Eine Generation für die Rezession

22Dec08

Es soll nun doch kein Auslandsaufenthalt sein nach der Schule. Natürlich hätte sie das gerne gemacht, aber nun hat sie ihren Studiengang gefunden. So passend, dass sie ihn sich nicht durch die Finger gleiten lassen kann. Und im übernächsten Jahr machen dank G8 zwei Jahrgänge Abitur in Nordrhein-Westfalen, das hieße doppelte Konkurrenz, würde sie das Auslandsjahr jetzt machen…

Risiko ist bei der deutschen Jugend aus der Mode gekommen. Geht es um die Karriere, müssen Coolness, Spaß und Träume zurücktreten. Seit Jahren schon lebt die junge Generation in dem dauernden Spannungsfeld äußerer Gefahren, das die innere Entfaltung zur Nebensächlichkeit auf dem Weg in die Leistungsgesellschaft werden lässt.

Im Geiste hat sich diese Gesellschaft nie vom Platzen der Dotcom-Blase erholt. Auch nach der jetzigen Finanzkrise lebt es sich nicht wieder, sondern immer noch schwer unter der Bürde des Bewusstseins, dass das Kartenhaus, das sich unser Wirtschaftssystem nennt, jederzeit zusammenbrechen kann.

Quasi an jeder Straßenecke, über dem Strich jeder im Geiste aufgemachten Rechnung, lauert in den “nuller Jahren” der Untergang. Dieses Klima ist es, unter dem meine Generation erwachsen wird: Die zwanghafte Erwartung der Implosion, die alles Erarbeitete zunichte werden lässt. Kein Wunder, dass wir eine Obsession mit Naturkatastrophen haben: Im Geiste überschlagen sich bereits die Wellen des nächsten Tsunamis, der uns unsere Chancen, die möglichen Früchte unserer zukünftigen Arbeit, entreißen wird.

Es drängt sich die Parallele zu den Anfangsjahren des letzten Jahrhunderts auf, als die kulturelle Elite seit dem Fin de Siècle das Inferno ersehnte, welches die politischen Kräfte bereits mit allen Mitteln anrührten. Sie bekam es schließlich, nur um von ihm gebrochen zu werden; und anstatt dass der Asche Phönix gleich eine neugeborene Ära entschwebte gebar der Krieg einen Kerberos, der die Welt nur noch weiter in den Abgrund reißen sollte.

Unsere Generation ist aber nicht mit jener zu vergleichen. Es findet kein Verzweifeln an der Erkenntnis statt, dass es keine Sicherheiten gibt; stattdessen flüchtet sich meine Generation in die alten, längst widerlegten Werte. In herzlosem Aktivismus stürzt sich eine Jugend auf scheinbare Notausgänge, statt fatalistisch in genußvolle Melancholie zu entgleiten.

Die Band Daft Punk hat die eigentliche Hymne unserer Generation verfasst: Harder, Better, Faster, Stronger – Härter arbeiten, bessere Noten erzielen, schneller fertig sein – nur stärker ist diese Generation nicht.

Denn auf dem Altar der Leistungsgesellschaft werden Träume zugunsten vermeintlicher Chancen geopfert. Eine Generation verbannt ihre Ideale in der Hoffnung auf materielle Sicherheit. Auf unserer Flucht vor der Rezession werfen wir als vermeintlichen Balast das über Bord, was uns menschlich macht. Wir hoffen, wenn schon nicht die Seele, dann doch wenigstens unseren Leib zu retten.

Schon Brecht wusste: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Welche Generation könnte das besser verinnerlichen als eine, die unter Heuschrecken aufgewachsen ist? Zumal uns immer wieder das Scheitern der ’68 vor die Augen gehalten wird – wie genüsslich zelebrieren die Medien immer wieder die Totenfeiern der Ideale unserer Eltern? Wir wachsen mit dem Wissen auf, dass es keine materielle Sicherheit gibt, und trotzdem streben wir nach ihr, denn daran, dass wir unsere Träume verwirklichen können, glauben wir noch weniger.

Man kann es sich vorstellen als befänden wir uns auf einem Förderband geradezu in die Hölle, doch anstatt abzuspringen stemmen wir uns gegen die zunehmende Geschwindigkeit und versuchen, auf dem Band vor dem Abgrund fortzulaufen. Wir schaffen den Ausstieg nicht.

5 Responses to “Eine Generation für die Rezession”


  1. 1 ron Posted December 22nd, 2008 - 13:35

    Die neue “Lost Generation”? Zumindest geht es dann kulturell wieder aufwärts.

  2. 2 Katha Posted December 22nd, 2008 - 18:29

    Du hast unsere Generation vollkommen richtig beschrieben. Alle, bis die auf diejenigen, die die Regel bestätigen, sind auf Sicherheit aus: Sicherer Job, schnelles Studium, Altersvorsorge mit Anfang 20 planen.

  3. 3 Simon Posted December 22nd, 2008 - 19:32

    @Katha

    Ich habe mich mal ein wenig auf deinem Blog umgesehen und bin natürlich auch auf dein China-Blog gestoßen. Vor einiger Zeit gab es als Antwort auf die “Traurige Streber”-Diskussion, die Joffe in der Zeit losgetreten hatte, die These, der Auslandsaufenthalt sei der Revolutions-Ersatz unserer Generation. Was meinst du, ist da was dran?

  4. 4 corax Posted December 23rd, 2008 - 05:55

    Hallo Simon,

    schöner Text, aber vielleicht kann ich dich etwas beruhigen. Zu meiner Zeit kurz vorm Abi war „We did’nt start the fire“ gerade aktuell in den Charts.
    Bloß einfach drauf verlinken war noch utopisch.
    Russians in Afghanistan… ha!

    Und auch damals™ wusste man schon: Every generation got its own disease.

    Glück auf! :—)

  5. 5 teacher Posted January 26th, 2009 - 20:22

    Wirklich guter Text. Aber ich kenne diese Generation auch unter dem Motto: “Lasst uns den Untergang feiern”

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