Eine letzte Woche

07Jun08

“Noch eine Woche” war der meistgejubelte, meistgeseufzte Ausruf des Tages. Es ist noch eine Woche hin, bis wir zu unserer Abschlussfahrt nach Barcelona aufbrechen. Am Sonntag, 15. Juni, 1 Uhr nachts, ist es soweit.

Es ist aber nicht nur die Vorfreude auf eine Woche Sonne, Strand und Party, die sich hier äußert. In jedem sehnsuchtsvollen Ausruf liegt auch ein wehmütiger Seufzer über das Vergangene.

Denn die Abschlussfahrt weckt Erinnerungen an alte Zeiten. An Zeiten, in denen die Klasse – immer hoch gerühmt für ihren Zusammenhalt – eine echte Gemeinschaft bildete. An Zeiten, in denen wir gemeinsam die Abenteuer aller Heranwachsenden erlebten; idealisierte Zeiten natürlich, mit dem leicht glänzenden Schimmer der Erinnerung. Eine Vergangenheit, die nur als sepiafarbenes Photo erhalten geblieben ist und in deren Brauntönen wir jetzt goldene Lichter zu erkennen glauben.

Jedenfalls war es keine schlechte Vergangenheit. Eine so gute, dass man sich nach ihr zurücksehnt. Und gleichzeitig sind wir alle junge Erwachsene, die gerade an der Weggabelung ihres Lebens stehen und sich fragen, wo es hin gehen soll. Menschen, die sich noch ein wenig verhalten, als hätte man sie im Schlaf mitten auf eine große Kreuzung gesetzt und die sich noch ein wenig die verschlafenen Augen reiben, während sie verwirrt in die Gegend schauen.

Wenn ich in ein paar Minuten achtzehn werde, dann bin ich einer der letzten, diesen Moment zu durchlaufen, der wie kein anderer Symbol für einen Prozess ist, der immer noch wie eine Lawine über jeden einzelnen von uns hinweg rollt. Im vergangenen Schuljahr haben wir nicht nur viele Achtzehnte gefeiert. Wir haben auch daran gearbeitet, dem Symbol gerecht zu werden. Wir haben gemeinsam ein Theaterstück auf die Beine gestellt, in dem sich jeder auf den anderen verlassen können musste. Wir haben an unseren Jahresarbeiten geschrieben, getanzt und geschraubt, bei denen jeder einzelne auf sich alleine gestellt bestehen musste. Wir haben die Gemeinschaft gelebt und sind Individuen gewesen auf unserem Weg durch dieses Jahr.

Und nun stehen wir vor dem Abschluss, an dem alles zusammenfließt und der sich doch gerade als Weggabelung zeigt. Wir stehen nicht nur vor einer Reise, sondern vor einem, vor vielen Leben.

Barcelona kann für uns der Platz sein, an dem alle Wege zusammenlaufen und von dem alle Wege ausgehen.

Aber diesen Platz zu erreichen ist nicht einfach – und in dieser Welt gibt es kein Navi, dass uns den Weg zeigt. Es ist das Straßennetz der Beziehungen zwischen Menschen, auf dem wir uns bewegen.

In der letzten Zeit scheint es, als erlebten wir in unserer kleinen Gemeinschaft einen ganz eigenen Kontinentaldrift. Denn diese jungen Menschen haben begonnen, sich ihrer selbst bewusst zu werden und gleichzeitig damit angefangen, sich selbst zu hinterfragen. Was scheinbar auf ewig zusammengefügt schien ist auseinandergebrochen.

Durch die Teilung der Klasse in solche, die Abi machen, und andere, die einen Realschulabschluss machen, sehen sich alte Freunde kaum mehr, wer sich früher nicht nahestand, nimmt einander heute nicht einmal mehr wahr. Aber es ist nicht nur diese Zukunft und der damit verbundene Druck, der uns geteilt hat. An die Stelle der kindlichen Gemeinschaft sind junge Individuen getreten, die nach ihrem Weg, ihrem Platz auf der Welt suchen.

Man weiß nicht mehr, wie eine von uns sagte, was man mit manchen Mitschülern reden soll. So fremd sind sich die verschüchterten Kinder geworden, die vor zwölf Jahren gemeinsam auf der Holzbank saßen und von ihrem neuen Klassenlehrer das Märchen von der Gänsehirtin am Brunnen erzählt bekamen. So fremd, dass sie sich Streiten, um die Verwirrungen über die Fremdheit der anderen, über die eigene Fremdheit zu verdecken.

Barcelona ist nicht nur unser kleiner Traum, unsere Hoffnung auf ein wenig Spaß. Barcelona ist auch unsere letzte gemeinsame Zukunft. Nach dieser Fahrt kann es keine Gemeinschaft mehr geben. Und mit unserer Reise dorthin träumen wir auch von einer Reise zurück auf diese Bank, zurück zu den Märchen. Zurück zu dem dämmerhaften, fröhlichen Kindsein alter Tage, zu dem uns kein Flugzeug bringen kann. Vielleicht ist es schon zu spät, der Streit zu schwer, die Beziehungs-Straßen zu tief aufgerissen für unseren Traum. Schon jetzt liegt eine lähmende Trauer in der Luft von Abschied, Sehnsucht und Wehmut, die sich mischt mit Ärger und Unsicherheit über unsere Zukunft.

Vielleicht haben wir aber auch noch eine Chance. Die Chance auf eine letzte gemeinsame Woche.

2 Responses to “Eine letzte Woche”


  1. 1 Ninja Del Piero Posted June 13th, 2008 - 12:53

    Es ist wirklich zum Heulen!

  2. 2 judith Posted July 11th, 2008 - 21:03

    Sehr schön geschrieben, Simon!
    Taurig ist es, ja!
    Und irgendwie ein seltsames Gefühl, findet ihr nicht?
    Trifft man jetzt jemanden in der Stadt, dann kommt man sich heute vor, wie alte Bekannte – sehr seltsam, wenn man sich zuvor 12 Jahre lang täglich gesehen hat und 12 Jahre lang einen Großteil seines Lebens miteinander verbracht hat!
    Ein Jammer…

    Da Leben geht weiter, und nicht nur das, vielleicht geht es bald erst richtig los?! ;)

Comments are currently closed.

"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith