Sankt Martin

17Nov08

Wie ich also am Samstag Nachmittag gegen fünf, sechs Uhr aus meinem bevorzugten Café in der Oberstadt trat, marschierte ein Martinszug in nicht allzu weiter Entfernung an mir vorbei. Fackeln und Laternen schwenkend, ab und an in von meiner Position aus nicht zu verstehende und dennoch sofort wiedererkannte Gesangsfetzen ausbrechend, wälzte sich diese Menschenmasse den Berg hinab auf das Geschäftszentrum zu.

Ich schloss bald auf, schließlich teilte ich mit dem Zug meinen Weg, und so befand ich mich mitten in dem Zug, als wir an den Schaufenstern der Läden vorbeizogen. Dort wurde gerade – denn es ist, wie die bereits eingebrochene Dunkelheit erschreckend bewusst machte, schon Mitte November – wurde also gerade der erste Weihnachtsschmuck angebracht.

Falsche Tannenzweige aus chinesischem Hartplastik, glitzernde Kugeln und blinkende Lichterketten in der Tradition amerikanischer Getränkekonzerne wurden von Verkäuferinnen mit Blick auf den Feierabend hinter den Glasscheiben aufgetürmt und festgesteckt; Rentiere und Weihnachtsmänner mit Kunstschnee auf den Mützen zwischen Baldriantropfen und Beruhigungstabletten drapiert.

Die Kinder sangen unterdessen das Lied von Sankt Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat und dem Jesus im Traum erschienen ist. In der Unterstadt spielte ein Straßenmusikant, die Melodien seiner Lieder mischten sich dissonant unter die taumelnden Stimmen der jungen Mädchen und Knaben.

Wie der Zug sich also zog, zog sich auch die Zeit hin, und in den Augen des einen oder anderen Kindes konnte man eher bleierne Schwere als glühendes Gottvertrauen erkennen. Das fand sich aber bald wieder, denn der Zug erreichte eine weitere Geschäftsstraße und die möglichen Geschenke in den Schaufenstern spiegelten sich schnell wieder in den Augen der Kleinen.

Die Kinder folgten also Sankt Martin, auf und ab – man muss wissen, diese Stadt ist nicht gerade arm an Hügeln und Höhen – auf und ab, marschierten wie schon die ersten Jünger des Asketen ohne Achtung auf die kaum von Fackeln und Neonröhren erleuchtete Dunkelheit und die beißende Kälte unter ihren Baseballkappen ihrem gleißenden Ziel entgegen.

Da war es aber auch schon in Sicht; verheißungsvoll schob sich das Einkaufszentrum über den engen Horizont der Kinder. Noch einmal gab es zum Abschluss eine Runde um die Schaufensterwunder, wurde die Geduld der Kleinen auf die Probe gestellt, dann öffnete der falsche Heilige seinen Sack und verteilte den Lohn für ihre Ausdauer unter den Kindern.

2 Responses to “Sankt Martin”


  1. 1 Christoph Posted November 17th, 2008 - 07:34

    Aha, offensichtlich ein Kinderschänder. Waren Terroristen unter den gottlosen Kindern?

  2. 2 Simon Posted November 17th, 2008 - 16:22

    Tatsächlich war meine erste Hoffnung, als ich Menschen singend und Fackeln schwenkend durch die Innenstadt ziehen sah, die auf eine Revolution. Ich wurde aufs Sträflichste enttäuscht.

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"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith


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