Hair!

22Oct07

Haare. Genauer: Haupthaar. Haben so ziemlich alle Menschen, ausgenommen Alte und Kranke – die üblichen Randgruppen halt (Hartz IV’ler haben aber welches).

Seltsamerweise haben diese feinen Auswüchse auf unseren Köpfen schon seit Jahrtausenden die Aufmerksamkeit allerlei merkwürdigen Lumpenpacks auf sich gezogen – jaja, die Priester meine ich. Ob man nun als Samson in der Getreidemühle schuften musste, weil die Geliebte einem die Haare abschnitt – eben jene Delila, die – Glück oder Unglück – Tom Jones (der allerdings auch gar nicht Jones heißt, dafür aber mal Staubsauger-Vertreter war) bisher verschont hat (und die Plain White T’s genauso).
Überhaupt, die Juden haben’s ja sowieso mit den Haaren: Den Sinn von Schläfenlocken konnte ich noch nie verstehen, allerdings scheint es, als könnte man damit einen Menschen gut “über den Tisch ziehen” – ganz praktisch gesehen. Was man mit den Juden, metaphorisch gesehen, später ja auch noch häufig genug gemacht hat. Und Schlimmeres.

Manche Religionen dagegen haben ein ganz anderes Konzept: Haare schneiden für Gott. Was bei christlichen Mönchen wohl höchstens dazu dienen kann, das Keuschheitsgebot einzuhalten – denn wirklich Vorteilhaft sieht’s ja nun nicht aus – gerät indischen Hindutempeln zum Segen: Kann man dort doch tatsächlich große Einnahmen aus den Haaren geschorener Pilger verzeichnen. Die werden dann in Europa zu Perücken verarbeitet – oder uns Ahnungslosen aufs Brot geschmiert, damit die Kruste jenen wunderbar knackig glänzenden Schimmer bekommt, der auch altes Brot noch frisch aussehen, aber durchaus nicht besser Schmecken lässt. Nun ja, das Auge isst mit…

Und nochmal Haare: Mal wieder am Bahnhof gewesen heute. Keine Punks da. Schon wieder Haare, nicht kurz, nicht lang, sondern farbig bunt als musikalisch-politische Meinungsäußerung oder vielleicht auch nur Geschmacksverirrung, aber zu hundert Prozent mit erhöhtem Auffälligkeitsfaktor – den Jugendliche ja generell suchen.
Ob nun Hopper – mit “Türkeniro”, dem modernen Klon aus Vokuhila und Klobürste – oder Metal-Hörer mit Iron Maiden-Vielfarbdruck-Shirt, teuer vom Bier abgespart, und der unvermeidlichen Mähne, die wild peitschend, das Leben des Headbanger prägt, jede Subkultur hat ihre Frisur. Und hin und wieder sieht man auch einen verkifften, in unserer Zeit vergessenen Wannabe-Jamaikaner, dessen farbenfrohe Mütze nicht nur an vergangenen und kommenden Drogenrausch gemahnt, sondern auch den Gipfel eines Wurstgehänges bildet, welches, als Dreadlocks bekannt, auf die Nähe von Reggae und Haschisch schließen lässt. Aber das sind schon keine Jugendlichen mehr, sondern Philo-Studenten. Hört man zumindest.

Nein, seltsam, dieses Bild bin ich von meiner behüteten Waldorferziehung kaum gewohnt. Wir, in einer Klasse, in der multi-subkultureller Einheitstrott an Unterschieden herrscht, sind es nicht gewohnt, dass derart segregiert wird. Hier hört der Metaler morgen vielleicht doch Techno oder Rap, was leider bedauerlich ist, da er zwar Begeisterung, keinesfalls aber Geschmack transferieren kann, und der Hopper auch mal Soul und Jazz.
Nein, Subkultur, das liegt uns nicht. Natürlich, natürlich, wir haben sie auch – jene “Freaks”, die scheinbar zielstrebig einer Schlangenlinie ins Nirvana ihrer aktuellen Ausrichtungen steuern. Aber es ist halt so: Du weißt nicht, was denn morgen ist.

Langeweile? Nicht wirklich, und ein bisschen doch. Langeweile für den äußeren Betrachter: Weder das amüsante Biotop, wie ich es jeden Morgen in der Linie 103 zu seiner Schule fahren sehe, 30 Schüler, Dresscode, Uniform, du weißt, sie hören Gangsta Rap – und zwei Bewacher in quitschgelben Westen. Seltsam, dass gerade in dieser vorgeblichen Einigkeit soviel Zwietracht herrscht… Nein, kein solches Biotop – man könnte es auch “Ghetto” nennen – und auch nicht jene frei Wildbahn der verrücktesten Ideen, Konfessionen und Designs, Zusammenleben vieler kleiner Herden…

Nein, wir sind nicht so. Wir sind ein wenig langweilig. Man sieht hier schon, bei manchen, was ihre iPods ausspucken – aber eben nicht in jenem übertriebenen, aufgeblähten, gedopten Wettlauf der Einzelnen um das extremste Imitat eines unerreichbaren Idealbildes. Klar, dass der Hopper seine Hosen etwas tiefer trägt – nur nicht zu tief. Der Metaler hat die Haare lang – aber eben nicht immer nur Schwarz in Schwarz mit höllischem Aufdruck an. Blick nach Rechts, Blick nach Links – Bluejeans. Am Ende sind wir alle gleich.

So sind auch unsere Haare. Natürlich – jeder hat seinen eigenen Stil. Aber eben eigen, nicht bloßes Mimikri. Hier gibt es keine Leitlinien – und auch nicht viele Abweicher.
Ich habe vor einigen Tagen alte Bilder gesehen. Das letzte Klassenspiel. Klasse Acht. Lang lang ist’s her – und vieles unverändert. Erstaunlich, wie Menschen sich verändern konnten und immer noch aussehen wie damals – etwas größer, erwachsener, klar – aber eben nicht anders. Kontinuität? Einfallslosigkeit?

Ich jedenfalls war heute beim Friseur. Mit “eu”. Das heißt, bei der Friseuse. Auch mit “eu”. Sieht anders aus. Jünger, sympathischer, modischer.
Ich bin nicht mehr so sehr Outlaw. Die lange Mähne ist weg. Widerstand gegen das System? Hier gibt es keins. Zeit für den Revolutionär, sich zur Ruhe zu setzen. Meine Haare haben keine Macht, ich bin nicht Samson. Und doch ist Abschneiden, Färben mehr als nur eine Veränderung: Es ist auch ein Schritt nach vorn. Wie so viele bisher. Vielleicht, vielleicht wartet doch ein Ziel auf mich…

Meine Brille passt besser zu dieser Frisur.

1 Response to “Hair!”


  1. 1 hutzel Posted October 23rd, 2007 - 19:08

    :D Ich habe ehrlich gesagt nur drauf gewartet bis du einen Artikel darüber verfasst….Und zu der Brille: STIMMT!…..nur was ist mit der anderen ;) ??

    lg hutzel (sportler3/actor1)

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