Chez Henri

07Oct08

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(via Christoph)

Volker Pispers zeigt als Henri Duvalier das vielleicht beste Stück, dass ich bisher von ihm gesehen habe. In diesem Ausschnitt kommt Pispers’ größte, aber auch schwierigste Qualität zum Vorschein. Volker Pispers ist, und das ist nicht so leicht zu ertragen wie es klingt, unglaublich unabhängig.

Pispers, dessen Publikum mit Sicherheit mehr als nur ein wenig links der Mitte ist, brilliert als selbsterklärter Faschist. Und, was erschreckend ist, proklamiert als solcher Leitsprüche, die jedem denkenden Menschen zumindest als Fragen bekannt sein müssen.

Ja, es ist eine Frage: “Sind sie wirklich der Meinung, dass jemand, der zu blöd ist für die [sic!] Hauptschulabschluss, dass der die [sic!] gleiche Stimmrecht haben soll wie sie?”

Henri Duvalier sagt: “Moi, je suis antidémocrate.” Aber gerade wer Demokrat ist – wer sich heutzutage als “Verfassungs-Patriot” betitelt – muss sich diesen Fragen stellen. Und er muss diese Fragen nicht als rhetorische, sondern als Fragen von grundlegender Bedeutung für das Verständnis, ja, für das funktionieren der Demokratie sehen. Ein Akt, der die Fähigkeit des Zurückstellens des dem Menschen eigenen Bedürfnisses nach einer Einordnung von Aussagen in das eigene Weltbild erfordert.

Das ist die Qualität, die Pispers ausmacht: Seine erstaunliche Neutralität. Die Fähigkeit, Probleme dort zu sehen, wo befangenere Menschen von der “eigenen Seite” sprechen würden, und diese Probleme ohne ein Abwägen möglicher Schäden für diese “eigene Sache” zu artikulieren.

“Unsere Sache” – auf Italienisch heißt das dann “Cosa nostra” – ist das größte Problem aller in der Öffentlichkeit stehenden Organisationen. Immer heißt es: Nur keine kritischen Stimmen nach außen dringen lassen, auch wenn sie nötig sind. Nur keine Zweifel an “unserer Sache” äußern – denn das Publikum, medial verstärkt, erkennt sofort die Schwäche darin.

Es ist, natürlich, die Schwäche der Philosophen, deren Fragen nie die Festigkeit eines katholischen Dogmas haben können. Und genau mit diesem Dilemma der Schwäche von Fragen schließt Pispers auch: “Sie, als die kritisch engagierte linksliberale Intellektuelle, was haben sie der Jugend zu bieten [...] außer ihre offenen Fragen?!”

An diesem, und erst an diesem Punkt scheiden sich Idealisten und Materialisten: Wenn es darum geht, Fragen oder Antworten höher zu schätzen. Und das zeigt Pispers große Qualität: Fragend zu dokumentieren, ohne sich selbst zu positionieren. Die Entscheidung bis auf den letzten Punkt herauszuzögern.

Das ist die Fähigkeit, an der sich jeder bewusst denkende Mensch messen lassen muss: Daran, wie lange er nicht Position beziehen kann.


"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith