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	<title>simoncolumbus &#187; literature</title>
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		<title>Vom Schreiben</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Dec 2010 01:30:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Seit vier Jahren ist Schreiben Teil meiner Identit&#228;t. Wenn irgendein Social Media Kram mich nach meiner Bio fragt, dann schreibe ich als erstes: Writer. Blogger zu sein, ist ein St&#252;ck Selbstverst&#228;ndnis f&#252;r mich geworden. Aber seit einem Monat habe ich nichts ver&#246;ffentlicht. Nat&#252;rlich, ich war krank, und die Finals fordern ihren Tribut. Aber das ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit vier Jahren ist Schreiben Teil meiner Identit&#228;t. Wenn irgendein Social Media Kram mich nach meiner Bio fragt, dann schreibe ich als erstes: Writer. Blogger zu sein, ist ein St&#252;ck Selbstverst&#228;ndnis f&#252;r mich geworden. Aber seit einem Monat habe ich nichts ver&#246;ffentlicht. Nat&#252;rlich, ich war krank, und die Finals fordern ihren Tribut. Aber das ist es nicht; es ist chronisch. Ich schreibe nicht mehr.</p>
<p>Ich habe dieses Blog damals gestartet, weil ich Ideen hatte, von denen ich erz&#228;hlen wollte; heute suche ich verzweifelt nach Ideen, um etwas zu Schreiben zu haben. Manchmal kommt mir etwas in den Kopf, meistens stehe ich da grad unter der Dusche. Ich bleibe dann ein wenig l&#228;nger in der Nasszelle, um die Idee auszubauen. Nach dem Abtrocknen mache ich mir eine Hei&#223;e Schokolade, und dann habe ich sie auch schon wieder vergessen. Oder, noch schlimmer, sie beginnt zu wuchern.</p>
<p>Nicht h&#228;lt mich mehr vom Schreiben ab als die Komplexit&#228;t der Dinge. Fr&#252;her hatte ich, wenigstens an guten Tagen, dass Gef&#252;hl, die Welt lie&#223;e sich in 500 Worten ausreichend beschreiben. Heute geht es mir wie dem Miniaturenmaler, den Salman Rushdie in den Midnight Children beschreibt: Kein Rahmen bietet gen&#252;gend Platz, um die Welt zu umfassen. Und ich wei&#223; nicht, wo Schnitte machen. </p>
<p>Mein Gehirn arbeitet ein wenig wie der Assoziationsblaster, jede Aussage evoziert eine neue Anekdote. Im Sommer habe ich ein ziemlich mieses <a href="http://www.simoncolumbus.com/2010/10/24/augmented-reality/">Essay</a> verfasst, dass sich ganz in dieser Art ergeht: Das Umfassen eines Themas in einem Netzwerken aus Eindr&#252;cken, Perspektiven. Ein wenig ein Spiegelkabinett. </p>
<p>Ich mag es, so zu schreiben. Aber ich traue mich nicht mehr. Je mehr ich wei&#223; &#8211; und in den letzten Jahren habe ich fraglos viel gelernt -, desto klarer wird mir auch, wie vage die freie Assoziation ist. Ich mag nicht mehr einfach schlie&#223;en, was schl&#252;ssig scheint; ich will es &#252;berpr&#252;fen, belegen. Und das Schreiben wird komplexer. Anstatt einen Artikel zu verfassen, lese ich zehn; danach wei&#223; ich nicht mehr, was ich sagen wollte, bin mir aber sicher, ein and&#8217;rer hat&#8217;s bereits getan.</p>
<p>Der einzige Ausweg scheinen die rein pers&#246;nlichen Eindr&#252;cke (als ob es die &#252;berhaupt g&#228;be). Aber ich habe Gef&#252;hl, einen Text wie <a href="http://www.simoncolumbus.de/2007/09/18/nuttig/">nuttig</a> (den ich immer noch gerne mag) k&#246;nnte ich gar nicht mehr schreiben. Nat&#252;rlich, ich habe auch damals nicht viele solche Posts verfasst, aber heute scheint es mir ganz und gar unm&#246;glich.</p>
<p>Seit drei Jahren schreibe ich, um Geld damit zu verdienen; ich habe mich daran gew&#246;hnt, meine Artikel mit einem Intro zu versehen, meine Abs&#228;tze zu strukturieren, die Grammatik nicht dem Schwung zuliebe durcheinander zu werfen. Jetzt lerne ich am College Academic Writing, noch mehr von dieser Struktur. Mein ganzer Schreibprozess ist conscious geworden; und wenn eine Idee sich nicht dem Schema unterwirft, treibt sie mich zu Verzweiflung.</p>
<p>Ich habe mein Schreiben ver&#228;ndert, so viel ist klar. Aber hat mein Schreiben mich ver&#228;ndert? Ich wei&#223; es nicht. Interessen, Weltansichten wandeln sich. In Blick in die Wayback Machine zeigt, von den Blogs, die ich zu Anfang gelesen habe, ist nur eins heute noch im Feedreader: Spreeblick, mein Arbeitgeber. In den letzten Wochen habe ich angefangen, mehr und mehr Magazine zu lesen, den New Yorker und Boston Review.</p>
<p>Jetzt m&#252;sste ich noch eine Conclusion schreiben, einen sch&#246;nen Absatz, der das alles zusammenfasst. Ich wei&#223; das, ich hab&#8217;s gelernt, man kriegt sowas raus, wenn man ein paar hundert Texte zusammenkritzelt. Aber mir f&#228;llt trotzdem nix ein. Und wenn ich darauf bestehe, dass dieser Post ein guter sein soll, dann wird er wohl unvollst</p>
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		<title>Bitte achten Sie auf Ihre Sprache</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Dec 2009 01:39:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon</dc:creator>
				<category><![CDATA[literature]]></category>
		<category><![CDATA[social_media]]></category>
		<category><![CDATA[sociology]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Freitag habe ich auch einmal Consultant gespielt und einigen jungen Leuten Blogs und WordPress.com erkl&#228;rt. Meine russische Freundin Ira, derzeit als Praktikantin in Berlin, hatte mich um Hilfe bei einem Projekt gebeten. Es geht ums &#8220;Deutsch lernen im Vorbeigehen&#8220;: Ira m&#246;chte Lerner der Sprache dazu ermuntern, Geschichten &#252;ber ihre Bekanntschaften mit einzelnen Begriffen zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Freitag habe ich auch einmal Consultant gespielt und einigen jungen Leuten Blogs und WordPress.com erkl&#228;rt. Meine russische Freundin Ira, derzeit als Praktikantin in Berlin, hatte mich um Hilfe bei einem Projekt gebeten.</p>
<p>Es geht ums &#8220;<a href="http://kreativesschreiben.wordpress.com/">Deutsch lernen im Vorbeigehen</a>&#8220;: Ira m&#246;chte Lerner der Sprache dazu ermuntern, Geschichten &#252;ber ihre Bekanntschaften mit einzelnen Begriffen zu erz&#228;hlen. Eine sch&#246;ne Idee, wie ich finde. Einerseits, weil Blogs ein Medium f&#252;r Geschichtenerz&#228;hler sind, und andererseits, weil ich selber mit vielen W&#246;rtern kleine Geschichten, Ideen und Eselsbr&#252;cken verkn&#252;pfe.</p>
<p>Am Freitag hatte sie dazu einige Mitglieder von <a href="http://www.mitost.org/">MitOst</a> zu einem Workshop geladen. Als ich aus der Berliner K&#228;lte dazustie&#223;, stand noch eine kurze Brainstorming-Session bevor: &#8220;Wie schnappe ich die Worte im Alltag auf?&#8221; Ira hat zu ihren W&#246;rtern schon einige solche Kennenlern-Geschichten aufgeschrieben &#8211; zu einer durfte ich die Erkl&#228;rung f&#252;r den <a href="http://kreativesschreiben.wordpress.com/2009/11/11/wie-habe-ich-das-wort-paragraphenreiter-kennen-gelernt/">Paragraphenreiter</a> beisteuern.</p>
<p>Die Workshop-Teilnehmer sammelten schnell einige Punkte zusammen, die man als Fremdwort-F&#228;nger im Alltag beherzigen sollte. Als Language Geek hatte ich etwas abseits sitzend meinen Spa&#223; daran, der kleinen Gruppe beim Diskutieren zuzusehen. Hin und her ging es, um die richtige Formulierung zu finden.</p>
<p>Die Empfehlung, auf den Kontext zu achten, stand schon auf dem Papier, und &#252;ber die Unterscheidung von Hoch- und Umgangssprache war bereits gesprochen worden, aber ein junger Mann versuchte den anderen noch eine genauere Differenzierung verst&#228;ndlich zu machen. Als er damit auf Ablehnung stie&#223; &#8211; es sei ja schon auf den Kontext hingewiesen worden &#8211; rang er ein wenig mit den Worten, um sein Anliegen klar zu machen, bevor er aufgab. Ich denke, er meinte den Soziolekt &#8211; aber wer kennt sich schon mit linguistischem Fachjargon aus?</p>
<p>Diese Szene f&#252;hrte mir wieder einmal die Hilflosigkeit vor Augen, in der man sich als Sprachenlernender befindet. Im Grunde wird man freiwillig wieder zum Kleinkind, wenn man sich an eine neue Sprache heranwagt: Es fehlen einem die Worte. Ich finde, das ist ein Schritt, der eine ganze Menge Mut erfordert. Freiwillig sprachlos zu werden ist eine gr&#246;&#223;ere Herausforderung, als laut herumzubr&#252;llen.</p>
<p><em>(Ich &#252;berlege im &#252;brigen schon seit l&#228;ngerem, kurze Eintr&#228;ge zu meinen Lieblingsw&#246;rtern zu schreiben. Besonders im Arabischen laufen mir immer wieder Begriffe &#252;ber den Weg, die ich einfach gern habe; h&#228;ufig auch einfach wegen ihres Klanges. Mal sehen, ob ich das mal mache.)</em></p>
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		<title>.lit Juli</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Aug 2009 02:40:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon</dc:creator>
				<category><![CDATA[literature]]></category>

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		<description><![CDATA[Gesammelte Rezensionen meiner Lekt&#252;re f&#252;r den Monat Juli, ausgenommen die Werke, zu denen mir nichts eingefallen ist und Saramagos Evangelium nach Jesus Christus, zu dem ich bereits einen grauenhaften langen Text verfasst habe. Die Kurzrezension zu Junot Díaz&#8217; &#8220;Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao&#8221; ist &#252;brigens auch beschissen. Amin Maalouf: Der Felsen von Tanios. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gesammelte Rezensionen meiner Lekt&#252;re f&#252;r den Monat Juli, ausgenommen die Werke, zu denen mir nichts eingefallen ist und Saramagos Evangelium nach Jesus Christus, zu dem ich bereits einen grauenhaften langen Text verfasst habe. Die Kurzrezension zu Junot Díaz&#8217; &#8220;Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao&#8221; ist &#252;brigens auch beschissen.</p>
<p><strong>Amin Maalouf: <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3518455710?ie=UTF8&#038;tag=simoncolumbus-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3518455710">Der Felsen von Tanios.</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3518455710" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" /></strong></p>
<blockquote><p><em>&#8220;Hatte ich nicht hinter der Legende die Wahrheit gesucht? Als ich den Kern der Wahrheit erreicht zu haben glaubte, da war er Legende.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Amin Maalouf ist einer der wichtigsten zeitgen&#246;ssischen arabischen Autoren, obwohl er schon lange in Frankreich lebt. &#8220;Der Felsen von Tanios&#8221; erz&#228;hlt die Geschichte eines libanesischen Dorfes in Zeiten gro&#223;er politischer und gesellschaftlicher Umw&#228;lzungen. Der Junge Tanios scheint vom Schicksal zu besonderen Taten auserkoren zu sein. Er ist das Werkzeug der Vorsehung in den turbulenten Ereignissen, die auch die bis heute andauernde Zerrissenheit des Libanon in unterschiedliche Volksgruppen widerspiegeln. Erhalten geblieben ist von ihm heute nur der legendenumrankte Felsen, auf dem er vor seinem Verschwinden das letzte Mal gesehen wurde.<br />
&#8220;Der Felsen von Tanios&#8221; lehrt, dass es eine Entscheidung zwischen pers&#246;nlichem und politischem Handeln gibt &#8211; und eine Zeit f&#252;r beides. Vor allem die immer wieder eingestreuten Verse des auf seinem Maultier durch die D&#246;rfer der Gegend reitenden Tr&#246;delh&#228;ndlers Nader haben es mir angetan. Sie vermitteln eine Philosophie, die gekonnt die b&#228;uerliche Tradition von Tanios&#8217; Dorf konstrastiert.<br />
Amin Maalouf bedient sich in seinem Werk einer wechselvollen Erz&#228;hltechnik, die mal einen modernen Erz&#228;hler, mal von ihm zitierte historische (und ebenso erfundene) Quellen zu Wort kommen l&#228;sst, um eine Legende aufleben zu lassen. Im ersten Moment nach dem Lesen fehlte mir der Tiefgang in diesem Roman; genauer betrachtet vermitteln die unterschiedlichen Erz&#228;hler aber eine diverse arabische Historie. St&#228;rker als die Geschichte Tanios&#8217; beeindruckt mich das um sie herum entfaltete Sujet &#8211; und, um es noch einmal zu betonen, die &#8220;Weisheiten eines Maultiertreibers&#8221;.</p>
<p><strong>Junot Díaz: <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3100139208?ie=UTF8&#038;tag=simoncolumbus-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3100139208">Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3100139208" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" /></strong></p>
<p>Wenn es zwei Personenbezeichnungen gibt, die sich nicht mit einander vertragen, dann sind das &#8220;Nigger&#8221; und &#8220;Geek&#8221;. Beide werden extensiv auf den unr&#252;hmlichen Helden dieses Romans angewandt: Oscar ist Dominikaner (die Republik, nicht die M&#246;nche), dick und, obwohl eben Dominikaner (und st&#228;ndig verliebt) Jungfrau.<br />
Díaz Roman basiert auf einer Absurdit&#228;t: Ein schwarzer Nerd. Ein Geek im Ghetto. Es ist, wenn man so will, ein Clash of Cultures. Und der Autor elaboriert diesen weidlich. &#8220;Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao&#8221; strotzt vor spanischen Ausdr&#252;cken (um genauer zu sein kreolischen, vermute ich), die leider zumindest in der gebundenen deutschen Ausgabe im Anhang und nur sehr un&#252;bersichtlich erkl&#228;rt sind. Zugleich gibt es aber auch l&#228;ngliche Fu&#223;noten zur Geschichte der Dominikanischen Republik, die genauso wie der Rest des Romans im schnoddrigen, aber humorvollen Ton des Erz&#228;hlers Yunior gehalten sind.<br />
Science Fiction Literatur und Videospiele sto&#223;en auf eine dominikanische Familiengeschichte voller Sexbomben und Gewaltt&#228;ter. Dabei vermischen sich die Mysterien beider Ideenwelten, um gemeinsam letztlich in einer Frage zu m&#252;nden: Fukú oder Zafa &#8211; Fluch oder Segen?</p>
<p><strong>Lawrence Lessig: <a href="http://www.amazon.de/gp/product/0375726446?ie=UTF8&#038;tag=simoncolumbus-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=0375726446">The Future of Ideas</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=0375726446" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" /></strong></p>
<blockquote><p><em>&#8220;But commons also produce something of value. They are a resource for decentralized innovation. They create the opportunity for individuals to draw upon resources without connections, permission, or access granted by others.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Das mittlerweile zum Klassiker mutierte Werk des Kommunikationsgenies Lawrence Lessig war vor acht Jahren, 2001, bahnbrechend. &#8220;It deserves to change the way we think about the electronic frontier&#8221;, wird die Los Angeles Times auf dem Titelblatt zitiert. Tats&#228;chlich darf man sich nach der Lekt&#252;re fragen, warum das Konzept der Commons, zu deutsch &#8220;Allmende&#8221;, noch nicht in den K&#246;pfen der Masse angekommen ist.<br />
Lessig erkl&#228;rt dieses Konzept und &#252;bertr&#228;gt es auf den digitalen Raum. Sp&#228;ter sollte sich daraus das Projekt &#8220;Creative Commons&#8221; entwickeln. Auf diesen positiven Ansatz verweisen aber nur die letzten Seiten des Werkes; ansonsten geht es dem Rechtsprofessor eher darum, vor einem Verlust der Freiheiten des Internets zu warnen.<br />
Auch wenn Lessig wie in seinem genialen Vortr&#228;gen gro&#223;artige Beispiele w&#228;hlt, um sein Anliegen zu verdeutlichen, wird das Werk in der zweiten H&#228;lfte teilweise zu sehr auf diese konkreten F&#228;lle bezogen und ist dann, im Nachhinein betrachtet, auf Irrwegen unterwegs.<br />
Am schwersten wiegt aber, dass Lessig sein Buch leider, leider f&#252;r Amerikaner geschrieben hat. Das ist nicht so schlimm, wenn er auf Besonderheiten des Rechtssystems, einzelne Gesetze wie das DMCA etwa, eingeht. Es wird aber unertr&#228;glich, wenn er auf jeder zweiten Seite betonen muss, dass sein Anliegen nichts mit Kommunismus zu tun hat. &#220;berhaupt sind viele Ideen zu brilliant im durchaus komplexen System amerikanischer Politbefindlichkeiten verortet, um wirklich gl&#228;nzend r&#252;berzukommen. Zusammen mit den h&#228;ufigen Wiederholungen macht dieser Balast &#8220;The Future of Ideas&#8221; zu einem Werk, bei dem man gerade an seinen besten Stellen &#252;berlegen muss, wie gut es sein k&#246;nnte, w&#228;re es f&#252;r ein progressiveres Publikum (zu dem ich selbst mich z&#228;hle) geschrieben.</p>
<p><strong>Ghada Samman: <a href="http://www.amazon.de/gp/product/342311567X?ie=UTF8&#038;tag=simoncolumbus-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=342311567X">Alptraum in Beirut</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=342311567X" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" /></strong></p>
<blockquote><p><em>&#8220;Gl&#252;cklich, wer im Libanon eine Waffe und einen Grabplatz besitzt. Das Land geh&#246;rt auf ewig dem, der bereit ist, daf&#252;r sein Leben zu geben.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>&#8220;Alptraum in Beirut&#8221; (in der englischen &#220;bersetzung &#8220;Beirut Nightmares&#8221;, was aus meiner Sicht ein noch weitaus treffenderer Titel ist) spielt w&#228;hrend einiger weniger Tage des libanesischen B&#252;rgerkrieges in einem dem heftig umk&#228;mpften Holiday Inn (wenn ich mich nicht v&#246;llig irre das Hotel, vor dessen Facade eine der Kampfszenen in &#8220;Waltz with Bashir&#8221; spielt. Leider finde ich keine Quellen, um das zu verifizieren. Wenn da wer Erinnerungen hat, um den meinen auf die Spr&#252;nge zu helfen&#8230;) gegen&#252;ber liegenden Haus. Die Geschichte pr&#228;sentiert sich als die Aufzeichnungen einer dort &#8220;auf dem Schlachtfeld&#8221; gefangenen linken Autorin.<br />
Es geht um den Schriftsteller im Krieg. Immer wieder wird die Beziehung zwischen Stift und Kugel erkundet: Es geht um die Verantwortung der Autorin, die die Revolution gefordert hat und zugleich das T&#246;ten nicht ertragen kann. &#8220;Alptraum in Beirut&#8221; ist aber nicht nur auf dieser Ebene ein politischer Roman, es geht auch um die Gr&#252;nde f&#252;r den libanesischen B&#252;rgerkrieg, um religi&#246;sen Hass und finanzielle Interessen.<br />
All das ist verwoben in Sammans einzigartiger Erz&#228;hlform. Kurze, nur selten die L&#228;nge einer Seite &#252;berschreitende Episoden reihen sich aneinander. Es sind durchnummerierte Alptr&#228;ume: Unterschiedslos werden unter diesem Titel Schilderungen der Erz&#228;hlerin, Tr&#228;ume und kurze Parabeln zusammengefasst. Die Parabeln kn&#252;pfen an die arabische Erz&#228;hltradition an, haben aber das sehr gegenw&#228;rtige blutige Geschehen auf den Stra&#223;en Beiruts zum Thema. Sammans Werk wird als Magischer Realismus klassifiziert; in der Tat verschwimmt die Grenze zwischen und Traum und Wachen. Weil die Wirklichkeit zu einem Alptraum wird, weil das Unvorstellbare geschieht, rei&#223;t die Grenze zwischen Traumwelt und Realit&#228;t.<br />
Wenn also dieser lateinamerikanische Magische Realismus in den &#8220;Alptr&#228;umen&#8221; steckt, dann ist die Geschichte doch erz&#228;hlt in einer sehr arabischen Sprache. Die, in einem gewissen Sinne, ist das d&#252;stere, brandschwarze, bleigraue Gegenst&#252;ck zu den blumigen Schilderungen aus Tausend und einer Nacht. Ein lyrisch, philosophisch und politisch gro&#223;artiges Werk.</p>
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		<title>.lit José Saramago: Das Evangelium nach Jesus Christus</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Jul 2009 22:12:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon</dc:creator>
				<category><![CDATA[literature]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie res&#252;mmiert man den dem Leser bekannten Inhalten eines ihm unbekannten Werkes? Der Inhalt von José Saramagos &#8220;Evangelium&#8221; ist die nur zu gut bekannte Geschichte jenes Jesus Christus, Subjekt schon diverser anderer, gleicherma&#223;en betitelter Werke. Es gibt viele Auslegungen von Jesu Leben: Es gibt feministische Biographien, naturalistische Darstellungen &#8211; was ist von José Saramago, Mitglied [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie res&#252;mmiert man den dem Leser bekannten Inhalten eines ihm unbekannten Werkes? Der Inhalt von José Saramagos &#8220;Evangelium&#8221; ist die nur zu gut bekannte Geschichte jenes Jesus Christus, Subjekt schon diverser anderer, gleicherma&#223;en betitelter Werke.</p>
<p>Es gibt viele Auslegungen von Jesu Leben: Es gibt feministische Biographien, naturalistische Darstellungen &#8211; was ist von José Saramago, Mitglied der kommunistischen Partei Portugals seit vierzig Jahren, bekennender Atheist, zu erwarten?</p>
<p>Saramago beginnt, und das vielleicht die gr&#246;&#223;ten Stellen des Werkes, mit zwei Bildern. Er malt wie ein anderer mit Pinseln auf Canvas was ein sprachliches &#214;lgem&#228;lde anmutet, eine Kreuzigungsszene. Schon hier legt der Autor den Ton fest, den sein Evangelist &#8211; der, wie er an einer Stelle selbst anmerkt, wei&#223; was war, ist und sein wird, zumindest, was die Belange Jesu betrifft, und das auch von dem Leser annimmt &#8211; das Werk &#252;ber haben wird. Es ist ein leichter, manchmal sp&#246;ttischer Ton, in dem hier abgew&#228;gt wird, welche diese, welche jene der Marien die Frauen auf dem Gem&#228;lde sind.</p>
<p>Und genauso malt er den Himmel &#252;ber Nazareth, die Hintergrundszene zu Jesu Zeugung, von der sp&#228;ter angemerkt wird, man h&#228;tte Gottes Anwesenheit an ihr erkennen k&#246;nnen. Man k&#246;nnte hier meinen, eine naturalistische Schilderung vor sich zu haben. Eine, die auf Magisches und Mythisches verzichtet. Doch Maria wird ihre Schwangerschaft angek&#252;ndigt. Von einem Engel.</p>
<p>Hier zeigt sich die Beziehung Saramagos zu seinem Stoff: Es ist ein Engel, aber er hat nichts gemein mit goldgl&#228;nzenden Barockputten und filigranen Krippenfiguren; es ist ein Bettler. Saramago &#252;bernimmt die &#220;berlieferung der Evangelien, er l&#228;sst vieles intakt, was man ihn zerst&#246;ren vermutete, spinnt stattdessen Neues ein und unterzieht das Alte einer Metamorphose.</p>
<p>Vor allem aber ver&#228;ndert er die Vorzeichen. Saramago nimmt die Geschichte vom Kindermord zu Bethlehem auf, um sie unter dem Gesichtspunkt der Schuld Josefs zu deuten. Josefs, der von dem geplanten Mord erf&#228;hrt und nach Bethlehem eilt, um den eigenen Sohn zu retten. Und es unterl&#228;sst, die Eltern von Bethlehem zu warnen.</p>
<p>Das Urteil ist klar: Josefs Tat ist Mord durch Unterlassung. Und der Zimmermann wird vortan von Alptr&#228;umen geplagt, die ihn seine Schuld nicht vergessen lassen. Er reitet unter r&#246;mischen Soldaten nach Bethlehem, seinen Sohn zu t&#246;ten. Er reitet, jede Nacht, bis er am Kreuz stirbt.</p>
<p>Sein Sohn erbt den Traum. Tr&#228;umt ihn aus seiner Perspektive. Wartend unter den Kindern Bethlehems, dass sein Vater komme, ihn zu t&#246;ten. Die Schuld, so gro&#223;, dass sie der Vater auf den Sohn vererbt.</p>
<blockquote><p>&#8220;Dieser junge Bursche, der sich in einem Alter nach Jerusalem begibt, in dem die meisten seiner Gef&#228;hrten sich kaum erst vor das eigene Tor wagen, ist vielleicht nicht gerade ein Adler an Scharfsinn, kein Ausbund an Intelligenz, unsere Achtung verdient er aber dennoch, er tr&#228;gt, wie es selbst erkl&#228;rte, eine Wunde in der Seele, und da seine Natur es ihm verwehrt, darauf zu warten, dass die schlichte Gewohnheit, mit ihr zu leben, diese heilte, bis sie sich in gutgewillter Vernarbung schl&#246;sse, die im Nichtdenken besteht, begab er sich statt dessen auf die Suche nach der Welt, um, wer wei&#223;, die Wunden vielleicht zu vervielfachen und aus ihnen allen einen einzigen und endg&#252;ltigen Schmerz zu bereiten.&#8221;</p></blockquote>
<p>Hier ist Jesus ganz Mensch. Er ist es das ganze Werk &#252;ber. Aber Saramago reizt den Konflikt kaum aus, in dem er steht: Mensch und Gottessohn zu sein. Schade, finde ich. Doch psychologisiert wird kaum: Das Kausalgewebe der Geschichte bleibt fadenscheinig. Es ist dies wohl auch Folge des vorgegebenen Geschehens &#8211; denn Saramagos Jesus nimmt Wege, von denen die anderen Evangelien nicht sprechen. Doch die Etappenziele bleiben die gleichen.</p>
<p>Der Weg dieses ausgezogenen, 14 Jahre alten Jesus f&#252;hrt ihn nach Bethlehem, wo er Helfer eines Hirten wird. Der sich, Jahre sp&#228;ter, als der Teufel erweist: Saramago verkehrt und verdreht die Rollen von Gott und Gegenpart.</p>
<blockquote><p>&#8220;[D]as System des Herrgotts ist stets das Gegenteil dessen, was sich die Menschen vorstellen, und, hier ganz im Vertrauen, ich finde, anders k&#246;nnte der Herr gar nicht bestehen, das seinem Munde am meisten entquellende Wort ist nicht Ja, sondern Nein, Immer h&#246;rte ich sagen, der Teufel sei der Geist, der stehts verneint, Mitnichten, meine Tochter, der Teufel ist der Geist, der sich selbst verneint&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>Ich w&#252;rde an dieser Stelle gerne in das letzte Drittel des Romans springen, allein: Die Chronologie erfordert eine Erw&#228;hnung Maria Magdalenas. Auch dieser Handlungsteil ist symptomatisch f&#252;r Saramago: Jesus verletzt sich vor Marias Haus am Fu&#223;, sie &#8211; Prostituierte wie in der katholischen Mythologie, und das auch gerne &#8211; verf&#252;hrt ihn. Maria gibt ihren Beruf auf, das Paar lebt in Wilder Ehe zusammen.</p>
<p>Eigentlich w&#228;re gerade die Figur Maria Magdalenas f&#252;r viele Auslegungen geeignet: Man kann sie wahlweise als Opfer sozialer Umst&#228;nde sehen, der schwierigen Situation von alleinstehenden Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft etwa, oder als Beispiel einer Emanzipierten, die von der Um- und Nachwelt ihres Selbstbewusstseins wegen geschm&#228;ht wird. Saramago w&#228;hlt keine davon.</p>
<p>Maria Magdalena ist Prostituierte, sogar, wie es scheint, aus eigener Wahl heraus, gerne auch, aber sie ist nicht gleichgestellte Gef&#228;hrtin Jesu, auch wenn dieser sich als eins mit ihr beschreibt, schreitet hinter ihm. Man m&#246;chte fast sagen: Ein Gemisch aus Positionen, das letztlich in einem schwammig umrandeten Charakter m&#252;ndet.</p>
<p>Nun aber: Der dritte Teil des Werkes. Featuring Gott, Teufel und Passion. Hier wird Saramago zum Theoretiker, ein Verlust, wie ich finde: Die wechselvollen Situationsbeschreibungen werden abgel&#246;st durch lange Dialoge und Kontemplationen. H&#246;hepunkt ist das Zusammentreffen von Jesus mit seinem Vater, id est Gott, und dem Teufel, auf einem Boot, im Nebel, auf dem See Genezareth.</p>
<p>Hier wird die Passionsgeschichte zum PR-Feldzug des Herrn, Jesu Tod am Kreuz zum notwendigen Propagandamittel. Saramago dagegen scheint verbittert durch zwischen den Zeilen, wenn Jesus Gott n&#246;tigt, &#252;ber Seiten hinweg die M&#228;rtyrer des Christentums aufzuz&#228;hlen, die Greuel der nach ihm zu benennenden Religion aufzuf&#252;hren und auf die Waagschale zu werfen, auf der anderen Seite nichts als den alles &#252;berwiegenden Willen des Herrn.</p>
<p>Vielleicht ist mein gemischtes Gef&#252;hl nach der Lekt&#252;re dieses Werkes auch in meiner unzureichenden Besch&#228;ftigung mit dem Christentum und der Bibel zu suchen, immer wieder greift Saramago auf &#220;berlieferungsschnipsel zur&#252;ck, Jesu Wunder werden kaum mehr als res&#252;mmiert, zu deutlich die angenommene Kenntnis der Sachverhalte beim Leser. Alles in allem erscheint mir das theoretische Ger&#252;st des Werkes aber zu wechselhaft, viele Gedanken laufen zusammen, ohne in meinem Verst&#228;ndnis ein Ganzes zu ergeben. Die Katholische Kirche hat sich sehr &#252;ber diesen Roman echauffiert, verst&#228;ndlich, wird doch Gott als ein skrupelloser, machtversessener Stratege dargestellt. Eine wirkliche Bedrohung kann sie aber kaum darin gesehen haben. Zuwenig, scheint es mir, macht sich Saramago die M&#252;he, tats&#228;chliche Argumentationen auseinanderzunehmen, Glaubensgrunds&#228;tze in der Untersuchung zu widerlegen.</p>
<p>Was mir gefallen hat, ist die Sprache, ist der Erz&#228;hlstil. Saramago spielt in seinen langen S&#228;tzen mit dem hehren Stil der biblischen &#220;berlieferung, l&#228;sst den Knaben Jesus seine Mutter im Stile eines Hohepriesters belehren &#8211; und dekonstruiert diese Facade mit den in sp&#246;ttischer Umgangssprache vorgebrachten Einw&#252;rfen des Evangelisten. So scheint mir die Auseinandersetzung mit der Bibel in &#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3499223066?ie=UTF8&amp;tag=simoncolumbus-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3499223066">Das Evangelium nach Jesus Christus</a><img style="border:none !important; margin:0px !important;" src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3499223066" border="0" alt="" width="1" height="1" />&#8221; auf sprachlicher Ebene weitaus gelungener denn auf inhaltlicher.</p>
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		<title>.slam 19. Siegener Poetry Slam</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Jul 2009 00:04:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon</dc:creator>
				<category><![CDATA[literature]]></category>

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		<description><![CDATA[Semi-spontan habe ich mich am Sonntag das erste Mal zum Poetry Slam in Siegen bequemt. Vor hatte ich das schon l&#228;nger, zuletzt aber immer wieder die Termine verplant, das hier im doppelten Wortsinne zu nehmen. Obiges soll nicht hei&#223;en, Poetry Slam w&#228;re mir bisher nicht bekannt gewesen. Auf Youtube findet sich zum Gl&#252;ck eine Unzahl [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Semi-spontan habe ich mich am Sonntag das erste Mal zum <a href="http://www.myspace.com/siegenerpoetryslam">Poetry Slam in Siegen</a> bequemt. Vor hatte ich das schon l&#228;nger, zuletzt aber immer wieder die Termine verplant, das hier im doppelten Wortsinne zu nehmen.</p>
<p>Obiges soll nicht hei&#223;en, Poetry Slam w&#228;re mir bisher nicht bekannt gewesen. Auf Youtube findet sich zum Gl&#252;ck eine Unzahl an Mitschnitten zB der amerikanischen Sendung Def Poetry Jam, mit denen ich schon so manche Nacht verbracht habe. Aus Deutschland hatte es mir bisher vor allem die Rapperin und Slammerin <a href="http://www.fiva-radrum.de/start.htm">Fiva MC</a> angetan.</p>
<p>Von den am Sonntag in Siegen antretenden K&#252;nstlern war mir allerdings nur der M&#252;nsteraner Andy Strau&#223; ein Begriff (ohne, dass ich jetzt sagen k&#246;nnte, woher).</p>
<p>Der geh&#246;rte dann auch zu den vier Kandidaten, die letztlich in die Finalrunde einzogen. Strau&#223; zeigt eine wirklich beeindruckende B&#252;hnenpr&#228;senz (die ihm auch &#252;ber seinen nicht mehr ganz n&#252;chternen Zustand hinweg half). Sch&#246;n w&#228;re es nur gewesen, w&#228;re er weniger albern (oder h&#228;tte doch zumindest nicht st&#228;ndig &#252;ber sich selbst gekichert). An letzterem zeigt sich wohl auch eine Schwierigkeit des Poetry Slam, der in Deutschland in den letzten Jahren wohl so etwas wie seine Jugendjahre erlebt: Es gibt einen Wettstreit zwischen erw&#252;nschter Authenzit&#228;t und f&#252;r den Mainstream erforderlicher Professionalit&#228;t.</p>
<p>Gewonnen hat letztlich der aus meiner Sicht einzig angemessene Kandidat. Die erste Erz&#228;hlung des Berliners Gauner &#252;ber eine Reise zu den eigenen Erinnerungsst&#252;cken, wenn man es so nennen m&#246;chte, erinnerte mich in seinem Eintauchen in die materialisierte Welt der metaphysischen Souvenirs ein wenig an Torchs brillianten Track <a href="http://www.youtube.com/watch?v=Svlc4eaejcU">Ich hab geschrieben</a> (ohne ihm nat&#252;rlich das Wasser reichen zu k&#246;nnen). Es war einer der wenigen tiefsinnigeren Beitr&#228;ge im Wettbewerb und schon daher mein Favorit. </p>
<p>Auch von der Vortragsweise her geh&#246;rten Gauners gereimt-gerappte Texte zu meinen Favoriten. Neben ihm und Strau&#223; aber waren es wenige, die tats&#228;chlich anklingen lie&#223;en, dass es beim Poetry Slam auch um die Pr&#228;sentation des Werkes geht. Einzig Alexander Willrich und Bente Varlemann fand ich da noch interessant. </p>
<p>Stattdessen wirkte die ganze Veranstaltung ein wenig wie Kabarett ohne das allf&#228;llige Piano auf mich: Viele Witze, viel Sex und ein wenig Politik, in einer sch&#246;nen Packung und mit der extra Portion Poesie beworben, um es als Mode zu verkaufen. </p>
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		<title>.lit Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 22:55:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon</dc:creator>
				<category><![CDATA[literature]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Zwei Schauspieler, gefangen in einem abstrusen St&#252;ck ohne Hinweis auf die Handlung. Sie stolperten durch ihre Rollen, n&#228;hrten den Kummer in einer anderen Person. Trauerten die Trauer einer anderen Person. Irgendwie unf&#228;hig, das St&#252;ck zu wechseln. Oder gegen eine Geb&#252;hr irgendeinen billigen Exorzismus zu kaufen von einem Berater mit einem phantasievollen Titel, der sie Platz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>&#8220;Zwei Schauspieler, gefangen in einem abstrusen St&#252;ck ohne Hinweis auf die Handlung. Sie stolperten durch ihre Rollen, n&#228;hrten den Kummer in einer anderen Person. Trauerten die Trauer einer anderen Person.<br />
Irgendwie unf&#228;hig, das St&#252;ck zu wechseln. Oder gegen eine Geb&#252;hr irgendeinen billigen Exorzismus zu kaufen von einem Berater mit einem phantasievollen Titel, der sie Platz nehmen lie&#223; und auf eine von vielen Arten zu ihnen sagte:<br />
&#8216;Ihr seid nicht die S&#252;nder. Ihr seid diejenigen, gegen die ges&#252;ndigt wurde. Ihr wart noch Kinder. Es lag nicht in eurer Hand. Ihr seid die Opfer, nicht die T&#228;ter.&#8217;&#8221;</p></blockquote>
<p>Die Zwillinge Rahel und Estha erleben das Zerbrechen ihrer Familie an der verbotenen Liebe ihrer Mutter nicht als unschuldige Kinder. Sie sind in ihrem eigenen Empfinden Schuldige; werden selbst zu Zerbrechenden.</p>
<p>Den Inhalt von Arundhati Roys l&#228;ngst legend&#228;rem Roman nur anzurei&#223;en scheint unm&#246;glich. Zu eng verwoben in einem Geflicht aus Vergangenheiten sind die kleinen und die gro&#223;en Dinge in dem indischen Dorf Ayemenem. </p>
<p>Die kleinen Dinge, das sind katzenf&#246;rmige L&#246;cher im Universum, wo die Tiere auf der Stra&#223;e &#252;berfahren wurden. Rote Betelspuckeflecken an den Aschenbecher-Beuteln von Qantas-Kanguruhs. Das Kreuzstichmuster einer blauen Tagesdecke auf der Wange einer aus einem Traum Erwachenden. Ein vergessenes Boot, das drei Kinder und zwei Liebende &#252;ber einen Fluss tr&#228;gt. </p>
<p>Es sind diese kleinen Dinge, die, scheinbar aus den Vorstellungen der Zwillingskinder entlassen ihre Welt bev&#246;lkernd, Roys Roman ausmachen. Vielleicht braucht es die kindlichen Protagonisten, um den Blick auf sie zu erlauben. Um die &#8220;gro&#223;en Dinge&#8221; aus ihrer Hauptrolle zu verdr&#228;ngen. Um kommunistische Demonstrationen aus ihrer zeitgeschichlichen Bedeutung herauszuheben und sie zu pers&#246;nlichen Erlebnissen zu machen. Um dem Einzelschicksal mehr Raum zu geben denn als einem blo&#223;en Ph&#228;nomen des gro&#223;en Ganzen.</p>
<p>&#8220;Der Gott der kleinen Dinge&#8221; zweifelt das Diktat des Faktischen an. In der Sprache der Kinder dr&#252;ckt sich ein st&#228;ndiges Hinterfragen der Gegebenheiten aus, dass kein &#252;berkommenes Gebot gelten l&#228;sst. Man kann die r&#252;ckw&#228;rtsgelesenen Plakataufschriften der Zwillinge als einen Zug der Rebellion gegen die selben Traditionen sehen, gegen deren Macht sich ihre Mutter mit ihrer Kastengrenzen transzendierenden Liebe stellt.</p>
<blockquote><p>Er wusste nicht, dass an manchen Orten, zum Beispiel dem Land, aus dem Rahel kam, unterschiedliche Arten von Verzweiflung um den Vorrang k&#228;mpften. Und dass pers&#246;nliche Verzweiflung nie verzweifelt genug sein konnte.&#8221;</p></blockquote>
<p>Dieses Buch ist ein Dokument indischer Kultur und Geschichte. Nicht allein, dass viele der gro&#223;en Themen des unabh&#228;ngigen Indien zur Sprache kommen; es ist gerade die literarische Umsetzung von Denkmustern, also ein weitaus subtileres Spiel, f&#252;r welche dieses Buch ger&#252;hmt werden muss. </p>
<p>Was mir immer wieder ins Auge fiel ist die N&#228;he zwischen dem, was Autorinnen wie Christa Wolf in Deutschland als &#8220;weibliches Schreiben&#8221; propagiert haben und der indischen Literatur insgesamt. &#8220;Der Gott der kleinen Dinge&#8221;, ein zudem aus feministischer Perspektive verfasstes Werk, ist ein Paradebeispiel daf&#252;r. Gekonnt verwebt Arundhati Roy Zeiten und Perspektiven zu einem Netz, in dem eine Linearit&#228;t zu suchen aussichtslos ist. </p>
<blockquote><p>&#8220;H&#228;tte er gewusst, dass er dabei war, einen Tunnel zu betreten, dessen einziger Ausgang sein Untergang war, h&#228;tte er sich abgewandt?<br />
Vielleicht.<br />
Vielleicht nicht.<br />
Wer wei&#223;?&#8221;</p></blockquote>
<p>Kausalit&#228;ten bleiben dem Leser in diesem Nexus genauso verborgen wie den Protagonisten. Erst im R&#252;ckblick kl&#228;ren sich die verh&#228;ngnisvollen Zusammenh&#228;nge den Betroffenen wie dem betroffenen Beobachter der Szenerie. </p>
<p>Dabei atmet die gesamte Geschichte bereits den schweren Monsunatem des Verfalls. Die tr&#228;ge, erdige Schw&#252;le der indischen &#8220;Finsternis&#8221;, der l&#228;ndlichen Gegenden, lastet auf jeder Seite der Erz&#228;hlung, die sich z&#228;h hinzieht wie ein schlammiger Fluss. Ich habe selten das Gef&#252;hl gehabt, mich so langsam durch einige Seiten hindurch zu arbeiten; dabei liest sich der Roman nicht schwierig, in der Tat habe ich nicht mehr Zeit gebraucht als gewohnt. Es ist das Klima seines Handlungsortes, das auf die ganze Erz&#228;hlung durchschl&#228;gt und sie so tr&#228;ge macht.</p>
<blockquote><p>&#8220;In dem breiten &#252;berdachten S&#228;ulengang – der kuthambalam grenzte an das Herz des Tempels, wo der blaue Gott mit seiner Fl&#246;te lebte – trommelten die Trommler und tanzten die farbenpr&#228;chtigen T&#228;nzer, bewegten sich langsam in der Nacht. Rahel setzte sich im Schneidersitz, den R&#252;cken an die runde wei&#223;e S&#228;ule gelehnt. Ein gro&#223;er Kanister mit Kokosnuss&#246;l funkelte im flackernden Licht der Messinglampe. Das &#214;l n&#228;hrte das Licht. Das Licht brachte das &#214;l zum Funkeln.&#8221;</p></blockquote>
<p>Lediglich an einer Stelle erschien es mir, als liese Roy ihre Sprache sich zum Tanz erheben. Ihre Beschreibung des Kathakali ist eine poetische Umsetzung der Bewegungen.</p>
<blockquote><p>&#8220;Er ist Karna, den die Welt im Stich gelassen hat. Karna Allein. F&#252;r unbrauchbar erkl&#228;rte Ware. Ein in Armut aufgewachsener Prinz. Geboren, um auf unfaire Weise zu sterben, unbewaffnet und allein, durch die Hand seines Bruders. Majest&#228;tisch in seiner vollkommenen Verzweiflung. Betet er an den Ufern der Ganga. Stoned bis an den Rand der Bewusstlosigkeit.&#8221;</p></blockquote>
<p>Die von den T&#228;nzern erz&#228;hlten, uralten Geschichten der G&#246;tter werden verwoben mit der modernen Schilderung ihrer Leiden; Tanz und T&#228;nzer werden, die Kriege der G&#246;tter darstellend, zum Ausdruck eines modernen Kulturkampfes. Es entsteht ein faszinierendes Gewebe aus den in der Sprache pulsierenden mythischen Energien, das diesen Zeilen eine ungeahnte, beinahe magische Dynamik verleiht.</p>
<p>&#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3442724686?ie=UTF8&#038;tag=simoncolumbus-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3442724686">Der Gott der kleinen Dinge</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3442724686" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" />&#8221; ist ein gro&#223;es, schmutziges Buch. Die unschuldige, kindliche Welt der wundersam verbundenen Zwillinge Rahel und Estha zerbricht unter den Hammerschl&#228;gen der &#8220;gro&#223;en Dinge&#8221;. Es ist die Geschichte eines Niederganges, zu einer poetischen Erz&#228;hlung fein versponnen. In der Finsternis finden sich allerdings unerwartete Sch&#246;nheiten &#8211; kleine Dinge: Die Wunder der Sprache.</p>
<blockquote><p>&#8220;Es gibt Dinge, die man nicht tun kann – wie zum Beispiel einen Brief an einen Teil seiner selbst schreiben. An die eigenen F&#252;&#223;e oder das Haar. Oder das Herz.&#8221;</p></blockquote>
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		<title>.lit Juli Zeh: Corpus Delicti</title>
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		<pubDate>Fri, 15 May 2009 00:34:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon</dc:creator>
				<category><![CDATA[literature]]></category>

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		<description><![CDATA[Das j&#252;ngste Werk meiner derzeitigen deutschen Lieblingsautorin spielt im Jahr 2057. Grundlage des gesamten Staatswesens ist die &#8220;Methode&#8221; geworden. Das gesamte Leben ist auf die Erhaltung der Gesundheit ausgerichtet. Die B&#252;rger sind zu staatlich vorgegebenen Sporteinheiten verpflichtet. Die Abw&#228;sser ihrer Wohnungen werden auf chemische Konstellationen hin untersucht, die auf eine Erkrankung hinweisen k&#246;nnten. Mia Holl [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das j&#252;ngste Werk meiner derzeitigen deutschen Lieblingsautorin spielt im Jahr 2057. Grundlage des gesamten Staatswesens ist die &#8220;Methode&#8221; geworden. Das gesamte Leben ist auf die Erhaltung der Gesundheit ausgerichtet. Die B&#252;rger sind zu staatlich vorgegebenen Sporteinheiten verpflichtet. Die Abw&#228;sser ihrer Wohnungen werden auf chemische Konstellationen hin untersucht, die auf eine Erkrankung hinweisen k&#246;nnten.</p>
<p>Mia Holl ist eine erfolgreiche Biologin und eine standfeste Vertreterin der &#8220;Methode&#8221;. Ihr Bruder Moritz dagegen hat sich schon als Kind von ihr und ihren Eltern unverstanden gef&#252;hlt, wie sie sp&#228;ter zu Protokoll geben wird. Er ist ein Bohemien und Lebemann, der Mia bei jedem w&#246;chentlichen Treffen von einer neuen Liebschaft vorschw&#228;rmt.</p>
<p>Bei einem seiner Rendezvous&#8217; findet Moritz Holl sein Date tot und vergewaltigt unter einer Br&#252;cke vor. Weil die am Opfer gefundene DNA mit Holls eigener &#252;bereinstimmt, wird er verhaftet und vor Gericht gebracht. Der Fall erregt landesweites Aufsehen: Moritz Holl beteuert seine Unschuld. Er leugnet die Beweiskraft des DNA-Tests. Er leugnet die &#8220;Methode&#8221;.</p>
<p>In der Haft t&#246;tet sich Moritz mit einer von seiner Schwester eingeschmuggelten Angelschnur.</p>
<p><span class="pullquote"><!-- "Zwei Menschen sehen einander in die Augen: Materie, die sich selbst anglotzt." --></span> Der Prozess gegen ihren Bruder st&#252;rzt Mia Holl in eine tiefe Sinnkrise. Sie ist gleicherma&#223;en von der G&#252;ltigkeit der &#8220;Methode&#8221; wie der Unschuld Moritz&#8217; &#252;berzeugt. Weil sie ihre Gesundheitspflichten vernachl&#228;ssigt, ger&#228;t sie mit der Justiz in Konflikt. Ihre pers&#246;nliche Trag&#246;die wird zum Scheidepunkt der Gesellschaft.</p>
<p>Die &#8220;Methode&#8221; ist nichts anderes als die Vernunft. 2057 befinden wir uns in einer Gesellschaft, in der die Ratio als oberstes Leitprinzip installiert wurde. Eine Ratio, welche die Gesundheit zum h&#246;chsten, unantastbaren Gut des Menschen auserkoren hat. Eine Reaktion auf den Niedergang der Ideologien gerade in Deutschland, nachdem diese sich im zweiten Weltkrieg ein f&#252;r allemal diskreditiert hatten. &#8220;Das klingt so nach zwanzigstem Jahrhundert&#8221; ist im Jahr 2057 ein Ausdruck des Ekels vor dem Irrationalen geworden.</p>
<blockquote><p>&#8220;Erst hat die naturwissenschaftliche Erkenntnis das g&#246;ttliche Weltbild zerst&#246;rt und den Menschen ins Zentrum des Geschehens ger&#252;ckt. Dann hat sie ihn dort stehen gelassen, ohne Antworten, in einer Lage, die nichts weiter als l&#228;cherlich ist.&#8221;</p></blockquote>
<p>So dagegen erkl&#228;rt Moritz Holl die Situation. Es ist eine typische Fragestellung f&#252;r Juli Zeh, deren Werk sich immer wieder um die Frage der Moral nach dem Ende der Werte dreht. Es ist die Frage, wer verantwortungslos handelt: Der Naturfreund Moritz Holl, der Mia Woche f&#252;r Woche an dem Stoppschild am Ende des Weges vorbei auf eine Lichtung im Wald zerrt, der raucht und die zentrale Partnervermittlung als ideale Suchmaschine f&#252;r One Night Stands missbraucht &#8211; oder die rationale Mia Holl, die in einem keimfreien Haus in einer desinfizierten Welt ein Leben ohne erkennbare Ziele oder Freuden lebt.</p>
<p>Juli Zeh erweist sich aber auch abseits der gro&#223;en moralischen Fragen als hellsichtige Beobachterin der politischen Prozesse in Deutschland. 2008 reichte sie beim Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen den biometrischen Reisepass ein, ein Jahr nach dem die Theaterfassung von &#8220;Corpus Delicti&#8221; erschienen war. Die darin so zentrale absolute Kontrolle der Gesundheit der Menschen &#252;ber unter die Haut gepflanzte Chips, Meldepflichten und Untersuchungen der Abw&#228;sser kann man sich nur zu gut als eine Fortsetzung der immer st&#228;rker werdenden staatlichen Eingriffe in die Gesundheitsvorsorge der einzelnen B&#252;rger vorstellen. Zumal die Begr&#252;ndung nur zu rational erscheint: Muss nicht jeder von uns gesund sein wollen?</p>
<p><span class="pullquote"><!-- "Das Mittelalter ist keine Epoche. Mittelalter ist der Name der menschlichen Natur." --></span>In Juli Zehs Roman wollen das tats&#228;chlich nicht alle Menschen: Immer wieder ist die Rede von den Terroristen von R.A.K. &#8211; Recht Auf Krankheit. Wer sich die Beschreibung der Terroristen als ein Netzwerk, &#252;ber das der Staat alles und doch nichts wei&#223;, das zugleich ungef&#228;hrlich und eine Bedrohung ist, durchliest, der muss sich an das uns bekannte Bild von Al Qaida erinnert f&#252;hlen. Die irrationale Fundamentalopposition, die diese Terroristen mit ihren Forderungen darstellen, muss das selbe Unverst&#228;ndnis ausl&#246;sen wie jene b&#228;rtigen Terroristen, die uns f&#252;r unsere Freiheit und Demokratie hassen. Es ist kein Wunder, dass wir diese wie jene nur &#252;ber durchschaubar undurchsichtige Medien zu Gesicht bekommen.</p>
<p>Juli Zehs Gesellschaft 2057 darf und sollte in eine Reihe gestellt werde mit den drei gro&#223;en dystopischen Entw&#252;rfen des vergangenen Jahrhunderts von <a href="http://www.amazon.de/gp/product/0451524934?ie=UTF8&amp;tag=simoncolumbus-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=0451524934">Orwell</a><img style="border:none !important; margin:0px !important;" src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=0451524934" border="0" alt="" width="1" height="1" />, <a href="http://www.amazon.de/gp/product/0099477467?ie=UTF8&amp;tag=simoncolumbus-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=0099477467">Huxley</a><img style="border:none !important; margin:0px !important;" src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=0099477467" border="0" alt="" width="1" height="1" /> und <a href="http://www.amazon.de/gp/product/0345342968?ie=UTF8&amp;tag=simoncolumbus-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=0345342968">Bradbury</a><img style="border:none !important; margin:0px !important;" src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=0345342968" border="0" alt="" width="1" height="1" />. Die Weitsichtigkeit ihrer Analysen k&#246;nnte einen dazu verleiten, Warnhinweise auf den kommenden Ausgaben des Werkes zu fordern: &#8220;Corpus Delicti ist keine Bedienungsanleitung&#8221;.</p>
