Sand

22Oct08

Individualität ist kein Wert, den die Gesellschaft schätzt. Sie mag Glattheit statt Kanten, die aus dem Erwartungsrahmen herausragen. Und so lassen wir uns glattschleifen wie Glasscherben im Meer, bis wir zu moralischen Sandkörnern werden. Wir passen überall hinein, wir kommen überall hin – und gehen in der Masse verloren. Beliebigkeit ersetzt Passion. Es gibt tausende Kopien von uns, unterschiedslos wie Sand am Meer.
Man muss eine Lupe nehmen, um unsere Einzigartigkeit zu erkennen; es braucht Forscher, die im Eifer ihrer Wissenschaft nach den letzten Kanten an dem runden Korn suchen, um noch einen Unterschied zwischen uns ausmachen zu können.
Aber wir lassen es mit uns geschehen, denn Kanten gehen nicht Konform mit dem Raster, in das uns die Gesellschaft einsortiert. Sie steht als monströses Geschöpf des Mittelmaßes unserer Vorgänger vor uns; scheinbar überragend, -mächtig; und wir fürchten, dass sie uns herausgreift, vereinzelt, selektiert, segregiert und aus Angst vor der Solitarität fliehen wir uns in die vermeintliche Solidarität der Masse. Wir passen uns an, um dazu zu gehören, ununterscheidbar zu sein, damit uns das Monster nicht finden kann. Wir legen uns eine ideelle Camouflage auf, ducken unseren Kopf, um nicht herauszuragen.
Wir merken, wie wir uns selbst verlieren, tauschen unsere Identität ein gegen die Identität mit der Masse, werden eins statt einzigartig. Das Aufgehen in der Masse beraubt uns des Aufblühens, aber es nimmt auch die lastende Verantwortung, eine Blüte werden zu müssen von uns. Wir werden zu Moosen, alle miteinander in einer Pflanze verbunden, wir haben gemeinsame Wurzeln und gleichförmige Spitzen. Wir sind immergrün, es gibt keinen Herbst und keinen Frühling für uns, denn um sie zu begrüßen müssten wir hervortreten, aber wir fürchten es, den ersten Schritt zu machen.
Wir werden so gleich, dass wir nicht mehr anders sein können. Anders sind nur noch die der anderen Art, wir sehen sie aus der Ferne, beobachten sie, die anderen Moose, wir werfen einen Blick von unserem Baumstumpf herunter auf sie herab, vielleicht recken wir sogar einmal heimlich unsere Köpfe, bewegen uns um Millimeter aus unserer Gleichförmigkeit heraus, um uns vor ihrer Andersartigkeit zu ekeln. Ein kurzer Blick genügt, um uns selbst unserer Gemeinsamkeit zu versichern. Uns genügt, zu wissen, dass wir nicht sie sind, um wir zu sein. Wir definieren uns über unser Nicht-Sein. Inexistenz bietet die beste Zuflucht vor der Entdeckung.


"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith