Das war’s – das wird’s

06Jul09

Ein Wort davor und eines danach. Für die Abi-Zeitschrift.

Das war’s

Hey Du!

wir sind jetzt frei! Is’ schon ‘n cooles Gefühl, so nach dreizehn Jahren. Ich mein’, wir haben uns das natürlich verdient. Wir waren schließlich schon immer die Besten.
Das hat ja schon angefangen bei unserer Einschulung. Wir hatten einfach den besten Lehrer, ganz klar. Herr Kastell ist absolut der coolste Geschichtenerzähler. Ich weiß noch, “Die Gänsehirtin am Brunnen” war das, auf der Bühne da. Respekt.
Naja, und von da an war’s halt ‘ne krasse Erfolgsgeschichte.
Die ersten Jahre waren noch ganz lässig, aber man muss sich das mal ‘reinziehen: Wir haben schon Theater gespielt, da habt ihr noch in eure Windeln geschisssen. Fünfte und sechste Klasse damals. War ne geile Sache. “Die Schildbürger”. So’n richtiger Klassiker: Die Story gibt’s schon seit 1597. Hättste jetzt auch nich’ gewusst, he?
Hat noch ein wenig gedauert, aber in der Achten haben wir dann mal so richtig durchgestartet. Keine Frage, dass “Krabat” das beste Achtklassspiel ever war. Und Props für Herrn Becker, der das alles gemanagt hat. Is’ ja mit so Teenies auch nich’ so leicht, obwohl wir natürlich nie so schlimm wie die anderen waren.
Nach dem Segeln auf dem Mondsee (sind unsere Geschwindigkeitsrekorde eigentlich noch immer ungebrochen?) ging’s dann ab in die Oberstufe. Krasse Sache. Wir natürlich immer voll dabei, wenn’s irgendwas Neues abzufeiern gab. Ich könnt’ da jetzt viel erzählen, aber ich hab’ ihr auf nich’ vor ‘n Roman zu schreiben, also gleich mal weiter zur Zwölf.
Waldorfabschluss is’ ja immer ‘ne krasse Sache. Theater, Jahresarbeit, Kunstprojekt. Wir natürlich immer voll innovativ. Erstmal Theater: “Bang Bang” war jawohl der Knaller. Ich mein’, sowas Modernes is’ hier auch noch nich’ gemacht worden. So richtig deep, mit Blut und allem. Ich fand das auf jeden cool, dass sich da Leute verpisst haben. Ich mein’, einfach so aus dem Saal, weil wir so krass waren. Wie geil ist das denn?
Naja, jedenfalls voll den Applaus gekriegt und wir gleich weiter zu den Jahresarbeiten. Sollten da natürlich schon fast fertig sein, aber ich sach’ da mal: Immer schön lässig. War ja am Schluss dann auch alles da, he? Wir natürlich unsere Vorträge öffentlich gemacht, immer schön Avant-Garde, ja? Und Bunten Abend auch – ich mein’, was fällt denen ein, uns den wegnehmen zu wollen? Das geht ja mal gar nicht. Wir natürlich voll gekämpft und was soll ich sagen? War natürlich wieder ‘ne fette Vorstellung.
Kunstabschluss war natürlich auch schick, auf jeden. Ich mein’, wir sehen sogar in Eurythmiekleidern cool aus, das sagt doch alles?
Abi brauch’ ich ja gar nichts mehr zu sagen. Beste, man. Un’ was geht jetz’? Is’ schade, dass wir weg sin’. Ich mein’, tut mir einfach leid euch so zurückzulassen. Aber auch die Besten müssen halt irgendwann geh’n.

Könnte uns bitte mal jemand das Wasser reichen?

Das wird’s

Ich erinnere mich gut an meine Rolle in “Bang Bang”. Mein Charakter Josh wurde häufig von Alpträumen geplagt, während denen ich von meinen Mitspielern umhergestoßen wurde. In einer Szene trugen sie mich auf einer Decke liegend weg. Es war dunkel, ich ohne Brille sowieso halb blind, und ich musste mich darauf verlassen können, dass jeder seinen Zipfel gut gepackt hatte.
Die Arbeit auf der Bühne ist ein gutes Bild für die Entwicklung einer Klasse. Man muss gemeinsam schaffen, um das Stück zur Vollendung zu bringen. Es wäre kein tiefer Sturz gewesen auf dieser Bühne; sicher keiner, an dem ich mir etwas getan hätte. Es geht aber in dieser Situation wie immer auf der Bühne um das Vertrauen darein, dass der andere seinen Part erfüllt. Um dieses Vertrauen zu bekommen, muss man gemeinsam üben. Man muss, über die Zeit, zu einer Einheit werden.
Auch eine Klasse sollte eine solche Einheit sein. Nicht, dass einer die Aufgaben des anderen übernehmen könnte. Eine Klausur kann mir ein Mitschüler genauso wenig abnehmen wie einen Monolog. Aber die Klassengemeinschaft kann die Grundlage für das Werden jedes Einzelnen bilden.
Bevor wir eine Aufführung hatten, haben wir uns immer in einen Kreis gestellt. Uns an den Händen gefasst. Unseren Spruch gesagt: “In die Ruhe liegt Kraft / Gemeinsam geschafft / Gemeinsam vollbringen / So kann es gelingen.”
Wir haben dieses Ritual nicht vor den Klausuren durchgeführt. Schließlich musste zu diesen Prüfungen jeder einzeln antreten. Es wäre aber vielleicht auch nicht richtig gewesen. Wir sind in den letzten Monaten keine Einheit mehr gewesen. Nicht allein, dass uns nach der 12 zu viele verlassen haben, um uns weiter “Wir” sein zu lassen.
Diese jungen Menschen haben sich auch immer mehr zu eigenständigen Individuen entwickelt. Nicht, dass wir uns nicht mehr angeschaut hätten. Diese Entwicklung ist kein Zeichen von Zerfall: Ich mag viel mehr von Veränderung sprechen, die häufig das Ende des Liebgewonnenen mit sich bringt.
Der Frühling ist jetzt schon vorüber, wir sehen nicht mehr viele Pflanzen in voller Blüte. Aber wenn wir im April oder Mai an einem farbenfroh blühenden Baum vorbeigegangen sind war uns klar, dass die diese Blüten einmal vergehen müssen, damit die Pflanze Früchte tragen kann.
Genau so müssen wir uns unsere Klassengemeinschaft vorstellen. Die Blüten müssen den Früchten weichen. Um in der Welt zu bestehen mussten aus der Einheit starke Individuen hervorgehen. Aber anders als ein Apfel tragen wir, wenn wir nun mit unseren Zivildiensten, Ausbildungen und Studien beginnen, die Erinnerung an das Vergangene in uns. Dürfen wir aus dem Erlebten schöpfen. Können wir gerade deshalb jeder für sich der Zukunft entgegen sehen, weil wir wissen, was Gemeinschaft bedeutet.


"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith