Bühnenfeeling

06Nov07

Bang Bang You're DeadIch würde euch ja gerne erzählen, wie’s so war auf der Bühne. Wie’s so war, als ich hinaustrat in den Saal, ins Dunkel. Wie das Spotlight anging und ich, leicht geblendet, fragte: “Wer ist da?”

Ist nur leider nicht drin. Ich musste mich konzentrieren.
In der Tat habe ich kaum Erinnerungen an den Auftritt selber – ich weiß noch, dass ich mich vorher ganz ruhig und geradezu lässig gefühlt habe. Das lag wohl auch daran, dass ich meine Hose verloren hatte und die ganze Zeit suchen musste (wo sie hin ist, weiß ich bis heute nicht – ich habe dann mit einer anderen gespielt). Und ich weiß auch noch, wie ich mich danach gefühlt habe. Nachdem ich im Reigen der von mir getöteten, der Opfer meines Amoklaufes, auf die Knie gesunken war – “Oh Gott!” – und das Spotlight mit den Klängen von “Bang Bang My Baby Shot Me Dead”, der Stimme Nancy Sinatras, verloschen war.

In dem Moment, in dem wir schließlich alle auf der Bühne standen und uns unter tosendem Applaus verbeugten, war ich wirklich frei. Das Abfallen aller Anspannung sorgt für einen solchen Schub an Glückshormonen, dass man wirklich fast glauben könnte, man würde schweben. Ich stand also da, mein weißes Shirt mit rotem Theaterblut verschmiert, und hätte abheben können. Dann zurück in “unseren” Raum, erste Gratulationen von denen, die am nächsten Tag spielen werden – “Das war so gut wie noch nie, Simon!” – und Jubelrufe, mit denen ich die ganze Anspannung herausbrülle. Meine Hände zittern da immer noch leicht von dem Krampf, den ich in meinen geballten Fäusten hatte.

Die geballten Fäuste: Das war wohl das typischste an meiner Art, zu “spielen” – denn das ist nicht nur spielen. Ich bin keinBang Bang You're Dead guter Schauspieler – da gibt es in unserer Klasse genug, die größeres Talent haben als ich. Aber ich habe mit Methode und Einsatz gearbeitet, um meiner Rolle gerecht zu werden. Wenn ich nicht so aussehen kann, als wäre ich angespannt, dann muss ich es eben sein. Diese eine, letzte Szene – lange, immer wieder wiederholte Vorwürfe der Ermordeten bedrängen Josh, bedrängen mich. “Weißt du, was ich am Totsein hasse?” fragen sie, sagen sie. Vermissen Pizza, Kaffee und Kekse, trauern ihrem nie gelebten Leben nach – werden nie nach Rio reisen, nie heiraten, nie Kinder haben. Josh kann sich nicht von ihnen befreien – “wir sind in deinem Kopf”, wie oft haben sie es ihm schon gesagt…
Diese eine letzte Szene. Minuten lang ihm Mittelpunkt stehen und spielen, dass man Stimmen hört, Stimmen im eigenen Kopf. Gerade diese Szene, in der ich kaum Text hatte, kaum Handlung, war die schwerste. Die Anspannung war geradezu körperlich anstrengend.

Aber wenn alles vorbei ist, weiß man, dass es sich gelohnt hat. Weil das Gefühl, dort zu stehen – so unwiederbringlich es ist – einen ganz besonderen Wert hat. Gerade in einer konsumorientierten Welt wie der unseren ist das einfache Gefühl, etwas geleistet zu haben, etwas, dass kein Äquivalent in Geld und Ware kennt, das Erhabenste, das wir uns selbst erarbeiten können.

Und dieses Gefühl von Freiheit, als alles vorbei war… ein Gefühl von Freiheit, dass sich gerade aus der Vergänglichkeit des Spiels erhebt – ein Auftritt, einer nur, nie wieder…

Josh – ich – erkennt zuletzt sein Scheitern an sich selbst. Umringt von den gefallenen Körpern der Toten erkennt er den Wert von Freiheit. Er scheitert an der Endgültigkeit menschlichen Handelns: “Ich wusste nicht, dass es für immer sein würde. Ich dachte, es wäre wieder wie ‘Bang Bang du bist tot’. Ich dachte, ich könnte den Resetknopf drücken und von Neuem beginnen. Warum kann ich nicht noch ein Chance bekommen? Als ich dich tötete, tötete ich auch alle Möglichkeiten. Ich werde nie etwas haben, auf das ich mich freuen kann. Niemals.”
Gerade diese Endgültigkeit ist es, die unseren Auftritt so wertvoll macht: Unwiederholbar gilt es, alles zu geben – und alles zu erreichen. Nur einen Abend lang, drei Stunden, drei Stunden, hinter den Wochen voller Arbeit stecken, um die Welt zu gewinnen. Und nachher fliegen…

Bang Bang You're Dead

Die Photos zeigen unsere zweite Besetzung und somit mein Pendant Christian.

3 Responses to “Bühnenfeeling”


  1. 1 czz Posted November 6th, 2007 - 18:30

    muss man ganz schön kucken , um den schlachtplan zu ergründen http://de.wikipedia.org/wiki/Bang,_Bang,_Du_bist_tot und dem mut , im schülerkreise zu morden
    http://s199556911.online.de/?p=514

    some call it “real presence” – aber das allergrossartigste ist , wenn es gelingt : das “bühnenschweigen” –

    kann womöglich auch für die kids von interesse sein : man geht nicht unter , wenn die “dort draussen” einen anstarren , weil man auf diese oder jene weise “sichtbar” , “herausgehoben” , ja : und “anders” ist -

  2. 2 Simon Posted November 6th, 2007 - 18:58

    Ich habe Waldorfschüler immer als souverän erlebt, was Aufführungen oder Vorträge angeht – muss man hier aber auch sein, man kann sich nicht 13 Jahre lang verstecken…

  3. 3 czz Posted November 6th, 2007 - 19:12

    ist natürlich mit der – österreichischen – regelschule nicht zu vergleichen ! untertanengeist herrscht dort nach wie vor über sämtliche hierarchiestufen hinweg : das erzeugt enorm starke reibungen und energieverlust auf allen seiten . auch die lehrerenden gehen da einigermassen deformiert hervor .

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