.lit Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

04Jun09

“Zwei Schauspieler, gefangen in einem abstrusen Stück ohne Hinweis auf die Handlung. Sie stolperten durch ihre Rollen, nährten den Kummer in einer anderen Person. Trauerten die Trauer einer anderen Person.
Irgendwie unfähig, das Stück zu wechseln. Oder gegen eine Gebühr irgendeinen billigen Exorzismus zu kaufen von einem Berater mit einem phantasievollen Titel, der sie Platz nehmen ließ und auf eine von vielen Arten zu ihnen sagte:
‘Ihr seid nicht die Sünder. Ihr seid diejenigen, gegen die gesündigt wurde. Ihr wart noch Kinder. Es lag nicht in eurer Hand. Ihr seid die Opfer, nicht die Täter.’”

Die Zwillinge Rahel und Estha erleben das Zerbrechen ihrer Familie an der verbotenen Liebe ihrer Mutter nicht als unschuldige Kinder. Sie sind in ihrem eigenen Empfinden Schuldige; werden selbst zu Zerbrechenden.

Den Inhalt von Arundhati Roys längst legendärem Roman nur anzureißen scheint unmöglich. Zu eng verwoben in einem Geflicht aus Vergangenheiten sind die kleinen und die großen Dinge in dem indischen Dorf Ayemenem.

Die kleinen Dinge, das sind katzenförmige Löcher im Universum, wo die Tiere auf der Straße überfahren wurden. Rote Betelspuckeflecken an den Aschenbecher-Beuteln von Qantas-Kanguruhs. Das Kreuzstichmuster einer blauen Tagesdecke auf der Wange einer aus einem Traum Erwachenden. Ein vergessenes Boot, das drei Kinder und zwei Liebende über einen Fluss trägt.

Es sind diese kleinen Dinge, die, scheinbar aus den Vorstellungen der Zwillingskinder entlassen ihre Welt bevölkernd, Roys Roman ausmachen. Vielleicht braucht es die kindlichen Protagonisten, um den Blick auf sie zu erlauben. Um die “großen Dinge” aus ihrer Hauptrolle zu verdrängen. Um kommunistische Demonstrationen aus ihrer zeitgeschichlichen Bedeutung herauszuheben und sie zu persönlichen Erlebnissen zu machen. Um dem Einzelschicksal mehr Raum zu geben denn als einem bloßen Phänomen des großen Ganzen.

“Der Gott der kleinen Dinge” zweifelt das Diktat des Faktischen an. In der Sprache der Kinder drückt sich ein ständiges Hinterfragen der Gegebenheiten aus, dass kein überkommenes Gebot gelten lässt. Man kann die rückwärtsgelesenen Plakataufschriften der Zwillinge als einen Zug der Rebellion gegen die selben Traditionen sehen, gegen deren Macht sich ihre Mutter mit ihrer Kastengrenzen transzendierenden Liebe stellt.

Er wusste nicht, dass an manchen Orten, zum Beispiel dem Land, aus dem Rahel kam, unterschiedliche Arten von Verzweiflung um den Vorrang kämpften. Und dass persönliche Verzweiflung nie verzweifelt genug sein konnte.”

Dieses Buch ist ein Dokument indischer Kultur und Geschichte. Nicht allein, dass viele der großen Themen des unabhängigen Indien zur Sprache kommen; es ist gerade die literarische Umsetzung von Denkmustern, also ein weitaus subtileres Spiel, für welche dieses Buch gerühmt werden muss.

Was mir immer wieder ins Auge fiel ist die Nähe zwischen dem, was Autorinnen wie Christa Wolf in Deutschland als “weibliches Schreiben” propagiert haben und der indischen Literatur insgesamt. “Der Gott der kleinen Dinge”, ein zudem aus feministischer Perspektive verfasstes Werk, ist ein Paradebeispiel dafür. Gekonnt verwebt Arundhati Roy Zeiten und Perspektiven zu einem Netz, in dem eine Linearität zu suchen aussichtslos ist.

“Hätte er gewusst, dass er dabei war, einen Tunnel zu betreten, dessen einziger Ausgang sein Untergang war, hätte er sich abgewandt?
Vielleicht.
Vielleicht nicht.
Wer weiß?”

Kausalitäten bleiben dem Leser in diesem Nexus genauso verborgen wie den Protagonisten. Erst im Rückblick klären sich die verhängnisvollen Zusammenhänge den Betroffenen wie dem betroffenen Beobachter der Szenerie.

Dabei atmet die gesamte Geschichte bereits den schweren Monsunatem des Verfalls. Die träge, erdige Schwüle der indischen “Finsternis”, der ländlichen Gegenden, lastet auf jeder Seite der Erzählung, die sich zäh hinzieht wie ein schlammiger Fluss. Ich habe selten das Gefühl gehabt, mich so langsam durch einige Seiten hindurch zu arbeiten; dabei liest sich der Roman nicht schwierig, in der Tat habe ich nicht mehr Zeit gebraucht als gewohnt. Es ist das Klima seines Handlungsortes, das auf die ganze Erzählung durchschlägt und sie so träge macht.

“In dem breiten überdachten Säulengang – der kuthambalam grenzte an das Herz des Tempels, wo der blaue Gott mit seiner Flöte lebte – trommelten die Trommler und tanzten die farbenprächtigen Tänzer, bewegten sich langsam in der Nacht. Rahel setzte sich im Schneidersitz, den Rücken an die runde weiße Säule gelehnt. Ein großer Kanister mit Kokosnussöl funkelte im flackernden Licht der Messinglampe. Das Öl nährte das Licht. Das Licht brachte das Öl zum Funkeln.”

Lediglich an einer Stelle erschien es mir, als liese Roy ihre Sprache sich zum Tanz erheben. Ihre Beschreibung des Kathakali ist eine poetische Umsetzung der Bewegungen.

“Er ist Karna, den die Welt im Stich gelassen hat. Karna Allein. Für unbrauchbar erklärte Ware. Ein in Armut aufgewachsener Prinz. Geboren, um auf unfaire Weise zu sterben, unbewaffnet und allein, durch die Hand seines Bruders. Majestätisch in seiner vollkommenen Verzweiflung. Betet er an den Ufern der Ganga. Stoned bis an den Rand der Bewusstlosigkeit.”

Die von den Tänzern erzählten, uralten Geschichten der Götter werden verwoben mit der modernen Schilderung ihrer Leiden; Tanz und Tänzer werden, die Kriege der Götter darstellend, zum Ausdruck eines modernen Kulturkampfes. Es entsteht ein faszinierendes Gewebe aus den in der Sprache pulsierenden mythischen Energien, das diesen Zeilen eine ungeahnte, beinahe magische Dynamik verleiht.

Der Gott der kleinen Dinge” ist ein großes, schmutziges Buch. Die unschuldige, kindliche Welt der wundersam verbundenen Zwillinge Rahel und Estha zerbricht unter den Hammerschlägen der “großen Dinge”. Es ist die Geschichte eines Niederganges, zu einer poetischen Erzählung fein versponnen. In der Finsternis finden sich allerdings unerwartete Schönheiten – kleine Dinge: Die Wunder der Sprache.

“Es gibt Dinge, die man nicht tun kann – wie zum Beispiel einen Brief an einen Teil seiner selbst schreiben. An die eigenen Füße oder das Haar. Oder das Herz.”


"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith