Keine Experimente!

26Aug08

Kurt Beck sei der deutsche Barack Obama, schrieb Spiegel-Korrespondent Gabor Steingart vor einiger Zeit in seiner Washington-Kolumne “West Wing”. Denn wenn nichts dazwischenkomme, sei Beck der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten für die kommende Bundestagswahl. Ganz ohne Vorwahlkampf.

“Kurt Beck nominiert Kurt Beck”, beschreibt Steingart das innerparteiliche Klüngelsystem der Parteien, auf das die Basis – geschweige denn der Bürger – keinen Einfluss hat. Selbst wenn bei den großen Parteien einmal Mitgliederentscheidungen anstehen, sind die Ergebnisse Makulatur.

Der einzelne Bürger braucht sich gar nicht erst dem Gefühl hingeben, politischen Einfluss ausüben zu können. Im starren deutschen Parteiensystem ist er – anders als im personen-fixierten amerikanischen Modell, nutzlos und unerwünscht.

Auch der häufig diskutierte Mangel an politischen Blogs in Deutschland rührt daher. Denn ein für das Engagement Einzelner offenes System motiviert dazu, sich einzumischen. In Deutschland dagegen wird politisches Engagement von Politikern – man erinnere sich nur an den GröFaZ / GröVaZ-Vergleich von Innenminister Schäuble zur Verfassungsklage gegen die Vorratsdatenspeicherung – niedergebuht.

Den Rest erledigen die arrivierten Massenmedien. Innovative Politiker, die mit “neuen” – soll heiße, zeitgemäßen – Medien experimentieren und sich “dem Volk” annähern, werden mit Häme bedacht und verspottet.

Erleben darf das gerade SPD-Generalsekretär Hubertus Heil. Dessen Twitter-Projekt zum Nominierungsparteitag der Demokraten wird von Spiegel Online-Autor Carsten Volkery gnadenlos zerrissen. Wären bei Twitter Updates nicht auf 140 Zeichen beschränkt, Volkery würde Heils Tweets blockweise zitieren.

“Super”, “Kracher”, “unglaublicher Trubel”: Für Carsten Volkery ein “Jargon [...], der selbst manchen Teenager erbleichen lassen dürfte.” Das es für Heil trotzdem vor allem Lob für sein Projekt gibt ist dem Spiegel-Autor kaum der Rede wert. Stattdessen seien “Manche reifere Genossen [...] peinlich berührt”, auch wenn Volkery dazu leider keine O-Töne vorweisen kann.

Schließlich geht es Volkery auch nicht darum, Heils Tweets zu bewerten. Vielmehr ist sein Artikel ein Rachefeldzug gegen den abtrünnigen Politiker, der sich nicht an die gute deutsche Technikfeindlichkeit hält und vor allem: Die “Nähe des Volkes” sucht.

Denn während man den charmanten Barack Obama auf der anderen Seite des Atlantiks feiert, verlangen SpOn und Co. von dessen deutschen Kollegen, sich an das gute alte CDU-Motto “keine Experimente” zu halten. Wer sich nicht preußisch genug gibt, wird abgestraft – weil Normalität bei Politikern als Lächerlichkeit gilt.

Deutschland und seine Politiker: “Der große Graben”. Für dessen Erhalt macht sich ein Carsten Volkery gerne die Hände schmutzig und greift zum Spaten.

4 Responses to “Keine Experimente!”


  1. 1 Björn Grau Posted August 26th, 2008 - 17:38

    Es ist ja nicht so, dass es an Heils Twitterei nichts zu kritisieren gäbe. Sonderlich analytisch (und damit politisch relevant) sind die alle nicht. So toll ich Heils Versuch finde, so richtig Näheherstellen durch Alltäglichkeiten (Shoppen und Bier trinken) ist, ein oder zwei etwas tiefergehende Gedanken wären auch mit 140 Zeichen möglich gewesen.
    Aber eine solche differenzierte Kritik passt nicht zu den bornierten Hamburgern. Spon macht billig Meinung und schön, dass es einer (Du) so schnell so treffend auf den Punkt gebracht hat. Danke!

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  1. 1 Artikelschreiben im Twitterrausch | Leere Signifikanten Pingback on Aug 26th, 2008
    "[...] ist denn nur mit dem SPIEGEL los? Simon Columbus: Keine Experimente! DNC: Nachhilfe für SPD-Obama Hubertus Heil? Hansjörg ..."
  2. 2 Klaus Lübke Blog » Internetpartei SPD: Hubertus Heil twittert Pingback on Aug 26th, 2008
    "[...] Digital - Nürnberger Zeitung VIP-Raum - Medien gerecht - Leere Signifikanten - Filterblog - Simoncolumbus - Hansjörg [...] "
  3. 3 Sommerfehde #2: Blogger verteidigen Hubertus Heil gegen SPON | freshzweinull +++ Pingback on Aug 27th, 2008
    "[...] (Hubertus Heil) Pro: blog.handelsblatt.de, blog.helmschrott.de, simoncolumbus.de, lumma.de, haseler.de Contra: spiegel.de, sueddeutsche.de, [...] "
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