hat auch seine schöne Seiten. Nicht nur die 3, die du aufgezählt hast.

  4. 4 Simon Columbus Posted September 11th, 2007 - 22:12

    Kunst, Kultur und Kneipenviertel? ;)

  5. 5 teacher Posted September 12th, 2007 - 16:34

    Kirche und Küche passt noch.

  6. 6 Simon Columbus Posted September 12th, 2007 - 16:45

    Ja, an Gaudís Sagrada Família hatte ich auch schon gedacht. Küche wird sich zeigen, dafür bin ich (bzw. mein Mund) immer offen.

  7. 7 Tim Posted September 13th, 2007 - 19:43

    Barcelona ist vor allem eines: Business. Europas Kongressstadt #1.

    Ich muss sicher 2-3 mal im Jahr nach Barcelona, nie länger als 3 Tage, oft morgens hin, abends zurück. Den Strand habe ich noch nie gesehen.

  8. 8 Simon Posted September 13th, 2007 - 20:33

    Das fände ich schade, so reisen zu müssen (wobei ich natürlich nicht weiß, was du machst…). So schnell, warum alles nur so schnell?

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