Jahresarbeit

14Sep07

Die Waldorfschule hat einige Besonderheiten, die darüber hinaus gehen, dass wir unsere Namen tanzen können. Eine davon ist die Jahresarbeit.

Die Jahresarbeit ist in ihrer Grundform die selbstständige Ausarbeitung eines spezifischen Themas in drei Formen – theoretisch, praktisch und künstlerisch – über den Zeitraum eines Jahres hinweg, mit anschließender Präsentation und mündlicher Verteidigung. Real wird heute der Schwerpunkt stark auf eine der drei Formen gelegt, die vom Schüler frei gewählt werden kann, ebenso wie das Thema selbst.

Allein schon die Auswahl des Themas ist kein leichter Prozess: Man wird sich schließlich ein Jahr lang intensiv damit beschäftigen müssen. Bei einigen steht schon lange im voraus fest, worüber sie arbeiten werden – andere wechseln sogar noch ein- oder zweimal ihr Gebiet.
Ich war mir eigentlich lange unschlüssig, was ich machen würde. Ich wusste nur: Nichts geschichtliches! Wer mich kennt, der weiß: Ich bin ein wandelndes Geschichtslexikon, jahrelang war das mein Steckenpferd – aber für die Jahresarbeit wollte ich es nicht. Was kam mir sonst so in den Sinn? Philosophie, Literatur waren Themenbereiche, aus denen ich hätte wählen können. Aber es kam anders. Daran ist vor allem die Jahresarbeit eines Schülers aus der Klasse über uns “schuld”. Denn erstmals waren (einige) der mündlichen Prüfungen zu den Jahresarbeiten – ein zwanzigminütiges Referat mit anschließender Fragerunde – für Schüler der nächsten 12. Klasse zugängig. Ich hatte mir einen Vortrag über “Amerikanische Außenpolitik des 21. Jahrhunderts” ausgesucht – mehr wegen dem Schüler als wegen dem Thema, obwohl mich auch das interessierte. Kein Fehler, sich diesen gut gemachten Vortrag anzuhören. Doch die Entscheidung, auch noch für den nächsten sitzen zu bleiben, war weit bedeutender.

Das Thema hieß: “Gefahrenquelle Bildschirm”. Wenn einer seinen Titel schon so tendenziös wählt, kann man sich den Inhalt vorstellen – der noch dazu teilweise haarsträubende Logikfehler enthielt. Ok, der Irrsinn eines einzelnen? Nein, denn der Beifall aus der Lehrerschaft war doch ein wenig viel – Computer mag man hier nicht so gern. Da hat es quasi “klick” gemacht: Ich entschied mich: Ein “positives” Thema übers Internet sollte es sein.

Meine erste Idee hieß noch: Internet-Communities und Open Source-Bewegung – reichlich unpräzise. Das Thema wurde mit der Zeit genauer festgelegt. Irgendwann im Februar hatte ich es dann: Blogs. Man kann sagen, ich bin darüber gestolpert – ein Thema, von dem ich nicht viel Ahnung hatte zu diesem Zeitpunkt. Aber eben bald dieses “Anschauungsobjekt”.

Ich bin jetzt seit mehr als einem halben Jahr dabei, an meiner (theoretischen) Jahresarbeit zu arbeiten. Erstmal musste ich mich einarbeiten, habe – und tue es noch – viel gelesen (Blogs natürlich, primäre Quellen, nicht wie meine Mitschüler Sekundärliteratur). Habe mir Gedanken über die Struktur gemacht. Kapitel ent- und auch wieder verworfen. Irgendwann tatsächlich den Anfang geschafft. Mein erstes Kapitel ist nun seit einigen Wochen fertig. Es wird in den nächsten Tagen hier stückweise erscheinen – Thema ist “Politisches Blogging in den Diktaturen des Nahen und Mittleren Ostens”.


"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith