Bücher

11Mar09

Bücher sind meine Sucht. Ich nehme keine Drogen, ich rauche nicht, ich trinke nicht einmal Alkohol. Selbst mein Koffeinkonsum entspringt keiner Abhängigkeit, sondern purer Notwendigkeit.

Ich habe Bücher schon immer verschlungen. Wer mich lesen sieht, dem muss ich wie ein Reißwolf vorkommen; ich hetze durch die Werke der Weltliteratur. 60 Seiten die Stunde, alles darunter verfehlt den Soll. Ich habe mir eine Liste gemacht, in den ich alles eintrage, was ich lese. Bis 52 ist sie bereits durchnummeriert, soviel will ich in diesem Jahr schaffen.

Einem Freund kommt es seltsam vor, sich Ziele für etwas zu setzen, das man aus Spaß tut. Vielleicht muss ich mich selbst zu meinem Glück zwingen.

Ich habe immer schon mehr gelesen, schneller und Komplizierteres. Ich weiß nicht, wie alt ich war, als ich aus der Kinder- in die Jugendabteilung der Bücherei wechselte. Die Bücher dort waren ab 14, und ich war jünger. Als ich 14 wurde, stand ich schon längst vor den Regalen der Erwachsenenliteratur.

Andere Menschen könnten nun vielleicht erzählen, wie sie sich fühlten, als sie das erste Mal den anderen Raum betraten. Ich kann mich nur an mein Schamgefühl erinnern. Es war schon immer ebenso ausgeprägt wie irrational; es hat mich nie gewundert, dass es mich in diesem Moment überfiel. Beide Male übrigens, bei beiden Entdeckungen.

Ich bin nicht der Mensch zu erzählen. Vielleicht ist das meine größte Bürde; nie selbst Geschichten aufschreiben zu können, immer nur aufzusaugen, was mir andere zuwerfen. Wer mich fragt, was ich sonst noch gefühlt habe, muss wohl mit meinem Schulterzucken vorlieb nehmen, ich weiß es nicht. Nicht mehr.

Neues anzugehen fiel mir nie leicht. Ich las in dieser Zeit fast ausschließlich historische Romane, also suchte ich historische Romane. Die Bücher nach den Etiketten auf ihren Rücken auswählen zu können, niemals etwas aus dem Regal zu ziehen, was nicht dem Muster des Vorhergegangenen entsprach, verlieh mir eine merkwürdige Sicherheit. Wie auch das Genre: Nirgendwo gibt es so klare Anhaltspunkte, an denen man sich festhalten könnte, wie in historischen Romanen. Geschichtliche Fakten lassen sich nachprüfen, ich konnte sie mit den Datenbanken in meinem Kopf auf Richtigkeit abgleichen und ein Urteil fällen, ja oder nein.

Vielleicht ist dieser Griff nach den Sicherheiten des Bewährten ein Vorblick auf mich, heute, als ein seltsames Spiegelbild. Schließlich musste der Moment kommen, in dem jedes Buch mit der Plakette “Hist.” herausgegriffen, mit einem kurzen Blick auf die Kladde abgeurteilt, gelesen oder vergessen war. Hin und wieder brachte meine Mutter Bücher mit nach Hause, Geschichten, die mir besser gefielen als die repetierte Geschichte, die ich mir selbst auferlegte.

Viele meiner frühen Lieblingsbücher habe ich mir nicht selbst ausgewählt. Nicht den Herrn der Fliegen, den ich mir später selbst kaufte, weil ich mich mit dem mephistophelischen Motto des Buches identifizieren konnte. Auch nicht Die Mitte der Welt, die ich gerade wieder zusammengeklappt und neben mich gelegt habe und ja, in meine Liste eingetragen.

Fremd erscheint mir dieser Simon von früher heute. Was ist noch übrig von dem Jungen, der mit 12, 13 Oscar Wilde und Konfuzius zu seinen Leitbildern erwählte? Vielleicht die Gegensätzlichkeit. Die Suche nach Schönheit im Hässlichen, die ich heute bei Boyle oder Coetzee finde. Der Blick auf die Muster und die Obsession dafür, sie zu zerreißen, weshalb ich keine Bücher lese, die das Leben romantisch verklären, sondern solche, die grausam Schluss machen mit der Klarheit auf dieser Welt.

Sicher auch die Andersartigkeit. Mich langweilte, was die anderen lasen, also wählte ich mir Wilde und Konfuzius. Zwei Exoten, und sicher etwas, das keiner las. Heute ist das nicht anders, wer liest denn schon Coetzee? Mit 18? – Mir liegt die Mehrheit nicht. Ich habe nichts dagegen, einen zu finden, der mit mir teilt, aber ich kann nicht mit allen teilen; die Minorität ist meine Heimat.

Wahrscheinlich auch die Beliebigkeit. Beliebig, denn was waren der schwule Dandy und der weise Chinese anderes als Zufallsbekanntschaften? Ich kann mich für die Bildlichkeit einer Juli Zeh begeistern oder für die kunstvoll verwobenen Handlungsstränge eines T.C. Boyle, aber ich bewundere jene, die ganz uneingeschränkt Fan sein können.

Ich habe es ja schon gesagt. Ich verschlinge Bücher, ich bin ein Minotaurus, wählerisch und grausam, aber auch verbissen effektiv. Bücher sind meine Droge, ich brauche sie, glücklich machen sie mich nur für einen kurzen Moment, deshalb brauche ich mehr, brauche ich immer besseres – letztlich nur ein gutes Buch.

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  1. 1 Bücherlei Notizen » Blog Archiv » Rebloggeria Pingback on Mar 11th, 2009
    "[...] “Bücher sind meine Sucht. Ich nehme keine Drogen, ich rauche nicht, ich trinke nicht einmal Alkohol. /…) Ich verschlinge ..."
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