Nuttig

18Sep07

… ist nicht gerade das Wort, mit dem man ein Mädchen loben würde. Es ist, genau genommen, so ziemlich das Gegenteil einer Wertschätzung. Und doch, heute war es – nicht von mir und doch in meinem Sinne – eben so gemeint.

Wir haben – mal wieder – Theater gemacht. Theater gemacht – natürlich auch gespielt, doch diese Bezeichnung täuscht zu sehr über die Arbeit hinweg, die dahinter steckt: Man macht Theater in den Proben, um es zur Aufführung spielen zu können. Nun, heute war es mehr Spiel, aber auch mehr Arbeit als sonst: Wir haben gefilmt. Schon zum zweiten Mal, der erste Dreh am Freitag ist schon durch – doch da waren wir nur eine kleine Gruppe (wennauch mit Schusswaffen, Bier und Baseballschlägern…) und der Zeitrahmen war recht großzügig.

Doch heute – unser Stück spielt an einer Schule, einer ganz normalen Schule. In Deutschland, zum Beispiel. Vielleicht hier, vielleicht bei dir… Zwei Gruppen: Habt ihr von Eric Harris gehört? Bastian B.? Diese Leute sind die eine Gruppe: Außenseiter – Amokläufer. Doch Eric und Bastian haben auch für die andere Gruppe ein Wort gefunden: Sie nannten sie Jocks.

Jocks, dass sind sportliche Jugendliche, Materialisten, denen eine schöne Freundin und ein schneller Wagen wichtig sind – Gewinner einer oberflächlichen Konsumgesellschaft, in der iPod und Nikes mehr zählen als Geist und Gefühl. Jocks – das sind die glänzenden, schimmernden Figuren der überreichen Gesellschaft, in der wir leben.

“Aber was bringt einem das dickste Auto, das grösste Haus, die schönste Frau, wenn es letztendlich sowieso für’n Arsch ist. Wenn deine Frau beginnt
dich zu hassen, wenn dein Auto Benzin verbraucht das du nicht zahlen kannst, und wenn du niemanden hast der dich in deinem scheiss Haus besuchen kommt!”

hat Bastian B. gefragt – nein, festgestellt. Sicher, er war kein Mensch, den ich heroisieren möchte. Aber doch: Er hat auch Gedanken gehabt, die ich teile – die mich ihm näher sein lassen, bei allen Differenzen, als jenen Jocks, jenen Konsummenschen, mit denen mich nichts verbindet. Denn welche Verbindung außer der geistigen kann es geben? – sie haben keinen Geist.

Kennt ihr “Kristall Kids” von Yasuo Tanaka? Kennt ihr den “Fänger im Roggen”? – da habt ihr sie, die Jocks. Tanaka lässt sie ihr Leben als “Kristall” beschreiben – glänzend, schimmernd, hell. Kristall: Das ist die eine, glänzende Seite. Die Seite, die Salingers Holden Caulfield nicht sieht, nicht sehen kann: Er ist, wie Bastian B., wie Eric Harris – wie unser Hauptcharakter Trevor – ein Außenseiter. Ein Außenseiter, der diese Jocks immer wieder phony – phony – phony nennt, falsch, unecht, verlogen – der an diesem Mangel des Echten verzweifelt, es sucht, es in einer konsumorientierten Welt sucht, aus der er zu fliehen plant.

Trevor – das ist auch so ein Holden Caulfield, ein intelligenter, künstlerischer – verzweifelter Mensch, einer, der schwankt zwischen Rache und Liebe, Verzweiflung und Hoffnung. Und auch er ist umgeben von Jocks: Von Sportlern – Blender ist ein schönes Wort, das Andreas Steinhöfel für solche Menschen gefunden hat – die sich selbst präsentieren in einem Wettkampf der Eitelkeiten, einem Wettkampf, aus dem Trevor und jene “Trogs”, seine näherrückenden Freunde, längst ausgeschieden sind. Sich vielleicht zurückgezogen haben, vielleicht auch herausgedrängt worden sind – die sich, was schließlich zählt, nicht mit der glitzernden Konsumwelt identifizieren können. Individualisten abseits der Masse – weit außen, zu weit am Ende.

