.lit Juli Zeh: Corpus Delicti

15May09

Das jüngste Werk meiner derzeitigen deutschen Lieblingsautorin spielt im Jahr 2057. Grundlage des gesamten Staatswesens ist die “Methode” geworden. Das gesamte Leben ist auf die Erhaltung der Gesundheit ausgerichtet. Die Bürger sind zu staatlich vorgegebenen Sporteinheiten verpflichtet. Die Abwässer ihrer Wohnungen werden auf chemische Konstellationen hin untersucht, die auf eine Erkrankung hinweisen könnten.

Mia Holl ist eine erfolgreiche Biologin und eine standfeste Vertreterin der “Methode”. Ihr Bruder Moritz dagegen hat sich schon als Kind von ihr und ihren Eltern unverstanden gefühlt, wie sie später zu Protokoll geben wird. Er ist ein Bohemien und Lebemann, der Mia bei jedem wöchentlichen Treffen von einer neuen Liebschaft vorschwärmt.

Bei einem seiner Rendezvous’ findet Moritz Holl sein Date tot und vergewaltigt unter einer Brücke vor. Weil die am Opfer gefundene DNA mit Holls eigener übereinstimmt, wird er verhaftet und vor Gericht gebracht. Der Fall erregt landesweites Aufsehen: Moritz Holl beteuert seine Unschuld. Er leugnet die Beweiskraft des DNA-Tests. Er leugnet die “Methode”.

In der Haft tötet sich Moritz mit einer von seiner Schwester eingeschmuggelten Angelschnur.

Der Prozess gegen ihren Bruder stürzt Mia Holl in eine tiefe Sinnkrise. Sie ist gleichermaßen von der Gültigkeit der “Methode” wie der Unschuld Moritz’ überzeugt. Weil sie ihre Gesundheitspflichten vernachlässigt, gerät sie mit der Justiz in Konflikt. Ihre persönliche Tragödie wird zum Scheidepunkt der Gesellschaft.

Die “Methode” ist nichts anderes als die Vernunft. 2057 befinden wir uns in einer Gesellschaft, in der die Ratio als oberstes Leitprinzip installiert wurde. Eine Ratio, welche die Gesundheit zum höchsten, unantastbaren Gut des Menschen auserkoren hat. Eine Reaktion auf den Niedergang der Ideologien gerade in Deutschland, nachdem diese sich im zweiten Weltkrieg ein für allemal diskreditiert hatten. “Das klingt so nach zwanzigstem Jahrhundert” ist im Jahr 2057 ein Ausdruck des Ekels vor dem Irrationalen geworden.

“Erst hat die naturwissenschaftliche Erkenntnis das göttliche Weltbild zerstört und den Menschen ins Zentrum des Geschehens gerückt. Dann hat sie ihn dort stehen gelassen, ohne Antworten, in einer Lage, die nichts weiter als lächerlich ist.”

So dagegen erklärt Moritz Holl die Situation. Es ist eine typische Fragestellung für Juli Zeh, deren Werk sich immer wieder um die Frage der Moral nach dem Ende der Werte dreht. Es ist die Frage, wer verantwortungslos handelt: Der Naturfreund Moritz Holl, der Mia Woche für Woche an dem Stoppschild am Ende des Weges vorbei auf eine Lichtung im Wald zerrt, der raucht und die zentrale Partnervermittlung als ideale Suchmaschine für One Night Stands missbraucht – oder die rationale Mia Holl, die in einem keimfreien Haus in einer desinfizierten Welt ein Leben ohne erkennbare Ziele oder Freuden lebt.

Juli Zeh erweist sich aber auch abseits der großen moralischen Fragen als hellsichtige Beobachterin der politischen Prozesse in Deutschland. 2008 reichte sie beim Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen den biometrischen Reisepass ein, ein Jahr nach dem die Theaterfassung von “Corpus Delicti” erschienen war. Die darin so zentrale absolute Kontrolle der Gesundheit der Menschen über unter die Haut gepflanzte Chips, Meldepflichten und Untersuchungen der Abwässer kann man sich nur zu gut als eine Fortsetzung der immer stärker werdenden staatlichen Eingriffe in die Gesundheitsvorsorge der einzelnen Bürger vorstellen. Zumal die Begründung nur zu rational erscheint: Muss nicht jeder von uns gesund sein wollen?

In Juli Zehs Roman wollen das tatsächlich nicht alle Menschen: Immer wieder ist die Rede von den Terroristen von R.A.K. – Recht Auf Krankheit. Wer sich die Beschreibung der Terroristen als ein Netzwerk, über das der Staat alles und doch nichts weiß, das zugleich ungefährlich und eine Bedrohung ist, durchliest, der muss sich an das uns bekannte Bild von Al Qaida erinnert fühlen. Die irrationale Fundamentalopposition, die diese Terroristen mit ihren Forderungen darstellen, muss das selbe Unverständnis auslösen wie jene bärtigen Terroristen, die uns für unsere Freiheit und Demokratie hassen. Es ist kein Wunder, dass wir diese wie jene nur über durchschaubar undurchsichtige Medien zu Gesicht bekommen.

Juli Zehs Gesellschaft 2057 darf und sollte in eine Reihe gestellt werde mit den drei großen dystopischen Entwürfen des vergangenen Jahrhunderts von Orwell, Huxley und Bradbury. Die Weitsichtigkeit ihrer Analysen könnte einen dazu verleiten, Warnhinweise auf den kommenden Ausgaben des Werkes zu fordern: “Corpus Delicti ist keine Bedienungsanleitung”.

Zugleich weiß Zeh aber auch mit ihrer großartigen Sprache zu glänzen. Allerdings erhalten die außergewöhnlichen Bilder weniger Platz als in ihren älteren Romanen Adler und Engel oder Spieltrieb. An einigen Stellen erinnern sie nicht nur inhaltlich an das Werk Georg Büchners, etwa bei den Worten von Mias nach dem “Hexenhammer“-Autoren Heinrich Kramer benanntem Antagonisten:

“Das Menschliche ist ein nachtschwarzer Raum, in dem wir herumkriechen, blind und taub wie Neugeborene. Man kann nicht mehr tun, als dafür zu sorgen, dass wir uns beim Kriechen möglichst selten die Köpfe stoßen. Das ist alles.”

Juli Zehs ältere Werke empfinde ich als noch tiefgreifender in ihren Fragen als “Corpus Delicti”; gerade die relative Kürze dieses Romans verglichen mit den “Spieltrieb” oder “Adler und Engel” kostet ihn einiges an Qualität. Dennoch ist “Corpus Delicti” ein rundherum lesenswertes Buch; eine Dystopie von erschreckender Wahrscheinlichkeit und schon jetzt ein Bild unserer Gesellschaft, das uns unangenehm sein muss.

3 Responses to “.lit Juli Zeh: Corpus Delicti”


  1. 1 Kai H. Posted May 27th, 2009 - 18:05

    Hört sich ja ganz interessant an, werde ich mir auf jeden Fall einmal anschauen! Gruß, Kai

  2. 2 Joe Posted May 25th, 2010 - 09:07

    Hey hey,
    ich hab mal ‘ne Frage:
    Woher weiß mensch denn, dass es 2057 spielt?
    Im Roman selbst steht nur Mitte des 21. Jahrhunderts (S. 12).
    Oder bezieht sich die Jahreszahl auf eine Angabe in der Theaterversion?
    Wär super, wenn mir jemand antworten würde, ist wichtig für ‘ne Arbeit an der ich gerade schreibe.
    Vielen Dank schon mal im voraus,
    Joe

Who's linking?

  1. 1 Corpus Delicti. Ein Prozess – Juli Zeh (2009) | schöner lesen Pingback on Jul 24th, 2010
    "[...] simoncolumbus.de [...] "
Comments are currently closed.

"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith