.lit J. M. Coetzee: Tagebuch eines schlimmen Jahres

19Jan09

Wenn man mich drängen würde, meine politische Denkweise mit einem Etikett zu versehen, würde ich sie pessimistisch-anarchistischen Quietismus nennen, oder anarchistisch-quietistischen Pessismismus oder pessimistisch-quietistischen Anarchismus: Anarchismus, weil die Erfahrung mir sagt, was an der Politik schlecht ist, ist die Macht selbst; Quietismus, weil ich meine Zweifel am Vorhaben der Weltveränderung habe, einem Vorhaben, das mit dem Streben nach Macht infiziert ist; und Pessismus, weil ich bezweifle, dass die Dinge grundlegend geändert werden können.

J.C., ein erfolgreicher, aber im Alter beinahe vergessener südafrikanischer Autor lebt in einer Wohnsiedlung des australischen Sydney und verfasst bittere Essays für den Sammelband eines deutschen Verlages. Er bringt seine gutaussehende Nachbarin Anya aus dem obersten (teuersten) Stockwerk des Wohnblockes (er wohnt im Erdgeschoss) dazu, die Essays für ihn zu tippen – obwohl ein professionelles Büro das besser und günstiger könnte, wie beide wissen. Anyas Liebhaber Alan, ein als Waisenkind aufgewachsener, gerissener Aktienbroker plant unterdessen, den tattrigen Autor um sein nicht unbeträchtliches Vermögen zu bringen.

Im neuesten Werk des Nobelpreisträgers Coetzee laufen drei Handlungsstränge nebeneinander: Auf jeder Seite vereint das “Tagebuch eines schlimmen Jahres” J.C.’s Kurzessays, seine eigene Ich-Erzählung und selbige seiner “Tipista” Anya.

Die beiden Ich-Erzähler J.C. und Anya haben ein ambivalentes Verhältnis, bei dem immer die Frage “Was will ich eigentlich von ihr? / Was will er eigentlich von mir?” im Raum steht. Das Thema, die Beziehung zwischen einem alten Mann und einer jungen Schönheit, ist dem Leser früherer Coetzee-Werke nur zu bekannt. Ob in “Schande“, “Zeitlupe” oder “Warten auf die Barbaren“: Der Nobelpreisträger variiert es seit Jahren in seinen Romanen.

Fast kommt es einer Selbstgeißelung gleich, schließlich ist die Ähnlichkeit zwischen Coetzee und seiner Romanfigur J.C. nicht zu verkennen. Allerdings darf man sagen, dass der Konflikt in diesem “Tagebuch” deutlich weicher gezeichnet ist als etwa in “Schande”. Die Frau (Anya) wird hier stärker zur Begleiterin, wenn sich auch schließlich keine Rolle für sie finden lässt.

Auf der anderen Seite behandeln die Essays eine reiche Variation vor allem politischer und philosophischer Themen. Anya versucht immer wieder, J.C. dazu zu bringen, diese persönlicher an den Leser heranzutragen. Da dieser sich aber weigert, seine Träume in die Texte einfließen zu lassen, wie die “Tipista” es vorschlägt, sind die Essays tatsächlich recht nüchterne Betrachtungen.

Anders als J.C. mehrfach betont sind sie jedoch alles andere als altmodisch. Die politischen Kommentare treffen ins Herz eines 21. Jahrhunderts, dessen größte Gefahren vom “Terroristen als Gesetzgeber”, wie Heribert Prantl es nennt, ausgehen: Einer auf Angst gebauten Politik, die neoliberale Wirtschafts-Deregulierung und neokonservative Sicherheitsmaßnahmen vereinbart.

Es soll keine Geheimnisse mehr geben, sagen die neuen Überwachungstheoretiker und meinen damit etwas recht Interessantes: dass die Ära, in der Geheimnisse zählten, in der Geheimnisse ihre Macht über das Leben von Menschen ausüben konnten [...], vorbei ist; nicht, was sich zu wissen lohnt, kann nicht innerhalb von Sekunden und ohne großen Aufwand aufgedeckt werden; das Privatleben ist im Grunde ein Ding der Vergangenheit,

schreibt J.C. zu einer Tendenz, die als “Post-Privacy” aus meiner Sicht eines der wichtigsten gesellschaftlichen Themen auf dem vergangenen 25C3 war. Coetzee war bereits in den ’60ern als Programmierer bei IBM beschäftigt. Der Grund für die letztliche Hinwendung zur Literatur drückt sich vielleicht auch in der Antwort auf das Post-Privacy-Denken der “neuen Überwachungstheoretiker” aus:

Die Herren der Information haben die Poesie aus dem Auge verloren, wo Worte eine Bedeutung haben können, die sehr von der im Lexikon angegebenen abweicht, wo der metaphorische Funke der Dechiffrierfunktion immer einen Sprung voraus ist, wo eine andere, unerwartete Interpretation stets möglich ist.

Dass Coetzee dem auf Strukturen und Muster fixierten Denken der Sicherheitstheoretiker – man denke nur an Scoringmethoden – skeptisch gegenüber steht, wird an jeder Ecke des Werkes deutlich; nicht zuletzt auch in seiner Form. Der Ansatz, drei Erzählströme nicht nur miteinander zu verweben, sondern nebeneinander abzudrucken, greift das Ende der one-to-many Broadcastingmedien literarisch auf und verweist auf das Zerfallen geordneter Strukturen, wie sie die mediale Wahrnehmung aller bisherigen Generationen geprägt haben.

Das “Tagebuch eines schlimmen Jahres” ist auf jeden Fall ein lesenswertes Buch. Von besonderer Bedeutung ist es aber für alle, die sich mit den zeitgenössischen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen und über die einfachen Antworten hinausdenken wollen. Coetzee bietet in literarischer Form Ansätze, die von den Theoretikern übergangen und übersehen werden.

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  1. 1 Literatur Nobelpreis Trackback on Oct 6th, 2009
    "2003: John Maxwell Coetzee (1940 – )... John Maxwell Coetzee ist ein südafrikanischer Schriftsteller, der für seine bedeutsame Darstellung der ..."
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"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith


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