Die Mädchen der Jocks – wer könnte die Oberflächlichkeit der Konsumgesellschaft besser widerspiegeln – sind nicht mehr menschliche Individuen, sondern vielmehr Kleiderständer der neuesten Mode, Leckerbissen auf dem sexuellen Präsentierteller – Spielzeuge, Statusobjekte der Sportler, diesen ausgeliefert – aus eigenem Wunsch. Mündigkeit? woher, wohin…

Schwer, so eine zu spielen, wenn man selber so anders ist. Vielleicht auch ein Lob, nuttig genannt zu werden. Ein Lob, nicht nur, weil man der Rolle entsprechend aussieht: Ein Lob auch, weil man sie spielen muss, weil man so nicht ist. Ein Lob, weil im Spiel das Spiegelbild des Selbst erscheint – doch im Spiegel eines Dr. Jekyll, nicht im Schminkspiegel des Alltags. Ein Lob, weil man den Tiefgang hat, oberflächlich zu wirken. Sie haben es verdient: Ein Lob. Nicht nur für ihr Spiel, sondern für ihr Sein – wichtiger, was das Spiel an bekanntem im Spiegel zeigt als das, was es darzustellen scheint.

Theater ist Ausdruck der Seele. Auf der Bühne sind wir alle Dr. Jekyll, alle Mr. Hyde.

6 Responses to “Nuttig”


  1. 1 sunny Posted September 19th, 2007 - 02:10

    hu, simon, deine überschrift hat mich erschreckt – was sie wohl auch sollte. interessanter verwirrender text – sehr schön. like it.

  2. 2 sunny Posted September 19th, 2007 - 02:11

    Die Mädchen der Jocks – kann es ein besseres Spiegelbild zu jenen Außenseitern geben?

    ????

  3. 3 Simon Columbus Posted September 19th, 2007 - 07:20

    hm, der Satz hat mir auch schon nicht gefallen – muss ich wohl ändern.

    Aber schön, wenn dir der Text ansonsten gefällt. Ich habe dich erschreckt? Es ist doch alles nur ein Spiel…

    P.S.: Ich wusste, dass du zu diesem Text ein Kommentar schreiben würdest.

  4. 4 teacher Posted September 19th, 2007 - 20:31

    Toller Flug über Literatur und Gesellschaft … und attraktiver Aufhänger: “nuttig”.
    Lernt man das bei euch in der Schule oder gehört da eine Riesenportion Schreib- und Leselust dazu?

  5. 5 Simon Columbus Posted September 19th, 2007 - 20:46

    Sagen wir mal:

    Man lernt es in der Schule – kennen. Denn die Möglichkeit, Theater zu spielen und zu schreiben, wird gegeben. Ich beziehe mich im Text auf Materialien, die wir bekommen haben, bin sicher beeinflusst durch die tolle (wer hätte das gedacht) Erarbeitung von Don Karlos und einiger Ideen Kants.

    Aber: da gehört natürlich auch eigene Lust dazu. Natürlich Lust, die die Schule hier einmal angeregt hat, aber der Stein des Anstoßes allein ist noch keine Lawine. Die zitierte Literatur habe ich gelesen, weil ich wollte, nicht musste – und den Text am Ende geschrieben, weil es mir Spaß macht. Dennoch: Ohne die Schule hätte ich ihn wohl nicht verfasst – ich wäre nicht darauf gekommen.

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  1. 1 Vom Schreiben at simoncolumbus Pingback on Dec 10th, 2010
    "[...] Eindrücke (als ob es die überhaupt gäbe). Aber ich habe Gefühl, einen Text wie nuttig (den ich immer noch ..."
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"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith


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