Vom Schreiben

10Dec10

Seit vier Jahren ist Schreiben Teil meiner Identität. Wenn irgendein Social Media Kram mich nach meiner Bio fragt, dann schreibe ich als erstes: Writer. Blogger zu sein, ist ein Stück Selbstverständnis für mich geworden. Aber seit einem Monat habe ich nichts veröffentlicht. Natürlich, ich war krank, und die Finals fordern ihren Tribut. Aber das ist es nicht; es ist chronisch. Ich schreibe nicht mehr.

Ich habe dieses Blog damals gestartet, weil ich Ideen hatte, von denen ich erzählen wollte; heute suche ich verzweifelt nach Ideen, um etwas zu Schreiben zu haben. Manchmal kommt mir etwas in den Kopf, meistens stehe ich da grad unter der Dusche. Ich bleibe dann ein wenig länger in der Nasszelle, um die Idee auszubauen. Nach dem Abtrocknen mache ich mir eine Heiße Schokolade, und dann habe ich sie auch schon wieder vergessen. Oder, noch schlimmer, sie beginnt zu wuchern.

Nicht hält mich mehr vom Schreiben ab als die Komplexität der Dinge. Früher hatte ich, wenigstens an guten Tagen, dass Gefühl, die Welt ließe sich in 500 Worten ausreichend beschreiben. Heute geht es mir wie dem Miniaturenmaler, den Salman Rushdie in den Midnight Children beschreibt: Kein Rahmen bietet genügend Platz, um die Welt zu umfassen. Und ich weiß nicht, wo Schnitte machen.

Mein Gehirn arbeitet ein wenig wie der Assoziationsblaster, jede Aussage evoziert eine neue Anekdote. Im Sommer habe ich ein ziemlich mieses Essay verfasst, dass sich ganz in dieser Art ergeht: Das Umfassen eines Themas in einem Netzwerken aus Eindrücken, Perspektiven. Ein wenig ein Spiegelkabinett.

Ich mag es, so zu schreiben. Aber ich traue mich nicht mehr. Je mehr ich weiß – und in den letzten Jahren habe ich fraglos viel gelernt -, desto klarer wird mir auch, wie vage die freie Assoziation ist. Ich mag nicht mehr einfach schließen, was schlüssig scheint; ich will es überprüfen, belegen. Und das Schreiben wird komplexer. Anstatt einen Artikel zu verfassen, lese ich zehn; danach weiß ich nicht mehr, was ich sagen wollte, bin mir aber sicher, ein and’rer hat’s bereits getan.

Der einzige Ausweg scheinen die rein persönlichen Eindrücke (als ob es die überhaupt gäbe). Aber ich habe Gefühl, einen Text wie nuttig (den ich immer noch gerne mag) könnte ich gar nicht mehr schreiben. Natürlich, ich habe auch damals nicht viele solche Posts verfasst, aber heute scheint es mir ganz und gar unmöglich.

Seit drei Jahren schreibe ich, um Geld damit zu verdienen; ich habe mich daran gewöhnt, meine Artikel mit einem Intro zu versehen, meine Absätze zu strukturieren, die Grammatik nicht dem Schwung zuliebe durcheinander zu werfen. Jetzt lerne ich am College Academic Writing, noch mehr von dieser Struktur. Mein ganzer Schreibprozess ist conscious geworden; und wenn eine Idee sich nicht dem Schema unterwirft, treibt sie mich zu Verzweiflung.

Ich habe mein Schreiben verändert, so viel ist klar. Aber hat mein Schreiben mich verändert? Ich weiß es nicht. Interessen, Weltansichten wandeln sich. In Blick in die Wayback Machine zeigt, von den Blogs, die ich zu Anfang gelesen habe, ist nur eins heute noch im Feedreader: Spreeblick, mein Arbeitgeber. In den letzten Wochen habe ich angefangen, mehr und mehr Magazine zu lesen, den New Yorker und Boston Review.

Jetzt müsste ich noch eine Conclusion schreiben, einen schönen Absatz, der das alles zusammenfasst. Ich weiß das, ich hab’s gelernt, man kriegt sowas raus, wenn man ein paar hundert Texte zusammenkritzelt. Aber mir fällt trotzdem nix ein. Und wenn ich darauf bestehe, dass dieser Post ein guter sein soll, dann wird er wohl unvollst

5 Responses to “Vom Schreiben”


  1. 1 jke Posted December 10th, 2010 - 01:46

    Das ist wohl einer der Gründe, wieso ich nie professionell schreiben wollte – oder mich aufs Verfassen von technischen reviews beschränke.

    Gerade die deutschen Leser, so scheint es mir immer, sind super kritisch und verlangen einen akademischen Beleg – der nach meinem Verständnis eben genau dieses “was wollte ich eigentlich schreiben?”-Gefühl hervorruft und nicht Ziel eines Blogartikels sein sollte (eben weil es ein Blog ist, und keine Zeitung mit Journalisten).

    Die Leidenschaft, also das Verlangen zu schreiben, einer Idee zu folgen und sie ohne hinreichende Belege in die Welt zu setzen – das sollten wir uns eigentlich immer bewahren. Daher: Mut zur Lücke und den teilweise unbelegbaren, da zu allumfassenden Thesen!

  2. 2 Ralf Bendrath Posted December 10th, 2010 - 02:21

    Schade, das Ende war dann wieder zu sehr gewollt, so wie du es offenbar mittlerweile gelernt hast. Ein paar Fragen an die anderen SchreiberInnen unter den LeserInnen hätten dir und uns wohl mehr gebracht – wenn es ernst ist, was du sagst und nicht nur ein schöner Essay.

    Dennoch: Erwarte nie, dass deine LeserInnen all das gelesen haben, was du gelesen hast. Auch wenn es nur drei Blogposts waren: Ein gutes Summary oder ein prägnanter Kommentar sind immer was wert. So wie im Kreise der FreundInnen am Küchentisch. Spreeblick hin oder her.

  3. 3 erz Posted December 10th, 2010 - 07:29

    Ist es nicht der Fluch der Kreativarbeiter, dass sich bisweilen die Arbeit über die Kreativität erhebt? Mir scheint, dass dein inneres Unbehagen, Gedanken in Formen zu bringen, die erworbenen Schreibkonventionen genügen, genau so gut ein Unbehagen vor der Fremdbestimmtheit sein könnte. Nicht den eigenen Ansprüchen zu genügen, weil die Erwartungen anderer maßgeblich werden.

    Nach dem Wissen, dass einer erworben hat, muss er noch die Gelassenheit erwerben, sich von diesem Wissen nicht einschüchtern zu lassen. Wird schon.

  4. 4 Pavel Grammar Posted February 11th, 2011 - 22:59

    Hmm, klingt ziemlich düster. Sondieren, sich umblicken, erkennen: You alwways can turn around, ist wichtig, fördert Konzentration, bringt Kraft.
    Und jetzt grundlegend: Warum studiert jemand Academic Writing, der wirklich Schreiben kann?

Who's linking?

  1. 1 simoncolumbus (Simon Columbus) on Dec 10th, 2010
    "nach einem jahr (!) mal wieder was in meinem deutschen blog geschrieben: http://www.simoncolumbus.de/2010/12/10/vom-schreiben/ "
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"„Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist der, dass die Armen alles selbst tun müssen mit ihren eigenen Händen, die Reichen aber können jemanden anstellen, der die Dinge für sie tut.“"— Betty Smith