Shoveling

05Jan09

Es hat geschneit, also bin ich einmal früh aufgestanden und habe Schnee geschippt (ich würde ja fast gerne sagen: geshovelt, so sehr mehr gefällt mir das englische Äquivalent, so sehr mehr hat es den Klang von etwas Leichtem, Schönem, das es nicht ist). Natürlich hört man dabei auch die Schaufeln der Nachbarn, wie sie über das Pflaster kratzen, an Kanten hängen bleiben und gegen den Schnee ankämpfen. In einem gewissen Maße bildet dieses Kratzen und Krachen die Orchestrierung unserer Wintermorgende. Aber die Geräusche bleiben doch für sich, ihnen liegt nicht gemeinschaftliches inne.

Allein die Idee, eine solche Gemeinschaft könne es geben, wäre mir nie gekommen, hätte ich sie nicht jahrelang vorgeschrieben bekommen. Kaum ein amerikanischer Roman, der ohne diese idyllischen Klischees der, jeder für sich arbeitend, vereinten Vorstadt-Väter, wie sie Laub rechen oder Schneeschippen, eine Legion der Mittelklasse, die den ewigen Drang amerikanischer Männer nach der Frontier im Kampf gegen die simplen Erscheinungen der Jahreszeiten sublimiert.

Ich weiß nicht, ob es dieses Klischee auch in Deutschland gibt, ich weiß nicht einmal, ob es dieses Gemeinschaft tatsächlich in Amerika gibt, man hat es mir nur erzählt. Sicher bin ich nur, dass ich sie nie erlebt, nie gefühlt habe, und ich befürchte (wenn auch die Furcht nur aus dem Gedanken heraus, etwas zu Verpassen, entsteht, wobei ich doch weiß, dass man nicht alles fassen kann…), ich ahne, dass ich sie auch nie kennen lernen werden.

Es gibt diese bestimmte Art von Traditionen, die an eine enge Gemeinschaft eines Ortes gebunden sind, die dort von allen Mitgliedern wahrgenommen werden und etwas grundlegend Menschliches an sich haben. Das kann ein gemeinsamer Tag sein, ein gemeinsamer Tag, an dem das Laub zusammengerecht (zusammen gerecht) wird, oder Stadtteilfest, von dem jeder weiß, wann es sein wird und wie es sein wird. Zu diesen Traditionen, habe ich meine ganz eigene, kleine Theorie. Leider muss ich sagen: Die Theorie fällt nicht sehr günstig für sie aus. Soll heißen, es wird sie bald schon nicht mehr geben.

Die Zeit der Traditionen, die sich aus einer gemeinsamen Gebundenheit an einen Ort speisen muss mit der verfallenden Bedeutung der Räumlichkeit zuende gehen. Menschen finden sich in der digitalen Ära nicht mehr zusammen, nur weil sie gemeinsam an einem Ort sind – wir suchen uns Freundeskreise, Peergroups auf dem ganzen Globus.

Gemeinsame Muster dagegen lösen sich auf. Es wird nie mehr so sein, dass ganze Legionen von Angestellten morgens das Haus verlassen, Scheiben kratzen, 9 to 5 arbeiten. Diese Zeit des Mainstreams ist vorbei, nicht nur für die “Digitale Bohème”, sondern für die Menschheit. Allerdings waren diese verlängerten 50er Jahre sowieso nie mehr als eine trügerische Zwischenphase – haben all die Spießbürger wirklich je gehofft, die geordnete Welt erhalten zu können, die sie sich aus der Asche künstlich geschaffen hatten?

Was Deutschland und die westliche Welt in den letzten 60 Jahren erlebt war ein kurzer Blick auf eine surreale Sicherheit. Man muss sich aber wundern, wie schnell sich die Menschen daran gewöhnt haben: Mit welcher Verzweiflung klammern sie sich an dieses zum Untergang verdammte Trugbild! Sie klammern sich aber auch an die alten Traditionen, die noch weiter zurückgehen als dieses Schöne Neue Welt.

Und es ist nur verständlich, dass Traditionen ihren Reiz haben in einer Welt, die nur zu offensichtlich vor unseren Augen auseinanderfällt wie ein Puzzlespiel, deren Muster zerbersten und den Menschen damit Angst einflößen. Traditionen scheinen Halt zu geben in dieser Zeit, in der wir überflutet werden mit immer neuen Eindrücken, die zu verarbeiten wir noch nicht gelernt haben.

Aber verlorene Gemeinschaften lassen sich nicht zurückholen. Niemand sollte darauf hoffen, die Ruinen der Vergangenheit wieder zu altem Glanz zu errichten. Selbst wenn es gelänge wäre der Glanz nicht befriedigend. Ich glaube, dass deshalb eine neue Art von Traditionen entstehen wird. Traditionen, die dem neuen Lebensfeld der Menschen entsprechen, die sich mit selbstgewählten Gemeinschaften umgeben.

Wer einen Einblick in die Entstehung solcher Traditionen gewinnen möchte, sollte japanische Literatur lesen. Ich glaube, die japanische Gesellschaft, die einen noch viel radikaleren Umbruch als unsere erlebt hat, deren Familienbild sich noch stärker gewandelt, deren Städte noch stärker geboomt haben, ist im Wandel der Traditionen schon weiter fortgeschritten.

Es sind Traditionen für Patchwork- statt Großfamilien, für die Forenuser statt Dorfgemeinschaften, für Menschen, die sich aus dem Raum gelöst haben und dabei sind, ihre letzte Abhängigkeit von den natürlichen Widrigkeiten, auf denen die meisten alten Brauchtümer beruhen, zu beenden.

1 Response to “Shoveling”


  1. 1 Christoph Posted January 5th, 2009 - 10:05

    Katzencontent jetzt endlich bei Dir :) (Hmm, ich glaube das packe ich als Link auch so in meine Soup)

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"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith


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