Arbeit

25Feb09

Wie definiere ich Arbeit? Gibt es höhere / niedere Arbeit?

Generell sehe ich zwei Wege, den Begriff “Arbeit” anzugehen.

Auf der einen Seite ist Arbeit ein Prozess der Wertschaffung. Dabei entsteht durch die Aufwendung von Energie und Zeit ein verwertbares Produkt. Ein solcher produktorientierter Arbeitsvorgang kann sowohl materiell als auch immateriell sein: Eine Designerin oder ein Kassierer sind insofern jedem Fabrikarbeiter gleich.
Wichtig ist aber, dass sich das Produkt dieses Prozesses in einen materiellen Wert, d.h. in unserer Gesellschaft Geld, umwandeln lässt.

Auf der anderen Seite ist Arbeit aber auch ein selbstbezweckter Prozess. Das heißt, dass Energie und Zeit mit Ausrichtung auf den Prozess selbst aufgewendet werden – das Produkt dieses Prozesses ist zweitrangig, ja, sogar unbedeutend. Die Versenkung in diesem Prozess ist in sich selbst Glück schaffend. Was also sonst über den Umweg des Geldes und damit erwerbbarer Annehmlichkeiten gehen würde, nämlich der Glücksgewinn, ist also hier bereits im Prozess inhärent.

Diese Unterscheidung halte ich für wichtiger als die Unterscheidung zwischen bezahlter und unbezahlter, freiwilliger und unfreiwilliger, wichtiger und unwichtiger Arbeit. Aus ihr heraus sehe ich weitere Differenzierungsmöglichkeiten.

Zuerst einmal ist es offensichtlich, dass diese beiden Begriffe sehr eng verknüpft sind mit dem “Haben oder Sein” Erich Fromms. In der Tat ist ersteres, produktorientiertes Verständnis ganz klar dem Materialismus zugewandt, das letzere, prozessorientierte dagegen recht eindeutig ein Mittel zum “Sein”.

Ich will mich aber der eigentlichen Fragestellung zuwenden. Auch diese moralische Beurteilung fußt auf den aufgestellten Definitionen. Befassen wir uns erst einmal mit der Bewertung von Arbeit nach dem prozessorientierten Verständnis.

Auch hier bieten sich zwei Wege an; sie haben die politische Debatte des vergangenen Jahrhunderts entscheidend geprägt.

Auf der einen Seite steht die libertarianische oder neoliberalistische Haltung, die nach einer freien Marktwirtschaft und einer sozialdarwinistischen Gesellschaft strebt. Sie bewertet die Arbeit eines Menschen nach seinem Erfolg: Wer materiell erfolgreich ist, hat gute Arbeit geleistet.
Gute Arbeit ist also solche, die die Bedingungen der freien Marktwirtschaft und die Wechselwirkungen von Angebot und Nachfrage am besten zur eigenen Vermarktung und Entlohnung instrumentalisiert.
Im Idealfall bedeutet dies ein Spiel mit gleichberechtigten Teilnehmern, unter denen sich die “Guten” und “Tüchtigen” kraft ihrer Fähigkeiten und ihres persönlichen Willens zum Erfolg zurecht durchsetzen.

Die praktischen Auswirkungen lassen sich besonders in den Vereinigten Staaten beobachten. Zu den auffälligsten Merkmalen der amerikanischen Gesellschaft gehört die überdurchschnittlich schnelle und gute Integration von Immigranten, die in den USA “ihr Glück machen” wollen – und das trotz eines starken Rassismus. Der Grund dafür liegt darin, dass von Anfang an jedem das Recht zugestanden wird, nach Glück zu streben – “the pursuit of happiness”. In einer materialistischen Gesellschaft heißt dies, dass jeder das Recht hat, materiellen Wohlstand zu erlangen – und sich damit zugleich auch die Anerkennung seiner Mitbürger sichert.

Man kann dieses Modell zusammenfassend als individualistisch-zweckorientiert beschreiben. Dem entgegengesetzt steht der Ansatz des Kommunismus bezüglich der Arbeit.

Auch hier wird Arbeit als Produktionsmittel gesehen. Nicht umsonst heißt eines der Hauptwerke Marx’ “Das Kapital” – ein Begriff, der zwingend an den Begriff der Produktion geknüpft ist. Allerdings wird hier eine Gleichwertigkeit aller Arbeit angenommen, die sich nicht zuletzt in der Planwirtschaft als Gegenmodell zur freien Marktwirtschaft ausdrückt.

Planwirtschaft heißt schließlich im Idealfall, dass die Auswirkungen von Angebot und Nachfrage aufgehoben werden. Wenn weder Überschüsse noch Engpässe existieren, kann keine Arbeit besser als eine andere vermarktet werden. Die Entlohnung – und um diese geht es auch im Kommunismus – bleibt für alle Produzierenden gleich.

Ein solches System legt den Fokus stärker auf die Gesellschaft und darin vor allem auf die Gleichheit, weswegen ich den Ansatz sozialistisch-zweckorientiert nenne.

