Überwachung: Am eigenen Leib erwägt

03Dec08

Am Sonntagmorgen fanden wir die beiden Mülltonnen, die unten vor der Treppe an der Straße gestanden hatten, niedergebrannt vor.
Die Polizei wurde gerufen, ein Brandbericht erstellt – den Dreck durften natürlich wir wegmachen.
Am Montag war auch die dritte Mülltonne zerstört. Jemand hatte sich sogar die Mühe gemacht, sie auf den Treppenabsatz zu zerren, auf dem schon die beiden anderen Tonnen verbrannt waren.

Die erste Reaktion auf dieses Verbrechen konnte nur Wut sein. Schließlich hatte nicht nur irgendwer völlig ohne Grund unsere Mülltonnen angesteckt, nein: Er hatte es sogar gewagt, seine Tat zu wiederholen! Das Schlimmste aber war, dass es keine Hoffnung gab, den Täter zu fassen.
Denn sicher, es ist ein Verbrechen vorgefallen, eine ärgerliche Frechheit, aber doch nichts, was eine längere Untersuchung wert wäre; mit akribischer Spurensuche und Befragungen der Nachbarn.

Es ist der natürlichste Wunsch in dieser Situation, den Brandstifter fassen zu wollen. Um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen, um zukünftige Taten des Feuerteufels zu verhindern. Vor allem aber, um der eigenen Ohnmacht Herr zu werden.

Die Möglichkeit, selbst das Ruder zu übernehmen, ist so offensichtlich, dass sie sogar den gaffenden Kindern auf der Straße als Erstes einfällt. Natürlich ließe sich mit einer Überwachungskamera ein dritter Anschlag verhindern oder, wenn er doch stattfände, der Täter enttarnen.

Gerade in diesem Moment aber bedarf es einer abwägenden Überlegung:
Dieses kleine Stück Genugtuung lässt sich nur gegen ein großes Stück Freiheit eintauschen.

Mit jeder zusätzlichen Überwachungsmaßnahme geht der Öffentlichkeit ein Stück Freiheit verloren. Dennoch mag es dem Einzelnen verlockend erscheinen, einen Teil der Freiheit aller für das Gefühl persönlicher Sicherheit und die Erfüllung seines Gerechtigkeitssinnes einzutauschen.

Der scheinbare Gegensatz zwischen Freiheit und Sicherheit ist vielfach diskutiert worden. Dabei unter den Tisch gefallen ist der ebenso wichtige Gerechtigkeitssinn des Menschen.

Ungesühnte Verbrechen enttäuschen das mit unserer Gesellschaftsordnung eng verknüpfte Vertrauen der Bürger in den Rechtsstaat und das demokratische Dreigestirn Legislative, Exekutive und Judikative.

Wenn, was als ungerecht empfunden wird, nicht bestraft wird, bedeutet das einen Verrat des Staates an seinem Versprechen gegenüber dem Bürger: Dem Versprechen, die Rechtsordnung aufrecht zu erhalten.
Da der Bürger aber im Tausch gegen dieses Versprechen sein Recht auf Selbstjustiz aufgegeben hat, ist er dieser Situation hilflos ausgeliefert.

Er kann auf den ersten Blick nicht anders, als auf höhere Sicherheitsstandards, härtere Abschreckung und effektivere Prävention zu drängen, will er nicht seinen Vertrag mit dem Staat aufkündigen.

Wir Menschen neigen in einer solchen Situation dazu, zuvorderst auf unsere eigenen Bedürfnisse zu achten, ohne die Auswirkungen der von uns ergriffenen Maßnahmen auf andere zu bedenken und vor allem, ohne in Erwägung zu ziehen, was Kants Kategorischer Imperativ befiehlt: Nämlich, dass unser Verhalten allgemein nachahmenswert sei.

Es ist ein gravierender Unterschied, ob ich mich für die Installation einer Überwachungskamera über meinem Hauseingang entscheide, oder ob ich die Entscheidung über die Anbringung von solchen Kameras in jedem Hauseingang des Landes fällen muss.

Als genau diese Entscheidung muss ich meine Wahl, eine Überwachungskamera zu installieren, aber sehen.

Wenn es um Maßnahmen im öffentlichen oder semi-öffentlichen Raum geht, muss das kurzfristige Verlangen des Bürgers nach einer gefühlten Sicherheit und Gerechtigkeit im Einzelfall zurückstecken hinter den allgemeinen Bedürfnis nach Freiheit. Denn nur in einer freien Gesellschaft kann es langfristig ein hohes Maß an Sicherheit und Gerechtigkeit geben.

3 Responses to “Überwachung: Am eigenen Leib erwägt”


  1. 1 corax Posted December 5th, 2008 - 06:29

    Schöne Parabel.
    Aber früher fand man doch brennende Mülltonnen „cool“.

    Glück auf!
    (eigentlich wollte ich bloß sagen, dass ich hier alles lese)

  2. 2 Simon Posted December 5th, 2008 - 22:42

    Brennende Mülltonnen sind nur so lange cool, wie man sie nicht mit ‘ner Spitzhacke aus dem eigenen Hauseingang losschlagen muss.

  3. 3 corax Posted December 6th, 2008 - 04:29

    Jetzt klingst du fast wie mein Opa, du Spießer. ;—)

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