Voradvent

25Oct08

Ich muss gestehen: In den letzten Tagen habe ich meine ersten Packungen Spekulatius für diesen Winter gekauft. Bei aller Konsumkritik habe ich doch eine unheilbare Schwäche für Printen und Spekulatius. Also wettere ich jedes Jahr dagegen, dass es wohl bald Weihnachtsgebäck zu Ostern gebe, und zwei Tage später liegen die ersten Packungen dann in meinem Einkaufswagen.

Dabei ist der Butter-Spekulatius, den ich gerade esse, nur ein Vorbote der glitzernden Adventszeit. Sein Geschmack erinnert mich daran, dass schon bald wieder “Last Christmas” in den Läden rauf und runter dudeln wird, bis man sich tatsächlich wünscht, dass es die letzte Weihnacht ist und man im nächsten Jahr von dem ganzen Konsumspektakel verschont bleibt.

Am schlimmsten aber ist, dass es einen von allen Seiten anschreit: “Sei fröhlich, du Arschloch! Es ist Weihnachten!”. Dieses “fröhlich, fröhlich, fröhlich!” erinnert mich von Jahr zu Jahr mehr an den ritualisierten Fröhlichkeits-Wettbewerb der grinsgesichtigen “Whos” im Film “The Grinch“.

Das gerade jene Geschichte davon, dass es bei Weihnachten nicht um die Geschenke, sondern um Nächstenliebe geht zum festen Programmpunkt der adventlichen Konsumalien geworden ist, kommt mir wie ein Rolltreppenwitz der Geschichte vor. Zu selbstverständlich ist die Ausschlachtung des gut gemeinten durch die Priester des Konsumismus, die immer wieder “Last Christmas” spielenden Radiomoderatoren, die sich immer wieder neue Werbekonzepte ausdenkenden PR-Strategen, die immer wieder die gleiche Weihnachtsdekoration ins Schaufenster stellenden Ladeninhaber.

Denn die Menschen sollen fröhlich sein! Fröhlich, fröhlich, fröhlich!

Deshalb auch besinnt der gute Bürger sich im Advent auf die alten Traditionen. Verständlich, dass er vor lauter Eifer auf die älteste aller Traditionen zurückverfällt: Den Glauben daran, dass man Glück kaufen kann; und dass was teurer ist auch mehr Glück verspricht.

Früher gab es zu diesem Zwecke Tempel, in denen man, je nach Konfession, seinen Tauschhandel mit Thor oder Dionysos abwickeln konnte. Heute, da wir keine Götter mehr haben, auf deren Altaren wir opfern können, besuchen wir Konsumtempel. Dort schmeißen die Gläubigen ihre Gaben den Priestern des Goldenen Kalbs Konsum in den Rachen, um sich im trauten Heim am Glanz der so erworbenen Reliquie, sei es ein Horn oder ein Huf, seien es Spekulatius oder Printen, zu erfreuen.

Dieser Trubelkapitalismus kommt mir so verlogen vor, dass ich meinen Spekulatius lieber jetzt kaufe als zur Weihnachtszeit. Da ist er nicht nur frischer; ich mag auch den klebrigen moralischen Zuckerguss nicht, den man im Advent allerorten als Dreingabe nachgeschmissen bekommt.

4 Responses to “Voradvent”


  1. 1 Sebastian Posted October 25th, 2008 - 04:26

    Was Last Christmas angeht frage ich mich nur jedes mal, welcher Pop Act, von dem man nie gehört hat, dieses Jahr dran ist, diesen Klassiker zu covern.
    Und ich bin ja ein Verfechter des Ganzjahres-Weihnachtsgebäck.

  2. 2 Christoph Posted October 26th, 2008 - 22:27

    Sei fröhlich, du Arschloch! Es ist Weihnachten!

    Wieder einer für den E-Mail-Zitierer, danke :-)

  3. 3 Simon Posted October 26th, 2008 - 22:37

    @Christoph

    ich sollte nur noch konsumkritische jahreszeitenliteratur schreiben, das scheint besser anzukommen als meine politischen auslassungen…

  4. 4 lülü Posted November 2nd, 2008 - 01:01

    “Sei fröhlich, du Arschloch.” gefiel mir auch gut.

    Ich habe übrigens um den 25. Oktober rum den perfekten Adventskalender gefunden. Zu früh sein lohnt sich. ;)

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