.lit Juli

01Aug09

Gesammelte Rezensionen meiner Lektüre für den Monat Juli, ausgenommen die Werke, zu denen mir nichts eingefallen ist und Saramagos Evangelium nach Jesus Christus, zu dem ich bereits einen grauenhaften langen Text verfasst habe. Die Kurzrezension zu Junot Díaz’ “Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao” ist übrigens auch beschissen.

Amin Maalouf: Der Felsen von Tanios.

“Hatte ich nicht hinter der Legende die Wahrheit gesucht? Als ich den Kern der Wahrheit erreicht zu haben glaubte, da war er Legende.”

Amin Maalouf ist einer der wichtigsten zeitgenössischen arabischen Autoren, obwohl er schon lange in Frankreich lebt. “Der Felsen von Tanios” erzählt die Geschichte eines libanesischen Dorfes in Zeiten großer politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen. Der Junge Tanios scheint vom Schicksal zu besonderen Taten auserkoren zu sein. Er ist das Werkzeug der Vorsehung in den turbulenten Ereignissen, die auch die bis heute andauernde Zerrissenheit des Libanon in unterschiedliche Volksgruppen widerspiegeln. Erhalten geblieben ist von ihm heute nur der legendenumrankte Felsen, auf dem er vor seinem Verschwinden das letzte Mal gesehen wurde.
“Der Felsen von Tanios” lehrt, dass es eine Entscheidung zwischen persönlichem und politischem Handeln gibt – und eine Zeit für beides. Vor allem die immer wieder eingestreuten Verse des auf seinem Maultier durch die Dörfer der Gegend reitenden Trödelhändlers Nader haben es mir angetan. Sie vermitteln eine Philosophie, die gekonnt die bäuerliche Tradition von Tanios’ Dorf konstrastiert.
Amin Maalouf bedient sich in seinem Werk einer wechselvollen Erzähltechnik, die mal einen modernen Erzähler, mal von ihm zitierte historische (und ebenso erfundene) Quellen zu Wort kommen lässt, um eine Legende aufleben zu lassen. Im ersten Moment nach dem Lesen fehlte mir der Tiefgang in diesem Roman; genauer betrachtet vermitteln die unterschiedlichen Erzähler aber eine diverse arabische Historie. Stärker als die Geschichte Tanios’ beeindruckt mich das um sie herum entfaltete Sujet – und, um es noch einmal zu betonen, die “Weisheiten eines Maultiertreibers”.

Junot Díaz: Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao

Wenn es zwei Personenbezeichnungen gibt, die sich nicht mit einander vertragen, dann sind das “Nigger” und “Geek”. Beide werden extensiv auf den unrühmlichen Helden dieses Romans angewandt: Oscar ist Dominikaner (die Republik, nicht die Mönche), dick und, obwohl eben Dominikaner (und ständig verliebt) Jungfrau.
Díaz Roman basiert auf einer Absurdität: Ein schwarzer Nerd. Ein Geek im Ghetto. Es ist, wenn man so will, ein Clash of Cultures. Und der Autor elaboriert diesen weidlich. “Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao” strotzt vor spanischen Ausdrücken (um genauer zu sein kreolischen, vermute ich), die leider zumindest in der gebundenen deutschen Ausgabe im Anhang und nur sehr unübersichtlich erklärt sind. Zugleich gibt es aber auch längliche Fußnoten zur Geschichte der Dominikanischen Republik, die genauso wie der Rest des Romans im schnoddrigen, aber humorvollen Ton des Erzählers Yunior gehalten sind.
Science Fiction Literatur und Videospiele stoßen auf eine dominikanische Familiengeschichte voller Sexbomben und Gewalttäter. Dabei vermischen sich die Mysterien beider Ideenwelten, um gemeinsam letztlich in einer Frage zu münden: Fukú oder Zafa – Fluch oder Segen?

Lawrence Lessig: The Future of Ideas

“But commons also produce something of value. They are a resource for decentralized innovation. They create the opportunity for individuals to draw upon resources without connections, permission, or access granted by others.”

Das mittlerweile zum Klassiker mutierte Werk des Kommunikationsgenies Lawrence Lessig war vor acht Jahren, 2001, bahnbrechend. “It deserves to change the way we think about the electronic frontier”, wird die Los Angeles Times auf dem Titelblatt zitiert. Tatsächlich darf man sich nach der Lektüre fragen, warum das Konzept der Commons, zu deutsch “Allmende”, noch nicht in den Köpfen der Masse angekommen ist.
Lessig erklärt dieses Konzept und überträgt es auf den digitalen Raum. Später sollte sich daraus das Projekt “Creative Commons” entwickeln. Auf diesen positiven Ansatz verweisen aber nur die letzten Seiten des Werkes; ansonsten geht es dem Rechtsprofessor eher darum, vor einem Verlust der Freiheiten des Internets zu warnen.
Auch wenn Lessig wie in seinem genialen Vorträgen großartige Beispiele wählt, um sein Anliegen zu verdeutlichen, wird das Werk in der zweiten Hälfte teilweise zu sehr auf diese konkreten Fälle bezogen und ist dann, im Nachhinein betrachtet, auf Irrwegen unterwegs.
Am schwersten wiegt aber, dass Lessig sein Buch leider, leider für Amerikaner geschrieben hat. Das ist nicht so schlimm, wenn er auf Besonderheiten des Rechtssystems, einzelne Gesetze wie das DMCA etwa, eingeht. Es wird aber unerträglich, wenn er auf jeder zweiten Seite betonen muss, dass sein Anliegen nichts mit Kommunismus zu tun hat. Überhaupt sind viele Ideen zu brilliant im durchaus komplexen System amerikanischer Politbefindlichkeiten verortet, um wirklich glänzend rüberzukommen. Zusammen mit den häufigen Wiederholungen macht dieser Balast “The Future of Ideas” zu einem Werk, bei dem man gerade an seinen besten Stellen überlegen muss, wie gut es sein könnte, wäre es für ein progressiveres Publikum (zu dem ich selbst mich zähle) geschrieben.

Ghada Samman: Alptraum in Beirut

“Glücklich, wer im Libanon eine Waffe und einen Grabplatz besitzt. Das Land gehört auf ewig dem, der bereit ist, dafür sein Leben zu geben.”

“Alptraum in Beirut” (in der englischen Übersetzung “Beirut Nightmares”, was aus meiner Sicht ein noch weitaus treffenderer Titel ist) spielt während einiger weniger Tage des libanesischen Bürgerkrieges in einem dem heftig umkämpften Holiday Inn (wenn ich mich nicht völlig irre das Hotel, vor dessen Facade eine der Kampfszenen in “Waltz with Bashir” spielt. Leider finde ich keine Quellen, um das zu verifizieren. Wenn da wer Erinnerungen hat, um den meinen auf die Sprünge zu helfen…) gegenüber liegenden Haus. Die Geschichte präsentiert sich als die Aufzeichnungen einer dort “auf dem Schlachtfeld” gefangenen linken Autorin.
Es geht um den Schriftsteller im Krieg. Immer wieder wird die Beziehung zwischen Stift und Kugel erkundet: Es geht um die Verantwortung der Autorin, die die Revolution gefordert hat und zugleich das Töten nicht ertragen kann. “Alptraum in Beirut” ist aber nicht nur auf dieser Ebene ein politischer Roman, es geht auch um die Gründe für den libanesischen Bürgerkrieg, um religiösen Hass und finanzielle Interessen.
All das ist verwoben in Sammans einzigartiger Erzählform. Kurze, nur selten die Länge einer Seite überschreitende Episoden reihen sich aneinander. Es sind durchnummerierte Alpträume: Unterschiedslos werden unter diesem Titel Schilderungen der Erzählerin, Träume und kurze Parabeln zusammengefasst. Die Parabeln knüpfen an die arabische Erzähltradition an, haben aber das sehr gegenwärtige blutige Geschehen auf den Straßen Beiruts zum Thema. Sammans Werk wird als Magischer Realismus klassifiziert; in der Tat verschwimmt die Grenze zwischen und Traum und Wachen. Weil die Wirklichkeit zu einem Alptraum wird, weil das Unvorstellbare geschieht, reißt die Grenze zwischen Traumwelt und Realität.
Wenn also dieser lateinamerikanische Magische Realismus in den “Alpträumen” steckt, dann ist die Geschichte doch erzählt in einer sehr arabischen Sprache. Die, in einem gewissen Sinne, ist das düstere, brandschwarze, bleigraue Gegenstück zu den blumigen Schilderungen aus Tausend und einer Nacht. Ein lyrisch, philosophisch und politisch großartiges Werk.


"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith