Irrungen und Wirrungen

09Sep07

Nach dem bedauerlichen Messerangriff auf einen Rabbiner sucht der Zentralrat der Juden die Schuld bei “Hasspredigern in islamischen Gemeinden” und greift die islamischen Verbände an. Auf die Idee, auch im eigenen Verhalten nach Gründen zu forschen, kommt man nicht.

Der Zentralrat der Juden verweist erneut auf die Rolle der muslimischen Organisationen, schiebt ihnen den Schwarzen Peter zu. Doch wie können diese Verbände Integrationsarbeit leisten, wenn ihnen von vielen Seiten die Mithilfe verweigert wird. Baut ein liberaler islamischer Verein eine Moschee, ja, will er es nur: Dann stehen die Demonstranten auf der Straße, Widerstand aus der Politik und den Medien formiert sich. Baut dagegen eine orthodoxe jüdische Gemeinde eine Synagoge wieder auf, werden Jubelarien geschmettert – von Kritik keine Spur. Warum wird den islamischen Vereinen diese Unterstützung verweigert?

Der Grund dürfte klar sein: Es gibt nur sehr wenige Juden in Deutschland, die aber umso “wichtiger” sind, da sie – im Land des Holocaust lebend – ein Symbol dafür sind, dass diese Zeit der Vergangenheit angehört. Eine, kann man sagen, umgekehrte Behandlung als “Entschuldigung” der Deutschen für das NS-Regime. Was dazu führt, dass jene, die in Umfragen “antisemitisch” antworten, Juden hätten überproportional viel Einfluss in Deutschland, an Medienöffentlichkeit gesehen recht haben.

Eines der größten Probleme des Zentralrats der Juden ist es, dass er, dem laizistischen Gedanken der Bundesrepublik geradezu widersprechend, sich beinahe als “Vertreter des Staates Israel” in Deutschland sieht. Eine getrennte Betrachtung von Juden und Israel ist nicht möglich – und Kritik nur in eingeschränktem Maße, denn Vertreter wie Charlotte Knobloch sind mit der “Antisemitismus-Keule” schnell bei der Hand. Das könnte dem Frankfurter Rabbiner zum Verhängnis geworden sein.

Denn außerhalb des Kontextes der Deutschen Geschichte betrachtet ist Israel alles andere als ein Musterstaat. Vielmehr herrscht ein rassistisches Apartheids-Regime, das nichtjüdische Einwohner deutlich benachteiligt. Dazu kommen weitere Verstöße gegen internationale Abkommen, etwa die Nichtratifizierung des Atomwaffensperrvertrags oder der völkerrechtswidrige Angriff auf den Libanon, die Ermordung palästinensischer Politiker und Zivilisten, die Besatzung Palästinas insgesamt und weitere Vergehen in deren Verlauf. Das daran keine offene Kritik geübt werden kann ist eine Folge zweier grundlegender Tatsache, zum einen der deutschen Historie mit den Vergehen des Holocaust, zum anderen die Unterstützung durch die USA, die immer wieder Rügen und Sanktionen verhindern.

Als Realist muss man sagen, dass Israel und die USA durch ihre Politik im Nahen Osten ein hohes Gefahrenpotential aufgebaut haben, auch durch die Unterstützung von Diktatoren wie etwa Assad in Syrien. Dieses Gefahrenpotential hat zur Gründung und Erstarkung zahlreicher sogenannter “Terrororganisationen” geführt, die man, in einem anderen Kontext gesehen, durchaus als Guerilla-Armeen oder Freiheitskämpfer bezeichnen könnte. Diese erhalten starken Zulauf besonders aus den gebildeten Schichten der Gesellschaft, etwa durch junge Studenten, die sich der Unterdrückung der Bevölkerung sowohl von innen als auch von außen bewusst sind.

Dieses Bewusstsein hat zu den Erfolgen von Osama bin Laden geführt, dieses Bewusstsein bricht immer wieder aus aktuellem Anlass hervor, etwa bei den Protesten um die sogenannten “Mohammed-Karikaturen”, die als Symbol für den ignoranten Umgang des Westens mit den arabischen Staaten, dem Islam insgesamt gesehen werden können.

Zusammen mit der Selbstdarstellung des Zentralrats der Juden als Vetreter Israels führt diese Haltung des Westens, nicht nur der USA und Israel, sondern auch hiesiger Politiker und Medien wie im erwähnten Streit um die Großmoschee in Köln, dazu, dass Juden grundsätzlich, ganz unabhängig von ihrer offiziellen Nationalität, als “Unterdrücker” gesehen werden, was der Staat Israel rein formal gesehen ja auch ist. Jener Frankfurter Rabbiner war nicht mehr eine individuelle Person, sondern Jude, Angehöriger eines Volkes. Er ist Opfer eines selbstauferlegten Rassismus des Zentralrates, der die Definition eines israelkritischen Juden gar nicht als denkbar erachtet und so, als wichtigster Repräsentant des Judentums, alle Juden in Deutschland zu Unterdrückern der Palästinenser, ja, aller Muslime macht.

Nachtrag: In meinen Augen spricht alles dafür, dass es sich bei dem Täter um eine psychisch kranke Person handelt. Dennoch haben allgemeine Ansichten und Darstellungen wie die geschilderten auch auf solche Menschen einen starken Einfluss, nur dass sie anders rezipieren.

8 Responses to “Irrungen und Wirrungen”


  1. 1 corax Posted September 10th, 2007 - 00:00
  2. 2 Simon Posted September 10th, 2007 - 00:21

    Joa, schon gelesen. Musste in einem Gottesstaat wie diesem auch irgendwann passieren. In meinen Augen sind das moderne “Ketzer” – die verwirrte Sorte, nicht die kritische.

  3. 3 pizzabloggerswife Posted September 13th, 2007 - 12:24

    Versteh ich das jetzt richtig. Du sagst dem Opfer: “Also, wenn Deine Vertreter nicht so das Maul aufreißen würden und Deine Brüder im Nahen Osten nicht so böse wären – dann wäre das nicht passiert?” Entschuldige bitte, aber merkst Du nicht, dass Du mit dieser Argumentation erstens dem Opfer ein “Selbst Schuld”-Schild an die Brust heftest und zweitens jedem Antisemiten eine tolle Rechtfertigung für seinen Hass gibst?

    Der einzige, der hier Schuld auf sich geladen hat, ist der Angreifer und ich weigere mich, seine Haltung und seinen Hass irgendwie als nachvollziehbar zu rechtfertigen.

    Ist Dir außerdem klar, dass Du gerade dieselbe “Argumentation” anwendest, die Terroristen immer für die “Rechtfertigung” ihrer Morde heranziehen: “Ja, Deine Regierung ist schuld, wenn ich Dich umbringe. Wenn die nicht so imperialistisch/kapitalistisch etc. wäre, dann würden wir Dir jetzt keine Kugeln in den Körper jaggen.”

    Bullshit!

    Es ist niemals gerechtfertigt, irgendjemandem nach Leben und Gesundheit zu trachten. Schon gar nicht stellvertretend für die tatsächlichen oder angeblichen Sünden der Vorväter/Brüder/Glaubensbrüder/Regierung etc. Oder weil er den “falschen” Glauben hat. Seit wann bitte sind Sippenhaft und Kollektivbestrafung und Rassismus gut und irgendwie nachvollziehbar und verständlich?

    Was hat denn bitte ein Rabbiner in Frankfurt mit einem Aufstand in Israel zu tun? Bin ich jetzt für die Äußerungen des FPÖ in Österreich verantwortlich?

    Und meinst Du ernsthaft, dass, wenn durch ein Wunder tatsächlich schlagartig Frieden im Nahen Osten hergestellt würde, auch nur EIN Antisemit von seinem Hass abrücken würde?

    Überleg Dir dann auch als Realist bitte, dass der Staat Israel sich dummerweise einer ganzen Reihe von Gruppierungen – außerhalb und innerhalb des Landes – gegenüber sieht, für die schon die bloße Existenz des Landes ein Dorn im Auge ist und die am liebsten hätten, dass alle Juden im Land sofort verschwinden – ja sogar tot umfallen. Das sind ja mal tolle Vorraussetzungen, um in Frieden zu leben.

    Das soll keine Rechtfertigung für die Fehler der israelischen Politik sein, die das ganze nur noch schlimmer macht. Aber davor die Augen zu verschließen, ist sehr einseitig.

    Außerdem musst Du bedenken, dass in Israel -übrigens im Gegensatz zu vielen umliegenden Staaten – eine Demokratie herrscht und es daher auch eine isrealische Opposition gibt, die auch gegen die von Dir erwähnten Maßnahmen sind und versuchen, zu vermitteln.

    Man mag die Haltung des Zentralrates zu der Politik als falsch und einseitig kritisieren. Ich verstehe sowieso nicht, warum der Zentralrat dazu überhaupt Stellung beziehen sollte. Der deutsche Bischofsrat wird ja auch nicht gefragt, was er zur Politik in Italien sagt. Aber es zeigt, dass das Verhältnis der meisten Leute hierzulande zu Juden – egal wo sie leben – immer noch schwer gestört ist.

    Wie gesagt, man mag die Äußerungen des Zentralrates kritisieren, aber dem Zentralrat wegen dieser Äußerungen eine Mitschuld an jedem antisemitischen Anschlag geben zu wollen, ist völlig daneben und inakzeptabel.

  4. 4 Simon Columbus Posted September 13th, 2007 - 13:22

    Ich rechtfertige nicht die Tat des Angreifers. Ein Angriff ist immer ein Verbrechen und nicht zu tolerieren – und der Angreifer immer selbst dafür verantwortlich. Nur: Es gibt immer auch Hintergründe einer Tat. Und diese Hintergründe sind nicht einfach, sondern werden geschaffen. Denen, die das tun, gebe ich immer auch eine Mitschuld. Nicht Mitschuld in einem rechtlichen Sinne, sondern in dem, dass sie durch ihr Handeln – noch nicht einmal unbedingt bewusst – dazu beigetragen haben, die Grundlage (Ausgangssituation) für diese Tat zu schaffen.
    Das ist keine Rechtfertigung der Tat, sondern ein Nachvollziehen. Denn zu glauben, eine Tat außerhalb des Kontext sehen zu können, zeugt von Blindheit. Und in diesem Fall ist eben eine – nicht die einzige – Grundlage der Tat die Apartheidspolitik Israels und die Haltung des Zentralrats der Juden. Besonders dieser Aussage stimme ich voll zu:

    Schon gar nicht stellvertretend für die tatsächlichen oder angeblichen Sünden der Vorväter/Brüder/Glaubensbrüder/Regierung etc. Oder weil er den “falschen” Glauben hat. Seit wann bitte sind Sippenhaft und Kollektivbestrafung und Rassismus gut und irgendwie nachvollziehbar und verständlich?

    Nur: Es geschieht eben, etwa durch diesen Attentäter. Und wenn jemand so einen Hass auf Juden entwickelt, dann muss man eben nach einem Warum fragen und die Tat nicht einfach mit “Antisemitismus” abnicken. Soviel Ehre sollte man dem Opfer schon erweisen, über die Hintergründe nachzudenken.

  5. 5 Simon Columbus Posted September 13th, 2007 - 13:57

    Und noch zur israelischen Politik (in einem extra Comment, um das ein wenig zu trennen):

    Israel ist eine Demokratie, ja. Doch zwei Dinge sprechen für mich dagegen, diese entsprechend zu würdigen:

    1) Es kommt nicht nur auf die Regierungsform, sondern auch auf die Regierung an. Was interessiert mich eine dagegen kämpfende Opposition, wenn das Volk die befürwortende Regierung (ge) wählt (hat)? Du hättest doch auch das Apartheidsregime in Südafrika nicht damit verteidigt, dass es dort eine Anti-Apartheids-Opposition gab?

    2) Israel ist – neben oder eher zusammen mit – den U.S.A. schuld daran, dass es kaum Demokratien im Nahen Osten gibt:

    a) Palästina: Die demokratisch gewählte Hamas-Regierung wird boykottiert und bekämpft.

    b) Libanon: Der demokratisch regierte Staat Libanon wurde völkerrechtswidrig von Israel angegriffen und teilweise besetzt. Der Krieg wird von bis zu 80 % der Bevölkerung unterstützt.

    c) verschiedene weitere Staaten, in denen die USA Diktatoren unterstützen (etwa Ägypten). Gebilligt bis gefördert von Israel…

    Ich muss auch sagen, dass ich das “Existenzrecht” (dieses) Israels verneine. Und zwar aus einem ganz einfach Grund: Es wird daraus abgeleitet, dass diese vor 2000 Jahren mal da gelebt haben. Juristisch wäre das nicht durchsetzbar.
    Zumal ich mich frage: Warum brauchen “die” Juden einen eigenen Staat? Denn Israel ist ja ausdrücklich ein jüdischer, ein Religionsstaat. Diese Aufteilung von Menschen etwa nach ihrer Religion entspricht sogar der Definition von Rassismus, die Wikipedia liefert:

    Rassismus teilt die Menschheit in Gruppen oder Rassen ein, die als homogen betrachtet werden und unterstellt diesen eine kollektive Identität sowie unveränderliche Merkmale und Charakterzüge. Anhand dieser Einteilung bewertet der Rassismus die Menschen, hierarchisiert sie oder stellt sie als miteinander unvereinbar und konkurrierend dar. Die Menschen werden nicht oder nur nachrangig als Individuen beurteilt und behandelt, sondern als Stellvertreter pseudoverwandtschaftlicher Gruppen. Dabei werden die der jeweiligen Gruppe zugeschriebenen kollektiven Eigenschaften, sogenannte Stereotype, auf sie projiziert. Rassistische Theorien und Argumentationsmuster dienen der Rechtfertigung von Diskriminierung und Feindseligkeiten, der Kanalisierung negativer Emotionen und fördern das Überlegenheitsgefühl von Mitgliedern einer Gruppe.

    In meinen Augen wäre eine weitere / erneute Integration der Juden in die Gesellschaft ihrer Heimatländer die richtige Lösung gewesen. Denn die Okkupation Palästinas war und ist völkerrechtswidrig und menschenverachtend.

  6. 6 pizzabloggerswife Posted September 17th, 2007 - 14:43

    Das mit dem Nachvollziehen der Tat, da bin ich ganz klar im Widerspruch: Du versuchst blinden Hass irgendwie rational und nachvollziehbar zu begründen. Genau dieser Ansatz ist meiner Meinung nach völlig falsch. Es ist genau dasselbe, wenn die Leute einem Mörder gegenüber stehen: Z.B. der aktuelle Fall Hannah. Da hat jemand ein Mädchen umgebracht, “weil er einfach Bock auf eine Frau hatte” Da fragen sich die Leute “Warum?”

    Dahinter steckt meiner Meinung nach das Bedürfnis die Tat irgendwie zu erklären und damit vielleicht ähnliche Taten zu verhindern. Sicherlich gibt es immer irgendwo Gründe für Hass, aber ich denke nicht, dass der immer so logisch nachvollziehbar ist, wie wir das alles gerne hätte.

    Du hast streng genommen irgendwo Recht, dass die Schaffung des Staates Israel völkerrechtlich nicht zu rechtfertigen war. Es wäre zu wünschen gewesen, dass es anders gelaufen wäre. Ist es aber nicht. Was ist dein Vorschlag? Sollen wir die Leute heute im Jahr 2007 aus ihren Häusern treiben, weil vor über 50 Jahren jemand anders Unrecht begangen hat?

    Ok, ja die Lage in Israel ist sicherlich in vielen Fällen falsch und die demokratisch gewählte Regierung macht es nicht wirklich besser.

    Was hat das bitte nochmal mit dem Rabbiner in Frankfurt zu tun? Hat der Bomben auf palaästinenische Dörfer geworfen oder die Israelische Regierung gewählt? Warum bitte soll er für Fehler von Leuten büßen, die mit ihm eigentlich nichts zu tun haben?

  7. 7 Simon Columbus Posted September 17th, 2007 - 18:25

    Ich versuche die Hintergründe – nicht die Tat selbst – rational zu erklären. Und das ist ein großer Unterschied: Die Hintergründe der Tat sind, unabhängig vom individuellen Fall, ein Problem.

    Nun ist der Fall des Frankfurter Rabbiners noch ein wenig anders gelagert als eine bloße antisemitische Attacke (auf die meine Hypothese bezogen ist) – vielmehr scheinen sich Täter und Opfer persönlich zu kennen. Für den genauen Ablauf müssen wir wohl bis zur Gerichtsverhandlung abwarten… (immerhin sagt der Täter aus, er habe sich bedroht gefühlt).

    Nur: Auch wenn sich dieser Fall nun anders geklärt hat, die Fehler des Zentralrats der Juden und des Staates Israel bleiben bestehen – mit den daraus resultierenden Problemen für Juden (nicht nur in Deutschland).

    Ich verlange nicht, dass Israel wieder geräumt wird – moralisch wäre es richtig (immerhin haben die Israelis “ihr” Land nach 2000 (!) Jahren räumen lassen), praktisch ist es nicht durchführbar. Stattdessen fordere ich einen unabhängigen Staat Palästina JETZT, Rückzug der Israelis aus dem Westjordanland, umfangreiche amerikanische Aufbauhilfe für Palästina mindestens in der Höhe der bisher von den USA an Israel gezahlten Militärhilfen, Abriss des Sicherheitszauns zwischen Israel und Palästina, Reisefreiheit in beiden Ländern für die Angehörigen beider Nationen, Rückzugsrecht vertriebener Palästinenser nach Israel und Palästina.

    => eine Zweistaatenlösung mit finanzieller Hilfe der USA und dem Aufbau einer palästinensischen Demokratie von innen.

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  1. 1 Irrungen und Wirrungen « deutsche Pingback on Sep 10th, 2007
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