Die Freiheit des Schülers im Moment des Verlassens der Schule

08Jul09

“Versuchen wir, Mensch zu sein”,

sagte J. und bewies, dass ein guter Abschluss immer auch ein Anfang ist.

Tags zuvor noch hatte der Lehrer von der Parabel des Balles gesprochen, die unseren Lebensabschnitten gleicht, und die einen Anfang und ein Ende hat; und davon, dass die Kugel nicht angesichts des Bodens noch einen Sprung machen kann, den Aufprall vermeidend.

Es ist wahr, mit dem Abschluss der Schule geht ein Bogen zuende. Beginnt ein neuer. Alles Wünschen hilft nichts: Wir können ihn nicht verlängern. Dieser Wunsch, das muss gar nicht einmal der sein, weiter zur Schule zu gehen (wer hätte den schon?). Dieser Wunsch, dass kann einfach der sein, die geordnete, ebenmäßige, durch Naturgesetze vorbestimmte Bahn der Parabel nicht zu verlassen. Ich kann von mir sagen: Der Weg von der ersten zur dreizehnten Klasse, das ist mir ein Naturgesetz geschienen.

Doch was mich erstaunt ist, dass wir es für ebenso natürlich halten, dass uns der Aufprall gleich wieder hochspringen ließe zur neuen Parabel. Ist das denn so? Es ist wahr, wir können nicht innehalten. Das Gesetz sagt, dass der Ball sich fort-bewegen muss. Aber ist denn der neue Sprung garantiert?

In der Tat, es wäre ein Leichtes, aus der Parabel der Schule in jene des Studiums überzugleiten. Nicht, dass die Auswahl, die Bewerbung keine Kraft von uns erforderten. Aber es ist wenig, zumal, wenn die Eltern und Geschwister den Weg schon vorgelebt haben.

Dennoch, es gibt gute Gründe, innezuhalten. Wollen wir denn Objekt eines Naturgesetzes sein, hüpfen, weil uns das Springen auf die mosaischen Tafeln geritzt wurde? Wir können, vernünftig gedacht, nicht innehalten. Eine Entscheidung herauszuzögern ist ein Oxymoron: Wir entscheiden uns immer, in jedem Moment.

Das, was wir Innehalten nennen, ist dann der Versuch, dieses Naturgesetz zu transzendieren. Selbst Gewalt über die eigene Zukunft zu erlangen, indem man sich seiner Möglichkeiten bewusst wird. Wir halten also ein, nehmen uns nach der Schule eine Auszeit. Der Ball, eine Parabel beendend, rollt über den Bühnenboden des Theaters unseres Lebens.

Die Gesetze der Mechanik sagen uns: Wir werden unsere eigene Kraft aufbringen müssen, um den Boden, abhebend, wieder zu verlassen. Sich Freiheit zu verschaffen heißt auch, Sicherheiten aufzugeben.

Die großen Philosophen werden an dieser Stelle für die Position der Freiheit argumentieren. Meister Eckehart sprach: “Alle Dinge müssen, der Mensch allein ist das Wesen, welches will.”

Die Freiheit ist es also, die den Menschen auszeichnet, die Freiheit zu wollen, die Freiheit, um es mit Kant zu sagen, vernünftig zu handeln. Und selbst, wenn wir unter dem Diktat der chemischen Vorgänge in unserem Gehirn stünden: Wir können uns doch der Illusion der Freiheit nicht versagen.

Ist also, um J. beim Wort zu nehmen, der Versuch, Mensch zu sein, das Schultern der Bürde Freiheit? Das hieße das Gebot, sich das größtmögliche Bewusstsein der eigenen Situation zu verschaffen; dass der Ball lange rollen muss, bevor er wieder abheben kann.

Aber es sind nicht alle Menschen Albatrosse, die nach langem Torkeln sich auf ihren Riesenschwingen in die Luft erheben, einen neuen Bogen unter sich zwingend. Mensch sein heißt auch, imperfekt zu sein. Die menschliche Freiheit ist keine unendliche, sie ist vielmehr nur aus ihren Grenzen heraus.

Absolute Freiheit anzustreben wäre tödlich. Es wäre die Anmaßung der Göttlichkeit, derweil sich der Schwung der Kugel an den Rändern der Bühne totliefe, ein Abheben mit dem letzten Kraftverlust unmöglich machend.

In der germanischen Mythologie liegen drei Welten an der Esche Yggdrasil. In der Krone das Asgard der Götter, an der Wurzel das Utgard der Trolle und Riesen. Dazwischen Midgard, die Welt der Menschen. Man könnte auch sagen: Zwischen den Herrschern und den Beherrschten, zwischen Freiheit und Determiniertheit ist der Platz der Menschen.

Das sich einer näher an der Wurzel wohlfühlt, während ein anderer zur Krone strebt, ist das Gesetz des Individualismus. Es gibt keine Verpflichtung zur Freiheit, keinen Zwang zur Sicherheit. Es gibt nur die Grenzen der Welt.

Versuchen wir, Mensch zu sein.

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