Das Chamäleon

20Nov08

Eines Tages traf Sisyphos, wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte, ein Chamäleon. Sisyphos, der eitle, selbst mit Händen und Füßen stemmend, lachte über das vorsichtige Tier. Nach jedem Schritt einen zurückschreckend schlich das Wesen, langsam wie eine Schnecke, den Berg hinauf. Sisyphos, der bestrafte, eilte, mit Händen und Füßen stemmend, an ihm vorüber und stieß seinen Block hinauf auf den Hügel. Doch wie er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter.
Er aber stieß ihn wieder zurück, sich anspannend, und schob den Block erneut hoch auf den Hügel. Wieder traf er auf seinem Weg das Chamäleon, wie es langsam den Berg hinaufstrebte. Sisyphos hielt für einen Moment ein in seiner Arbeit und er fragte das Chamäleon:
“Sag, Tier, was schleichst du so? Lass’ doch die Schritte zurück, und du wirst schneller an dein Ziel gelangen!”
Das Chamäleon aber blieb stumm, und setzte, weiter fortschreitend, seine Beine einen Schritt zurück. Sisyphos aber eilte vorwärts, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.
Mit Händen und Füßen stemmend stieß er seinen Block hinauf auf den Hügel. Doch wie er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter.

2 Responses to “Das Chamäleon”


  1. 1 Geli Posted December 2nd, 2008 - 23:16

    Das ist mal eine sehr gute Geschichte, wenn auch erst beim zweiten Nachdenken zu verstehen. Der Sisyphos fragt das Chamäleon warum es einen Schritt zurück tut, wo es anders schneller ans Ziel käme, schafft es aber selbst nicht, da der Stein jedes Mal zurück rollt. Wäre sicherlich auch auf einige heutige Begebenheiten im Alltag anwendbar das Beispiel: Nicht immer alles mit dem gleichen Ansatz versuchen, der schon so oft gescheitert ist, sondern eher mal nach einer anderen Lösung suchen, die einen letzten Endes weiter bringt. Danke für den Denkanstoß!

  2. 2 Flüge Bangkok Posted February 27th, 2009 - 10:01

    Schöne Geschichte. Sie lässt viel Raum zur Interpretation. Die Herangehensweise von Geli kann ich nur unterstützen. Aber mir ist eher etwas anderes in den Sinn gekommen: Ist das Chamäleon nicht auch ein Hinweis zu einem Ausweg aus Sysiphus’ Situation?
    Sysiphus hetzt und hetzt und das Chamäleon kommt doch im Endeffekt als einziger ans Ziel. Wenn er es vorsichtig versucht, hat er eine Chance aus seiner Hölle zu entkommen. Doch statt sich ein Beispiel zu nehmen, verspottet er es nur, als er beim zweiten mal an dem Tier vorbei kommt. Dabei müsste er doch langsam sehen, dass sein Weg nicht der beste ist.
    Das Fazit dieser Analyse: Es sind oft die kleinen Dinge, die wir übersehen oder verspotten, die uns einen Ausweg zeigen können.
    Noch ein Kommentar zu deiner Geschichte ohne Analyse: Mir fehlt der Hinweis, dass das Chamäleon es über den Hügel geschafft hat. Du schreibst nur, dass es einen Schritt vor den anderen setzt. Wie gesagt, nach meinem Gefühl fehlt mir ein kleines “Und während das Chamäleon den Hügel überwand, rollte der Block erneut”. Sowas in der Art. Chamäleon am Ziel, Sysiphus hinter dem Stein her. Schon wieder.
    Naja, vielleicht bin ich auch nur von meiner “Idee” geblendet. ;) Das würd nämlich perfekt dazu passen *hust*.

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