Anders die Systeme, die auf dem Verständnis von Arbeit als prozessorientiertem, selbstbezwecktem Vorgang beruhen; ich will sie “sinnorientiert” nennen. Auch hier lassen sich wieder ein individualistischer und ein sozialistischer Weg aufzeigen. Beginnen wir mit dem Individualismus.

Als dessen wohl bestes Bild kann wohl das Einsiedlertum nicht nur im christlichen Mittelalter gelten. Der Eremit zieht sich vollständig von der Gesellschaft zurück, lebt also autark, um sich der Sinnsuche zu widmen.

Es wäre nun falsch, diesen “Sinn” als Produkt seiner Beschäftigung zu sehen. Die besondere Qualität dieses Sinnes – sei es Gott, sei es Erkenntnis – ist nämlich, dass er letztlich nicht erreicht werden kann. Damit bleibt nur die Sinnsuche als Prozess übrig, dem sich der Einsiedler widmet.

Warum aber muss sich dieser Mensch zum Zwecke der Sinnsuche zurückziehen? Wohl vor allem, damit der Prozess nicht durch Ablenkungen unterbrochen wird. In der Einsiedelei steckt das völlige Aufgehen im Prozess auch in dem Sinne, als der Einzelne seine Existenz über die Suche definiert – eine Ablenkung wäre als existenzbedrohend.

Weil diese individualistisch-sinnorientierte Tätigkeit ganz allein den autarken Eremiten betrifft, ist seine Sinnsuche-Arbeit in dem Sinne wertlos, als sie nicht mit der Arbeit anderer verglichen werden kann. Auch hier wird Arbeit also nicht in eine Skala eingeordnet.

Ganz anders verhielten sich die Philosophen nicht nur der griechischen Antike. Die Akademeia Platon’s als Versammlungsort für die Sinnsuchenden steht der märchenhaften Höhle des Einsiedlers, wie wir sie in der christlichen Mythologie antreffen, entgegen.

Ganz diesem Ort entsprechend ist auch die philosophische Publikationsform ihrer Zeit: Der Dialog. Dahinter steckt die grundlegende Annahme, dass die eigene Sinnsuche durch Austausch mit anderen befördert wird – und zugleich die Sinnsuche jener anderen befördert.

Die – genauso wie beim Eremiten zweckfreie – Sinnsuche wird also in diesem sozialistisch-sinnorientiertem Ansatz als gesamtgesellschaftlicher Vorgang begriffen. Dennoch scheint es uns, als seien die Beiträge einiger Philosophen zum Fortkommen der Menschheit auf der Sinnsuche größer und damit höher einzuschätzen als die anderer.

Dem möchte ich entgegensetzen, dass sich ein Prozess erst nach seinem Abschluss bewerten lässt. Bevor er nicht zu einem erkennbaren Ende gekommen ist, lässt sich kein Werturteil über ihn fällen. Im Volksmund hat sich diese Erkenntnis in dem Sprichwort “Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben” niedergeschlagen. Da der Sinnsuche-Prozess der Menschheit aber ein endloser Prozess ist, kann er nicht bewertet werden, und somit sind auch hier die Arbeitsbeiträge aller Einzelnen wertlos nebeneinander zu stellen.

Damit habe ich also vier Modelle dargestellt, nach denen ich an die gestellte Frage herangehen kann. Sie gruppieren sich um die Begriffe Sinn und Zweck, Gesellschaft und Individuum.

Es ist keine Frage, dass diese Modelle nie in Reinform existieren und daher als reines Ideal zur Beschreibung der Pole dienen. Will ich die gestellte Frage allerdings beantworten, so muss ich mich auf eines dieser Modelle als mein Ideal einer Gesellschaft festlegen. Denn die Frage, wie Arbeit zu bewerten ist, ob es Arbeit von höherem respektive niedrigerem Wert gibt, ist untrennbar verbunden nach der Frage der idealen Weltordnung.

Ich will denn also damit beschließen, mich auf eine sozialistisch-sinnorientierte Weltordnung als mein Ideal einer Gesellschaft festzulegen. Denn das Streben nach einem Zweck erfüllt mich mit einer entsetzlichen Leere, einer Leere, die gerade aus der Sinnlosigkeit dieses Zweckes erwächst. Es ist kein Wunder, dass die amerikanische Gesellschaft nicht nur geprägt ist von neoliberalen individualismus, sondern auch von einer tiefen Religiösität. Allein die nicht in Frage gestellte Existenz des Sinnes Gott erlaubt das zweckorientierte Denken jener Materialisten.

Gerade aber das Fehlen eines solchen Sinnes hat mich Enkel Nietzsches, der nichts mehr hat, an das er nicht glauben kann, zu der Auffassung gebracht, dass das Versenken in den Prozess, und das heißt eben Gegenwartsbezogenheit, der einzige Ausweg aus der Gefangenheit zwischen Vergangenheit und Zukunft ist. Produktion, die aus dem, was wir gestern hatten, morgen mehr macht, ist ohne Sinn unerträglich. Einzig der Kreislauf des Schaffens um des Schaffens Willen gibt dem Schaffen durch seine Selbstbezweckheit einen Sinn.


"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith