.lit José Saramago: Das Evangelium nach Jesus Christus

08Jul09

Wie resümmiert man den dem Leser bekannten Inhalten eines ihm unbekannten Werkes? Der Inhalt von José Saramagos “Evangelium” ist die nur zu gut bekannte Geschichte jenes Jesus Christus, Subjekt schon diverser anderer, gleichermaßen betitelter Werke.

Es gibt viele Auslegungen von Jesu Leben: Es gibt feministische Biographien, naturalistische Darstellungen – was ist von José Saramago, Mitglied der kommunistischen Partei Portugals seit vierzig Jahren, bekennender Atheist, zu erwarten?

Saramago beginnt, und das vielleicht die größten Stellen des Werkes, mit zwei Bildern. Er malt wie ein anderer mit Pinseln auf Canvas was ein sprachliches Ölgemälde anmutet, eine Kreuzigungsszene. Schon hier legt der Autor den Ton fest, den sein Evangelist – der, wie er an einer Stelle selbst anmerkt, weiß was war, ist und sein wird, zumindest, was die Belange Jesu betrifft, und das auch von dem Leser annimmt – das Werk über haben wird. Es ist ein leichter, manchmal spöttischer Ton, in dem hier abgewägt wird, welche diese, welche jene der Marien die Frauen auf dem Gemälde sind.

Und genauso malt er den Himmel über Nazareth, die Hintergrundszene zu Jesu Zeugung, von der später angemerkt wird, man hätte Gottes Anwesenheit an ihr erkennen können. Man könnte hier meinen, eine naturalistische Schilderung vor sich zu haben. Eine, die auf Magisches und Mythisches verzichtet. Doch Maria wird ihre Schwangerschaft angekündigt. Von einem Engel.

Hier zeigt sich die Beziehung Saramagos zu seinem Stoff: Es ist ein Engel, aber er hat nichts gemein mit goldglänzenden Barockputten und filigranen Krippenfiguren; es ist ein Bettler. Saramago übernimmt die Überlieferung der Evangelien, er lässt vieles intakt, was man ihn zerstören vermutete, spinnt stattdessen Neues ein und unterzieht das Alte einer Metamorphose.

Vor allem aber verändert er die Vorzeichen. Saramago nimmt die Geschichte vom Kindermord zu Bethlehem auf, um sie unter dem Gesichtspunkt der Schuld Josefs zu deuten. Josefs, der von dem geplanten Mord erfährt und nach Bethlehem eilt, um den eigenen Sohn zu retten. Und es unterlässt, die Eltern von Bethlehem zu warnen.

Das Urteil ist klar: Josefs Tat ist Mord durch Unterlassung. Und der Zimmermann wird vortan von Alpträumen geplagt, die ihn seine Schuld nicht vergessen lassen. Er reitet unter römischen Soldaten nach Bethlehem, seinen Sohn zu töten. Er reitet, jede Nacht, bis er am Kreuz stirbt.

Sein Sohn erbt den Traum. Träumt ihn aus seiner Perspektive. Wartend unter den Kindern Bethlehems, dass sein Vater komme, ihn zu töten. Die Schuld, so groß, dass sie der Vater auf den Sohn vererbt.

“Dieser junge Bursche, der sich in einem Alter nach Jerusalem begibt, in dem die meisten seiner Gefährten sich kaum erst vor das eigene Tor wagen, ist vielleicht nicht gerade ein Adler an Scharfsinn, kein Ausbund an Intelligenz, unsere Achtung verdient er aber dennoch, er trägt, wie es selbst erklärte, eine Wunde in der Seele, und da seine Natur es ihm verwehrt, darauf zu warten, dass die schlichte Gewohnheit, mit ihr zu leben, diese heilte, bis sie sich in gutgewillter Vernarbung schlösse, die im Nichtdenken besteht, begab er sich statt dessen auf die Suche nach der Welt, um, wer weiß, die Wunden vielleicht zu vervielfachen und aus ihnen allen einen einzigen und endgültigen Schmerz zu bereiten.”

Hier ist Jesus ganz Mensch. Er ist es das ganze Werk über. Aber Saramago reizt den Konflikt kaum aus, in dem er steht: Mensch und Gottessohn zu sein. Schade, finde ich. Doch psychologisiert wird kaum: Das Kausalgewebe der Geschichte bleibt fadenscheinig. Es ist dies wohl auch Folge des vorgegebenen Geschehens – denn Saramagos Jesus nimmt Wege, von denen die anderen Evangelien nicht sprechen. Doch die Etappenziele bleiben die gleichen.

Der Weg dieses ausgezogenen, 14 Jahre alten Jesus führt ihn nach Bethlehem, wo er Helfer eines Hirten wird. Der sich, Jahre später, als der Teufel erweist: Saramago verkehrt und verdreht die Rollen von Gott und Gegenpart.

“[D]as System des Herrgotts ist stets das Gegenteil dessen, was sich die Menschen vorstellen, und, hier ganz im Vertrauen, ich finde, anders könnte der Herr gar nicht bestehen, das seinem Munde am meisten entquellende Wort ist nicht Ja, sondern Nein, Immer hörte ich sagen, der Teufel sei der Geist, der stehts verneint, Mitnichten, meine Tochter, der Teufel ist der Geist, der sich selbst verneint…”

Ich würde an dieser Stelle gerne in das letzte Drittel des Romans springen, allein: Die Chronologie erfordert eine Erwähnung Maria Magdalenas. Auch dieser Handlungsteil ist symptomatisch für Saramago: Jesus verletzt sich vor Marias Haus am Fuß, sie – Prostituierte wie in der katholischen Mythologie, und das auch gerne – verführt ihn. Maria gibt ihren Beruf auf, das Paar lebt in Wilder Ehe zusammen.

Eigentlich wäre gerade die Figur Maria Magdalenas für viele Auslegungen geeignet: Man kann sie wahlweise als Opfer sozialer Umstände sehen, der schwierigen Situation von alleinstehenden Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft etwa, oder als Beispiel einer Emanzipierten, die von der Um- und Nachwelt ihres Selbstbewusstseins wegen geschmäht wird. Saramago wählt keine davon.

Maria Magdalena ist Prostituierte, sogar, wie es scheint, aus eigener Wahl heraus, gerne auch, aber sie ist nicht gleichgestellte Gefährtin Jesu, auch wenn dieser sich als eins mit ihr beschreibt, schreitet hinter ihm. Man möchte fast sagen: Ein Gemisch aus Positionen, das letztlich in einem schwammig umrandeten Charakter mündet.

Nun aber: Der dritte Teil des Werkes. Featuring Gott, Teufel und Passion. Hier wird Saramago zum Theoretiker, ein Verlust, wie ich finde: Die wechselvollen Situationsbeschreibungen werden abgelöst durch lange Dialoge und Kontemplationen. Höhepunkt ist das Zusammentreffen von Jesus mit seinem Vater, id est Gott, und dem Teufel, auf einem Boot, im Nebel, auf dem See Genezareth.

Hier wird die Passionsgeschichte zum PR-Feldzug des Herrn, Jesu Tod am Kreuz zum notwendigen Propagandamittel. Saramago dagegen scheint verbittert durch zwischen den Zeilen, wenn Jesus Gott nötigt, über Seiten hinweg die Märtyrer des Christentums aufzuzählen, die Greuel der nach ihm zu benennenden Religion aufzuführen und auf die Waagschale zu werfen, auf der anderen Seite nichts als den alles überwiegenden Willen des Herrn.

Vielleicht ist mein gemischtes Gefühl nach der Lektüre dieses Werkes auch in meiner unzureichenden Beschäftigung mit dem Christentum und der Bibel zu suchen, immer wieder greift Saramago auf Überlieferungsschnipsel zurück, Jesu Wunder werden kaum mehr als resümmiert, zu deutlich die angenommene Kenntnis der Sachverhalte beim Leser. Alles in allem erscheint mir das theoretische Gerüst des Werkes aber zu wechselhaft, viele Gedanken laufen zusammen, ohne in meinem Verständnis ein Ganzes zu ergeben. Die Katholische Kirche hat sich sehr über diesen Roman echauffiert, verständlich, wird doch Gott als ein skrupelloser, machtversessener Stratege dargestellt. Eine wirkliche Bedrohung kann sie aber kaum darin gesehen haben. Zuwenig, scheint es mir, macht sich Saramago die Mühe, tatsächliche Argumentationen auseinanderzunehmen, Glaubensgrundsätze in der Untersuchung zu widerlegen.

Was mir gefallen hat, ist die Sprache, ist der Erzählstil. Saramago spielt in seinen langen Sätzen mit dem hehren Stil der biblischen Überlieferung, lässt den Knaben Jesus seine Mutter im Stile eines Hohepriesters belehren – und dekonstruiert diese Facade mit den in spöttischer Umgangssprache vorgebrachten Einwürfen des Evangelisten. So scheint mir die Auseinandersetzung mit der Bibel in “Das Evangelium nach Jesus Christus” auf sprachlicher Ebene weitaus gelungener denn auf inhaltlicher.

1 Response to “.lit José Saramago: Das Evangelium nach Jesus Christus”


Who's linking?

  1. 1 Literatur Nobelpreis Trackback on Oct 2nd, 2009
    "1998: José de Sousa Saramago (1922 – )... José des Sousa Saramago ist ein großer portugiesischer Essayist und Schriftsteller, dem ..."
Comments are currently closed.

"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith