Fragen

14Feb09

“Verweigerte” habe ich lange gedacht, bis ich begriff, dass sie nicht verweigern könnten, was sie nicht hatten. Dass sie die Fragen nicht einmal verstanden, auf die ich Antwort suchte und die, mehr und mehr, meinen innigen Zusammenhang mit dem Palast, mit meinen Leuten zerstörten. Ich merkte es zu spät. Das fremde Wesen, das wissen wollte, hatte sich schon zu weit in mich hineingefressen, ich konnte es nicht mehr loswerden. Christa Wolf, Kassandra

Fragen macht einsam.

Die Frage ist das sozialste Instrument des Menschen. Die Frage ist das Werkzeug, mit dem wir unsere Kommunikation lenken. Die Frage ist unser Mittel zur Interaktion in einer Welt, in der wir das Intuitive häufig kaum mehr wahrnehmen können.

Es wäre falsch, die Frage anzuklagen.

Wer die falschen Fragen stellt, geht eine Gefahr ein. Das ist ein Roberto Saviano genauso wie ein Sokrates. Sokrates ist gestorben, weil er die Welt in Frage gestellt hat.

Aber haben die Fragen die Stechmücke erschlagen?

Die Frage ist unschuldig. Es ist die Erwartung einer Antwort, die den auf uns gerichteten Bogen spannt. Mensch Meier kann fragen; aber es bedarf eines Sokrates, keine Antwort zu erwarten; genauer: eine Nicht-Antwort zu erwarten.

Tödlich ist die Erwartung der Unkenntnis, der Machtlosigkeit, der Sinnentleertheit.

An Sokrates wurde nicht anderes gesühnt als der Mord an den Olympiern; und wenn Nietzsche später für seinen Gottesmord von seinem eigenen Hammer erschlagen wurde, so war es doch die Einsamkeit, die ihn fallen ließ. Beide Fragesteller spannten den auf sie gerichteten Bogen; ihr Henker aber war die Gesellschaft.

Es ist die Tragik der Fragesteller, dass sie gerade für die Erkenntnis eines Nicht- verstoßen werden. Das Vakuum ihrer Antworten reißt sie aus den Bindungen der Gesellschaft heraus. Gerade weil sie die Welt ihrer Mitmenschen aus den Angeln zu heben versuchen, werden sie ins All hinausgeschleudert.

Aber auch das Fragenstellen braucht Luft zum Atmen.


"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith