Traurige Streber und Rebellen ohne Ideale

20Sep08

Seit einigen Wochen findet in der “Zeit” eine “Jugenddebatte” statt. Angestoßen wurde diese von Jens Jessens Klassifikation der heutigen jungen Generation als “Traurige Streber”. In einer zweiten Replik darauf warnt Evelyn Finger vor einer “tickenden Bombe” – der deutschen Unterschichtsjugend.

Gerade erst hat Daniel Hass für SpOn von den “bürgerlichen bösen Buben” geschrieben – den Gangsta-Rappern wie Sido und Bushido, die längst vom Bordstein ihrer Viertel auf die Sofas von Kerner und Co. avanciert sind.

Die beiden “bösen Buben” sind die Aushängeschilder eines Genres, dass sich mal Gangsta-, mal Zuhälter-, mal Pornorap nennt: Kommerzialisierte Provokation aus den armen Vierteln Deutschlands. Die Protagonisten verleugnen Gymnasialbildung und Abitur, um sich als “street” zu präsentieren – und betonen gleichzeitig, dass sie sich hochgearbeitet haben.

Sido, Bushido oder Kollegah sind Söhne alleinerziehender Mütter, aus armen Verhältnissen, chancenlosen Vierteln – die es trotzdem geschafft haben. Sie haben ihre Villen und Luxuswagen mit den Erlösen ihrer Provokation bezahlt. Die Jugend mit Charakter, die sich Jessen wünscht, sind sie nicht.

Aber ist es nicht logisch, dass die Rebellen unserer Zeit Materialisten sind? Neue Generationen bringen neue Strömungen mit sich, in Deutschland auch gerne neue Parteien. Die Neuen im Bundestag sind keine Nachfolger der Grünen, die den verlorengegangenen Idealismus der Umweltschützer ersetzen – die Neuen im Bundestag heißen die Linke und treten nicht für Ideale, sondern für das tägliche Brot ihrer Wähler ein.

“Erst das Fressen, dann die Moral”. Die heutige Jugend ist sich ihres materiellen Wohlergehens nicht mehr sicher – daraus werden traurige Streber gemacht.

Die ’68er waren nur möglich, weil Deutschland reicher als je zuvor war – und die junge Generation sich keine Sorgen machen musste, dass es abwärts gehen würde. Die Grünen stiegen aus und ihre Wähler fahren trotzdem häufiger Porsche als andere.

Der heutigen Jugend wird ein Leben am Abgrund vermittelt. Die Konsequenz: Wer etwas zu verlieren zu haben glaubt, arbeitet mehr und mehr, weil er um seine materielle Grundlagen fürchtet. Als Rebellen bleiben die übrig, die nichts zu verlieren zu haben glauben.

So sind die Rebellen von heute die Aussichtslosen, die Kinder alleinerziehender Mütter, die Armen unter Hartz IV, die Chancenlosen unseres Landes. Ihre Rebellion: Aufbegehren gegen das System, von dem sie ausgeschlossen werden. Heute noch Infiltration bei Johannes B. – morgen was?

Bushido ernennt sich in seiner neuesten Single Ching Ching zum Ghetto-Präsidenten – mit der Mehrheit der Straße. Rappt von Chancen, die er – Gymnasial-Abbrecher – angeblich nie hatte: Chancen, die seine Hörer tatsächlich nicht zu haben glauben. Er redet seiner Jugend ein, unverstanden zu sein, klagt “die da oben” an, nicht verstehen zu können: “Euer scheiß Leben ist schon abgesichert. Medizin studieren, Doktor werden über Nacht, ihr Wichser.”

Es ist die Rhetorik der Rädelsführer von Revolutionen: Wir und Die, wir Unterdrückten und die Unterdrücker. Bushido appelliert an die Ghetto-Jugend als gesellschaftliche Klasse, wie es die Linke an ihre Eltern tut: Mit Populismus, der die Realität aufgreift – und den Angesprochenen die Verantwortung für ihr Schicksal abnimmt. Ihnen dann einen Teil davon zurückgibt, abzuzahlen im Dienst für die gemeinsame Sache.

Das sind also die Rebellen unserer Zeit: Die neu geformte Unterklasse, das “Prekariat”, dessen Lage tatsächlich so prekär ist, dass es sich leicht verführen lässt von den Aufsteigern aus seiner eigenen Mitte. Während die Mittelklasse individualistische Einzelkämpfer hervorgebracht hat – “traurige Streber” ohne Ideale, weil sie keine Hoffnungen mehr haben – formen Agitatoren in der Unterklasse ein Gemeinschaftsgefühl, dass sich aus der Hoffnungslosigkeit ihrer Mitglieder speist, die in der Massenkonformität Schutz suchen.

Ein Erfolg dieser Rebellen wäre ein neues ’33: Der Sieg der Massen, die ihren freien Willen im Gegenzug für Verantwortungslosigkeit geopfert haben, um sich nicht selbst anklagen zu müssen. Ob es ein Sieg durch die Machtergreifung von “Ching Ching” Bushido und Lafontaine ist oder durch die Reaktion der heutigen Machthaber ist egal.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war es das Scheitern einer jungen Demokratie – nicht einzigartig, sondern Teil eines Massenphänomens, dass in jenen Jahren Europa heimsuchte.

Es war auch das Scheitern der jungen Idealisten, die 1918 die Demokratie ausgerufen hatten – zu einer Zeit, als der Krieg ihre Reihen schon gelichtet hatte. Zwischen 1918 und 1933 erlebten Deutschland und Europa eine Phase der größten Zerrissenheit, weil junge Künstler und Intellektuelle mit sich überschlagenden Revolutionen die voranschreitende Gegenrevolution der Alten bekämpften.

Aber die Ideale der jungen Avantgarde waren kein Brot für die Massen. Die große Depression gab der gerade erst geborenen Demokratie ihren Todesstoß. Am Ende hieß es: Lieber Brot vom Diktator als hungern in der Demokratie – erst kommt das Fressen, dann die Moral…

75 Jahre später, ein déjà-vu: Sicher geglaubtes zerbricht, nicht erst jetzt, schon lange: 9/11, Agenda 2010 und Bankenkrise: Der Effekt ist der selbe. Verlustängste verbreiten sich in der Bevölkerung, Futterneid greift um sich: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Wenn man heute hört, 1984 sei nahe, ja schon da: Überwachung ist nur eine Taktik freiheitsfeindlicher Strategen. Wir stehen heute am Vorabend einer großen Gegenrevolution, getrieben von dem Wunsch nach materieller Sicherheit, die die Errungenschaften unserer Grundgesetzes, Rechtsstaatlichkeit und Liberalität niederreißen wird, wenn sie gewinnt. Freiheit geht verloren, wird in Zeiten der Sucht nach Sicherheit zum Staatsfeind.

Wo sind die Idealisten, die sich gegen diese Rebellion ohne Ideale stellen? Es gibt im Deutschland unserer Tage keine große liberale Bewegung, keine intellektuelle Revolution. Man kann die Hoffnung auf die neue Datenschutzbewegung setzen, hoffen, dass sie sich zur Freiheitsbewegung emporschwingt. Aber die Piraten sind nicht die Neuen im Bundestag unserer Zeit: Das sind die Linken, die Partei der Rebellen ohne Ideale, weil sie alte Ideale wiederholt, Ideale, die keine neue Zeit einläuten, sondern alte Probleme behandeln.

Was Deutschland braucht, ist eine intellektuelle Revolution. Mit den traurigen Streben der jungen Generation ist die aber nicht zu machen. Es fehlen dem Drama die Protagonisten, der Kampf scheint zuende, bevor er wirklich begonnen hat. Ganz Deutschland ist besetzt; das kleine gallische Dorf, bewohnt von Jens Jessen und den Piraten, alt-68ern und neo-Hippies, wird keinen Ausfall machen.

3 Responses to “Traurige Streber und Rebellen ohne Ideale”


  1. 1 Brandau Posted September 29th, 2008 - 10:53

    “Wir stehen heute am Vorabend einer großen Gegenrevolution, getrieben von dem Wunsch nach materieller Sicherheit, die die Errungenschaften unserer Grundgesetzes, Rechtsstaatlichkeit und Liberalität niederreißen wird, wenn sie gewinnt. Freiheit geht verloren, wird in Zeiten der Sucht nach Sicherheit zum Staatsfeind.
    (…)
    Wo sind die Idealisten, die sich gegen diese Rebellion ohne Ideale stellen?”

    Nur mal ein Gegengedanke: Ist der Wunsch nach Sicherheit nicht auch ein Ideal, für das man kämpfen kann?

    Im übrigen meine ich schon, dass unsere Gesellschaft in vielen Bereichen immer liberaler wird. Die Rechstaatlichkeit ist noch lange nicht aufgehoben, auch wenn es sicherlich bedauerliche Entscheidungen gibt, die aber in meinen Augen eher Einzelfälle sind, bei denen es unlauter ist gleich den Überwachungssaat auszurufen. Natürlich haben bestimmte Politiker weitreichende Pläne zur Überwachung, aber das bedeutet ja noch nicht, dass sie diese auch umsetzen können.

  2. 2 Simon Posted September 29th, 2008 - 13:10

    Nein, ausrufen will ich den Überwachungsstaat noch lange nicht. Aber die allgemeine Tendenz nicht nur in Deutschland zeigt einen starken Abfall freiheitlicher und rechtsstaatlicher Werte bei einer Zunahme von Überwachung. Tatsächlich wird die Gesellschaft in vielen Bereichen liberaler, etwa bei der Akzeptanz von Minderheiten. Gleichzeitig nimmt aber die Freiheit der gesamten Gesellschaft ab.

    Was den Verfall des Rechtsstaates in Deutschland angeht kann ich nur das Buch “Der Terrorist als Gesetzgeber” von Heribert Prantl empfehlen, in dem der Innenpolitik-Chef der Süddeutschen das an einigen Beispielen (u.a. der zunehmenden Akzeptanz von Rettungsfolter) aufzeigt.

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  1. 1 Jugend ohne Spott? - blog.argwohnheim Pingback on Sep 21st, 2008
    "[...] und drei von zehn ihn nicht verstanden haben. Ein interessanter Diskussionsbeitrag kommt aber von Simon Columbus, dessen Analyse ich ..."
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