No Country for Young Men

06Aug09

Das englische Original des Artikel findet sich hier.

Ich muss gestehen, den Titel habe ich von Ahmed Al-Omran entlehnt, der damit sein Heimatland Saudi-Arabien beschreibt.

Ahmed äußert eine Beschwerde, die man recht häufig von jungen Saudis und anderen Golf-Arabern hört. Um, wie sie sagen, Frauen vor sexueller Belästigung zu schützen, verbieten viele Cafés und Restaurants alleinstehenden Männern den Zutritt zu ihren Lokalen. Infolge dessen, und obwohl diese Gesellschaften häufig sehr restriktiv gegenüber Frauen sind, haben diese mehr Möglichkeiten, auszugehen, als ihre männlichen Gegenparts.

Abdu Khal schreibt, “Wenn du die Menge der Jugendlichen zählen würdest, die nirgends hingehen können, weil Einkaufszentren, Parks und Strände Familien vorbehalten sind, dann währest du abgestoßen. Was werden die Jugendlichen tun, wenn sie sich gefangen und ausgestoßen wiederfinden?”

Das ist ein Problem, dem ich jeden Tag begegne. Soziale Beschränkungen zwingen junge Menschen dazu, auf den Straßen herumzuhängen. Wenn ich am Abend eines Wochentages zu meinem Lieblingscafé gehe, dann sehe ich Jugendliche, vielleicht ein wenig jünger als ich selbst, die an schlecht beleuchteten Bushaltestellen und verlassenen Spielplätzen herumhängen. Vielleicht bemerken sie es nicht einmal, weil sie sich so daran gewöhnt haben, aber ich wette, sie würden gerne ihre Situation gegen meine eintauschen.

Allein, sie können es nicht. Mein Lieblingscafé ist ab acht Uhr für Minderjährige geschlossen, und genauso ist es in den meisten Lokalen. Eine kürzlich erschienene Reportage über die Hintergründe der drei Jugendlichen, die in München mehrere Menschen verprügelt haben, zitiert einen jungen Schweizer: “Im Jugendzentrum sind nur Schüler und Muschis. In die Bars kommen wir nicht rein. Deswegen hängen wir jeden Tag hier [am Bahnhof] rum.”

Vor einigen Tagen habe ich in einem Artikel über das Verbot von Flashmobs in Braunschweig die Überzeugung der Stadt zitiert, dass “der öffentliche Raum in Braunschweig ausschließlich dem Verkehr [dient], also dem Transfer von Wohnung a zu Wohnung b, von Wohnung a zu Geschäft b oder von Geschäft a zu Geschäft b.”

Das ist niederschmetternd für Teenager, die weder zuhause Ruhe finden noch in kommerziellen Cafés. Wohin sollen sie gehen, wenn “der öffentliche Raum ausschließlich dem Verkehr dient”? Ahmed gibt eine Antwort, die für saudische Jugendliche genauso zutrifft wie für Schweizer: “Nun, wie werden andere Dinge tun, die du vielleicht nicht mögen wirst”.

Dies könnte eine Story über das Verlangen von Teenagern nach einem Ort zum Abhängen sein. Ist es. Aber zugleich möchte ich dies auch in einem breiteren Kontext sehen. Warum sind junge Menschen gezwungen, auf den Straßen herumzuhängen? Vor allem, weil sie keinen Ort für sich selbst haben. Zuhause sind ihre Eltern, in den Cafés gibt es Eigner, die auch nicht gerade ihrer Generation angehören.

Sie haben keinen Ort für sich, weil sie keinen bezahlen können; und aus dem gleichen Grund können sie sich keinen Zugang zu einem erkaufen (oder hat schon mal wer ein Millionärssöhnchen auf der Straße herumhängen sehen?). Darin teilen Teenager ein Problem mit anderen sozial marginalisierten Gruppen.

Die Antwort auf diese Situation könnte die Schaffung von Commons (zu Deutsch “Allmende”) sein. Wenn du schon einmal eine der bestehenden Commons nach Einbruch der Dunkelheit besucht hast, dann wirst du wissen, dass die meisten von ihnen alles andere als einladend sind. Kaum beleuchtete Parks ziehen nun einmal eher jene an, die die Dunkelheit suchen, als rechtschaffene Bürger.

Aber muss das so sein? In alten Zeiten war der Dorfplatz ein Treffpunkt für alle Bürger. Ein öffentlicher Raum, offen für die sozialen Aktivitäten von jedem, der sich dorthin begab. Heute haben wir diesen Platz zu Starbucks verlagert, haben ihn von einem Commons auf privaten Grund verlagert.

Stell dir Commons vor, Orte die nicht sozial ausschließend sind, sondern offen für jeden. Ein guter Marktplatz sollte gerade so sein. Ich habe das in Brüssel erlebt: Hunderte Menschen, die auf dem Grote Markt sitzen und sich unterhalten.

Lawrence Lessig beschreibt das Internet als “Kreatives Commons”. Diesen Marktplatz möchte ich ein “Soziales Commons” nennen. Und gerade so wie das Internet als Commons kreatives Schaffen ermöglicht, erlaubt ein soziales Commons das Entstehen neuer sozialer Netzwerke. Es ist daher gerade nützlich für die, die sich noch nicht in der Gesellschaft etabliert haben. Teenager sind nur eine Kategorie davon.

Immer, wenn wir über Integration reden, sollten wir über Commons reden. Ihre Offenheit erlaubt jedem, an ihnen teilzuhaben, neue Netzwerke zu weben und eine bessere, eine egalitärere Gesellschaft zu schaffen. Damit ein Land ein “Country (also) for young (wo)men” werden kann.

2 Responses to “No Country for Young Men”


  1. 1 corax Posted August 12th, 2009 - 23:08

    Sehr schön, also die Idee nicht der Istzustand.
    Da muss ich nochmal in Ruhe drüber nachdenken.

    Grüße

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  1. 1 No Country for Young Men – i like patterns Pingback on Aug 6th, 2009
    "[...] I have translated this post to German here. [...] "
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"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith