Bullshit statt Bildungspolitik

22Oct08

Bildungsministerin Annette Schavan will Jungen und Mädchen an deutschen Schulen wieder getrennt unterrichten lassen. Die Rückkehr zu urzeitlichen Methoden soll Fehler im deutschen Bildungssystem kaschieren, obwohl diese längst nicht mehr zu verstecken sind.

“In einzelnen Fächern in bestimmten Altersstufen kann getrennter Unterricht von Jungen und Mädchen durchaus sinnvoll sein”, erklärte die CDU-Politikerin kurz vor dem sogenannten “Bildungsgipfel” – der nächsten Alibi-Veranstaltung zur Dauerkrise – am heutigen Mittwoch.

“Sie begründete ihre Forderung mit dem unterschiedlichen Lernverhalten von Jungen und Mädchen. Gerade in Naturwissenschaften oder Sprachen gelinge es ‘nicht immer, Jungen und Mädchen in gleicher Weise anzusprechen’. Das liege an einer ‘gewissen Schwellenangst’. Unterricht müsse ‘so angelegt sein, dass Jungen und Mädchen gleichermaßen Zugang finden. Wo getrennter Unterricht das besser leiste, kann man ihn vorziehen’”, berichtet Spiegel Online.

Auch wenn es ein Fehler wäre im post-emanzipatorischen Zeitalter zu glauben, Mädchen und Jungen würden völlig gleich lernen: Diese Forderung ist ein Schritt in die falsche Richtung. Der Unterrichtsqualität wäre mehr geholfen, würde Deutschland endlich international konkurrenzfähige Investitionen in das marode Bildungssystem tätigen.

In den Schulen sollte die Möglichkeit bestehen, alle Schüler spezifisch zu fördern. Das Lernverhalten auf eine derart grobe Kategorie wie das Geschlecht zu verallgemeinern ist eine erneute Kapitulationserklärung der deutschen Bildungspolitik.

Dahinter verbirgt sich ein tiefgreifendes Problem an deutschen Schulen. In den letzten Jahren hat sich, unterfüttert von dem deutschen “Bildungs-9/11″ PISA, eine Tendenz herausgebildet, Schüler mehr und mehr in Kategorien einzusortieren und zu segregieren. Es herrscht der Leitgedanke “Gleich und gleich, das lehrt sich gut”.

Das Mädchen und Jungen kein similares Lernverhalten haben wird als Grund gesehen, sie getrennt zu unterricht. Genauso werden Schüler unterschiedlicher Begabungen im deutschen Schulsystem sinnlos auf unterschiedliche Schulen verteilt, statt sie gemeinsam voneinander lernen zu lassen.

Als Waldorf- und somit Gesamtschüler habe ich die Erfahrung gemacht, dass es manchmal nervtötend sein kann, auf die langsamsten Denker zu warten. Ich glaube, ihnen ist es im Sport ähnlich gegangen. Oder in der Musik. Oder im Werkunterricht.

Unterschiedliche Begabungen anzuerkennen und zu fördern ist wichtig. Ich finde zusätzlichen Musikunterricht für musische Schüler, eine dritte Fremdsprache für Sprachbegabte großartig. Nicht umsonst haben wir im deutschen Abitur das System der Leistungskurse, um auch die Allgemeine Hochschulreife nach den Fähigkeiten der Lernenden zu differenzieren.

Schüler nach ihren unterschiedlichen Begabungen zu segregieren dagegen ist ein Fehler. Es ist eben nicht so, dass nur gleichartige Schüler miteinander lernen können. Gerade wo unterschiedliche Talente aufeinandertreffen kann voneinander gelernt werden. Von seinem Spiegelbild kann man nichts Neues abschauen. Alternative Lernverhalten dagegen befruchten sich gegenseitig.

Das deutsche Schulsystem scheint allerdings nicht für eine diverse Gemeinschaft statt geistiger Inzucht bereit zu sein. Alle internationalen Vergleiche haben die eine Lehre offensichtlich noch nicht rüber gebracht: Für gebildete Schüler braucht es ein gutes Bildungssystem. Mit vielen Lehrern, spezifischer Förderung und Chancen für die Jugend statt Determinierung der Zukunft nach der vierten Klasse.

Wenn Frau Schavan dann immer noch glaubt, man solle Mädchen und Jungen in “einzelnen Fächern” getrennt unterrichten, können wir nochmal drüber reden.

UPDATE: Der erste Schritt scheint schonmal beschlossen zu sein: Bildungsausgaben sollen bis 2015 auf 10 Prozent des BIP steigen. Ob sich tatsächlich etwas bessert, bleibt abzuwarten. Immerhin sind bis dahin noch einige Wahlen angesagt.

2 Responses to “Bullshit statt Bildungspolitik”


  1. 1 Christoph Posted October 22nd, 2008 - 23:41
  2. 2 teacher Posted November 6th, 2008 - 20:15

    Ab und an die Geschlechter zu trennen halte ich nicht für falsch. Aber es ändert wenig an der Qualität eines Schulsystems. Da gibt es wirklich wichtigere Themen.

    Das soziale Lernen durch Hetergonität braucht spezielle Settings, die selten in den Regelklassen vorkommen. Zu hoffen, dass die Schwächeren automatisch von den Besseren lernen (oder gar umgekehrt), geht oft ins Leere.

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