Das schlechte Gedächtnis des Kardinal M.

15Sep07

“Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird,” sprach der Kardinal zur Einweihung des Museums, “erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet.”

Die Menschen waren empört. Man könne, hieß es schnell, von allen Seiten, allen Parteien, man könne doch diese Vokabeln der NS-Zeit nicht verwenden! Doch der Kardinal blieb ruhig, denn er war sich seiner Worte sehr bewusst. Als man ihn dazu befragte, erklärte er, dass, wenn man Kunst und Kultur auseinander bringt, beides Schaden erleide.

Halt! Stopp!

Das müssen wir nochmal genauer betrachten:

1. Aussage: Kultur – Religion = entartete Kultur
2. Aussage: Kunst – Kultur = Schaden für Kunst und Kultur.

Was fällt dem aufmerksamen Betrachter ins Auge? Die Gleichung hat sich verändert – wo vormals von Religion die Rede war, wird jetzt von Kunst gesprochen. Die Problematik ist klar: Wenn die erste Gleichung noch den Wert der Kultur daran misst, ob diese mit Religion verbunden sei, werden in der zweiten nicht nur Werte ausgetauscht – sie unterziehen sich auch einer Veränderung.
Die Aussage, dass Kunst und Kultur einander bedürfen, würde ich sofort unterschreiben – in welcher Form diese Beziehung bezieht, ist eine andere Frage. Doch das ist eben nicht die Aussage Kardinal Meisners! Denn wer beide Zitate vergleicht, der wird erkennen, dass im zweiten “Kultur” “Religion” ersetzt hat – und “Kunst” “Kultur”.

Diese Aussage ist um einiges gefährlicher als ein sprachlicher Fehlgriff – denn Kultur und Religion gleichzusetzen, das bedeutet, die Errungenschaften mehrerer Jahrhunderte zu negieren und in eine Ansicht zurück zu verfallen, die derart mittelalterlich – denn damals entsprachen sich Religion und Kultur (beinahe vollkommen) – daherkommt, dass man tatsächlich befürchten muss, dass Kardinal Meisner demnächst auch zu Kreuzzügen aufruft. Wiedereinmal beweist Kardinal Meisner, wie ignorant er den individuellen Rechten des Einzelnen, den freiheitlichen Werten unserer Gesellschaft gegenüber steht. Solcherlei Meinungen zu befürworten: Das ist wahrhaft selbstverschuldete Unmündigkeit.

1 Response to “Das schlechte Gedächtnis des Kardinal M.”


  1. 1 Peter Krause Posted September 16th, 2007 - 15:08

    Vielleicht übersetzt er “entartet” mit “Kunst-befreit”. Ergibt aber auch keinen Sinn, denn dann wäre die Aussage: “Kultur ohne Religion führt zu Kultur ohne Kunst.”
    Obwohl, wenn man Religion mit “Verzicht auf Logik” gleichsetzt, paßt es wieder.

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