<p>Zugleich wei&#223; Zeh aber auch mit ihrer gro&#223;artigen Sprache zu gl&#228;nzen. Allerdings erhalten die au&#223;ergew&#246;hnlichen Bilder weniger Platz als in ihren &#228;lteren Romanen <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3442729262?ie=UTF8&amp;tag=simoncolumbus-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3442729262">Adler und Engel</a><img style="border:none !important; margin:0px !important;" src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3442729262" border="0" alt="" width="1" height="1" /> oder <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3442733693?ie=UTF8&amp;tag=simoncolumbus-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3442733693">Spieltrieb</a><img style="border:none !important; margin:0px !important;" src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3442733693" border="0" alt="" width="1" height="1" />. An einigen Stellen erinnern sie nicht nur inhaltlich an das Werk Georg B&#252;chners, etwa bei den Worten von Mias nach dem &#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3423307803?ie=UTF8&amp;tag=simoncolumbus-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3423307803">Hexenhammer</a><img style="border:none !important; margin:0px !important;" src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3423307803" border="0" alt="" width="1" height="1" />&#8220;-Autoren Heinrich Kramer benanntem Antagonisten:</p>
<blockquote><p>&#8220;Das Menschliche ist ein nachtschwarzer Raum, in dem wir herumkriechen, blind und taub wie Neugeborene. Man kann nicht mehr tun, als daf&#252;r zu sorgen, dass wir uns beim Kriechen m&#246;glichst selten die K&#246;pfe sto&#223;en. Das ist alles.&#8221;</p></blockquote>
<p>Juli Zehs &#228;ltere Werke empfinde ich als noch tiefgreifender in ihren Fragen als &#8220;Corpus Delicti&#8221;; gerade die relative K&#252;rze dieses Romans verglichen mit den &#8220;Spieltrieb&#8221; oder &#8220;Adler und Engel&#8221; kostet ihn einiges an Qualit&#228;t. Dennoch ist &#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3895614343?ie=UTF8&#038;tag=simoncolumbus-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3895614343">Corpus Delicti</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3895614343" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" />&#8221; ein rundherum lesenswertes Buch; eine Dystopie von erschreckender Wahrscheinlichkeit und schon jetzt ein Bild unserer Gesellschaft, das uns unangenehm sein muss.</p>
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		<title>B&#252;cher</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Mar 2009 02:45:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon</dc:creator>
				<category><![CDATA[literature]]></category>

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		<description><![CDATA[B&#252;cher sind meine Sucht. Ich nehme keine Drogen, ich rauche nicht, ich trinke nicht einmal Alkohol. Selbst mein Koffeinkonsum entspringt keiner Abh&#228;ngigkeit, sondern purer Notwendigkeit. Ich habe B&#252;cher schon immer verschlungen. Wer mich lesen sieht, dem muss ich wie ein Rei&#223;wolf vorkommen; ich hetze durch die Werke der Weltliteratur. 60 Seiten die Stunde, alles darunter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>B&#252;cher sind meine Sucht. Ich nehme keine Drogen, ich rauche nicht, ich trinke nicht einmal Alkohol. Selbst mein Koffeinkonsum entspringt keiner Abh&#228;ngigkeit, sondern purer Notwendigkeit.</p>
<p>Ich habe B&#252;cher schon immer verschlungen. Wer mich lesen sieht, dem muss ich wie ein Rei&#223;wolf vorkommen; ich hetze durch die Werke der Weltliteratur. 60 Seiten die Stunde, alles darunter verfehlt den Soll. Ich habe mir eine Liste gemacht, in den ich alles eintrage, was ich lese. Bis 52 ist sie bereits durchnummeriert, soviel will ich in diesem Jahr schaffen. </p>
<p>Einem Freund kommt es seltsam vor, sich Ziele f&#252;r etwas zu setzen, das man aus Spa&#223; tut. Vielleicht muss ich mich selbst zu meinem Gl&#252;ck zwingen.</p>
<p>Ich habe immer schon mehr gelesen, schneller und Komplizierteres. Ich wei&#223; nicht, wie alt ich war, als ich aus der Kinder- in die Jugendabteilung der B&#252;cherei wechselte. Die B&#252;cher dort waren ab 14, und ich war j&#252;nger. Als ich 14 wurde, stand ich schon l&#228;ngst vor den Regalen der Erwachsenenliteratur.</p>
<p>Andere Menschen k&#246;nnten nun vielleicht erz&#228;hlen, wie sie sich f&#252;hlten, als sie das erste Mal den anderen Raum betraten. Ich kann mich nur an mein Schamgef&#252;hl erinnern. Es war schon immer ebenso ausgepr&#228;gt wie irrational; es hat mich nie gewundert, dass es mich in diesem Moment &#252;berfiel. Beide Male &#252;brigens, bei beiden Entdeckungen.</p>
<p>Ich bin nicht der Mensch zu erz&#228;hlen. Vielleicht ist das meine gr&#246;&#223;te B&#252;rde; nie selbst Geschichten aufschreiben zu k&#246;nnen, immer nur aufzusaugen, was mir andere zuwerfen. Wer mich fragt, was ich sonst noch gef&#252;hlt habe, muss wohl mit meinem Schulterzucken vorlieb nehmen, ich wei&#223; es nicht. Nicht mehr.</p>
<p>Neues anzugehen fiel mir nie leicht. Ich las in dieser Zeit fast ausschlie&#223;lich historische Romane, also suchte ich historische Romane. Die B&#252;cher nach den Etiketten auf ihren R&#252;cken ausw&#228;hlen zu k&#246;nnen, niemals etwas aus dem Regal zu ziehen, was nicht dem Muster des Vorhergegangenen entsprach, verlieh mir eine merkw&#252;rdige Sicherheit. Wie auch das Genre: Nirgendwo gibt es so klare Anhaltspunkte, an denen man sich festhalten k&#246;nnte, wie in historischen Romanen. Geschichtliche Fakten lassen sich nachpr&#252;fen, ich konnte sie mit den Datenbanken in meinem Kopf auf Richtigkeit abgleichen und ein Urteil f&#228;llen, ja oder nein.</p>
<p>Vielleicht ist dieser Griff nach den Sicherheiten des Bew&#228;hrten ein Vorblick auf mich, heute, als ein seltsames Spiegelbild. Schlie&#223;lich musste der Moment kommen, in dem jedes Buch mit der Plakette &#8220;Hist.&#8221; herausgegriffen, mit einem kurzen Blick auf die Kladde abgeurteilt, gelesen oder vergessen war. Hin und wieder brachte meine Mutter B&#252;cher mit nach Hause, Geschichten, die mir besser gefielen als die repetierte Geschichte, die ich mir selbst auferlegte. </p>
<p>Viele meiner fr&#252;hen Lieblingsb&#252;cher habe ich mir nicht selbst ausgew&#228;hlt. Nicht den Herrn der Fliegen, den ich mir sp&#228;ter selbst kaufte, weil ich mich mit dem mephistophelischen Motto des Buches identifizieren konnte. Auch nicht Die Mitte der Welt, die ich gerade wieder zusammengeklappt und neben mich gelegt habe und ja, in meine Liste eingetragen.</p>
<p>Fremd erscheint mir dieser Simon von fr&#252;her heute. Was ist noch &#252;brig von dem Jungen, der mit 12, 13 Oscar Wilde und Konfuzius zu seinen Leitbildern erw&#228;hlte? Vielleicht die Gegens&#228;tzlichkeit. Die Suche nach Sch&#246;nheit im H&#228;sslichen, die ich heute bei Boyle oder Coetzee finde. Der Blick auf die Muster und die Obsession daf&#252;r, sie zu zerrei&#223;en, weshalb ich keine B&#252;cher lese, die das Leben romantisch verkl&#228;ren, sondern solche, die grausam Schluss machen mit der Klarheit auf dieser Welt.</p>
<p>Sicher auch die Andersartigkeit. Mich langweilte, was die anderen lasen, also w&#228;hlte ich mir Wilde und Konfuzius. Zwei Exoten, und sicher etwas, das keiner las. Heute ist das nicht anders, wer liest denn schon Coetzee? Mit 18? &#8211; Mir liegt die Mehrheit nicht. Ich habe nichts dagegen, einen zu finden, der mit mir teilt, aber ich kann nicht mit allen teilen; die Minorit&#228;t ist meine Heimat.</p>
<p>Wahrscheinlich auch die Beliebigkeit. Beliebig, denn was waren der schwule Dandy und der weise Chinese anderes als Zufallsbekanntschaften? Ich kann mich f&#252;r die Bildlichkeit einer Juli Zeh begeistern oder f&#252;r die kunstvoll verwobenen Handlungsstr&#228;nge eines T.C. Boyle, aber ich bewundere jene, die ganz uneingeschr&#228;nkt Fan sein k&#246;nnen. </p>
<p>Ich habe es ja schon gesagt. Ich verschlinge B&#252;cher, ich bin ein Minotaurus, w&#228;hlerisch und grausam, aber auch verbissen effektiv. B&#252;cher sind meine Droge, ich brauche sie, gl&#252;cklich machen sie mich nur f&#252;r einen kurzen Moment, deshalb brauche ich mehr, brauche ich immer besseres &#8211; letztlich nur ein gutes Buch.</p>
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		<title>.lit J. M. Coetzee: Tagebuch eines schlimmen Jahres</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Jan 2009 01:29:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon</dc:creator>
				<category><![CDATA[literature]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn man mich dr&#228;ngen w&#252;rde, meine politische Denkweise mit einem Etikett zu versehen, w&#252;rde ich sie pessimistisch-anarchistischen Quietismus nennen, oder anarchistisch-quietistischen Pessismismus oder pessimistisch-quietistischen Anarchismus: Anarchismus, weil die Erfahrung mir sagt, was an der Politik schlecht ist, ist die Macht selbst; Quietismus, weil ich meine Zweifel am Vorhaben der Weltver&#228;nderung habe, einem Vorhaben, das mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Wenn man mich dr&#228;ngen w&#252;rde, meine politische Denkweise mit einem Etikett zu versehen, w&#252;rde ich sie pessimistisch-anarchistischen Quietismus nennen, oder anarchistisch-quietistischen Pessismismus oder pessimistisch-quietistischen Anarchismus: Anarchismus, weil die Erfahrung mir sagt, was an der Politik schlecht ist, ist die Macht selbst; Quietismus, weil ich meine Zweifel am Vorhaben der Weltver&#228;nderung habe, einem Vorhaben, das mit dem Streben nach Macht infiziert ist; und Pessismus, weil ich bezweifle, dass die Dinge grundlegend ge&#228;ndert werden k&#246;nnen.</p></blockquote>
<p>J.C., ein erfolgreicher, aber im Alter beinahe vergessener s&#252;dafrikanischer Autor lebt in einer Wohnsiedlung des australischen Sydney und verfasst bittere Essays f&#252;r den Sammelband eines deutschen Verlages. Er bringt seine gutaussehende Nachbarin Anya aus dem obersten (teuersten) Stockwerk des Wohnblockes (er wohnt im Erdgeschoss) dazu, die Essays f&#252;r ihn zu tippen &#8211; obwohl ein professionelles B&#252;ro das besser und g&#252;nstiger k&#246;nnte, wie beide wissen. Anyas Liebhaber Alan, ein als Waisenkind aufgewachsener, gerissener Aktienbroker plant unterdessen, den tattrigen Autor um sein nicht unbetr&#228;chtliches Verm&#246;gen zu bringen.</p>
<p>Im neuesten Werk des Nobelpreistr&#228;gers Coetzee laufen drei Handlungsstr&#228;nge nebeneinander: Auf jeder Seite vereint das &#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3100108345?ie=UTF8&amp;tag=simoncolumbus-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3100108345">Tagebuch eines schlimmen Jahres</a><img style="border:none !important; margin:0px !important;" src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3100108345" border="0" alt="" width="1" height="1" />&#8221; J.C.&#8217;s Kurzessays, seine eigene Ich-Erz&#228;hlung und selbige seiner &#8220;Tipista&#8221; Anya.</p>
<p>Die beiden Ich-Erz&#228;hler J.C. und Anya haben ein ambivalentes Verh&#228;ltnis, bei dem immer die Frage &#8220;Was will ich eigentlich von ihr? / Was will er eigentlich von mir?&#8221; im Raum steht. Das Thema, die Beziehung zwischen einem alten Mann und einer jungen Sch&#246;nheit, ist dem Leser fr&#252;herer Coetzee-Werke nur zu bekannt. Ob in &#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3596509513?ie=UTF8&#038;tag=simoncolumbus-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3596509513">Schande</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3596509513" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" />&#8220;, &#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3596170656?ie=UTF8&#038;tag=simoncolumbus-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3596170656">Zeitlupe</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3596170656" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" />&#8221; oder &#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3596155851?ie=UTF8&#038;tag=simoncolumbus-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3596155851">Warten auf die Barbaren</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3596155851" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" />&#8220;: Der Nobelpreistr&#228;ger variiert es seit Jahren in seinen Romanen.</p>
<p>Fast kommt es einer Selbstgei&#223;elung gleich, schlie&#223;lich ist die &#196;hnlichkeit zwischen Coetzee und seiner Romanfigur J.C. nicht zu verkennen. Allerdings darf man sagen, dass der Konflikt in diesem &#8220;Tagebuch&#8221; deutlich weicher gezeichnet ist als etwa in &#8220;Schande&#8221;. Die Frau (Anya) wird hier st&#228;rker zur Begleiterin, wenn sich auch schlie&#223;lich keine Rolle f&#252;r sie finden l&#228;sst.</p>
<p>Auf der anderen Seite behandeln die Essays eine reiche Variation vor allem politischer und philosophischer Themen. Anya versucht immer wieder, J.C. dazu zu bringen, diese pers&#246;nlicher an den Leser heranzutragen. Da dieser sich aber weigert, seine Tr&#228;ume in die Texte einflie&#223;en zu lassen, wie die &#8220;Tipista&#8221; es vorschl&#228;gt, sind die Essays tats&#228;chlich recht n&#252;chterne Betrachtungen.</p>
<p>Anders als J.C. mehrfach betont sind sie jedoch alles andere als altmodisch. Die politischen Kommentare treffen ins Herz eines 21. Jahrhunderts, dessen gr&#246;&#223;te Gefahren vom &#8220;Terroristen als Gesetzgeber&#8221;, wie Heribert Prantl es nennt, ausgehen: Einer auf Angst gebauten Politik, die neoliberale Wirtschafts-Deregulierung und neokonservative Sicherheitsma&#223;nahmen vereinbart.</p>
<blockquote><p>
Es soll keine Geheimnisse mehr geben, sagen die neuen &#220;berwachungstheoretiker und meinen damit etwas recht Interessantes: dass die &#196;ra, in der Geheimnisse z&#228;hlten, in der Geheimnisse ihre Macht &#252;ber das Leben von Menschen aus&#252;ben konnten [...], vorbei ist; nicht, was sich zu wissen lohnt, kann nicht innerhalb von Sekunden und ohne gro&#223;en Aufwand aufgedeckt werden; das Privatleben ist im Grunde ein Ding der Vergangenheit,</p></blockquote>
<p>schreibt J.C. zu einer Tendenz, die als &#8220;Post-Privacy&#8221; aus meiner Sicht eines der wichtigsten gesellschaftlichen Themen auf dem vergangenen <a href="http://events.ccc.de/congress/2008/">25C3</a> war. Coetzee war bereits in den &#8217;60ern als Programmierer bei IBM besch&#228;ftigt. Der Grund f&#252;r die letztliche Hinwendung zur Literatur dr&#252;ckt sich vielleicht auch in der Antwort auf das Post-Privacy-Denken der &#8220;neuen &#220;berwachungstheoretiker&#8221; aus:</p>
<blockquote><p>
Die Herren der Information haben die Poesie aus dem Auge verloren, wo Worte eine Bedeutung haben k&#246;nnen, die sehr von der im Lexikon angegebenen abweicht, wo der metaphorische Funke der Dechiffrierfunktion immer einen Sprung voraus ist, wo eine andere, unerwartete Interpretation stets m&#246;glich ist.</p></blockquote>
<p>Dass Coetzee dem auf Strukturen und Muster fixierten Denken der Sicherheitstheoretiker &#8211; man denke nur an Scoringmethoden &#8211; skeptisch gegen&#252;ber steht, wird an jeder Ecke des Werkes deutlich; nicht zuletzt auch in seiner Form. Der Ansatz, drei Erz&#228;hlstr&#246;me nicht nur miteinander zu verweben, sondern nebeneinander abzudrucken, greift das Ende der one-to-many Broadcastingmedien literarisch auf und verweist auf das Zerfallen geordneter Strukturen, wie sie die mediale Wahrnehmung aller bisherigen Generationen gepr&#228;gt haben.</p>
<p>Das &#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3100108345?ie=UTF8&amp;tag=simoncolumbus-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3100108345">Tagebuch eines schlimmen Jahres</a><img style="border:none !important; margin:0px !important;" src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=simoncolumbus-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3100108345" border="0" alt="" width="1" height="1" />&#8221; ist auf jeden Fall ein lesenswertes Buch. Von besonderer Bedeutung ist es aber f&#252;r alle, die sich mit den zeitgen&#246;ssischen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen und &#252;ber die einfachen Antworten hinausdenken wollen. Coetzee bietet in literarischer Form Ans&#228;tze, die von den Theoretikern &#252;bergangen und &#252;bersehen werden.</p>
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		<pubDate>Sun, 20 Jul 2008 16:27:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich lese auch in meiner Freizeit vor allem &#8220;h&#246;here Literatur&#8221; &#8211; auch wenn ich deren Existenz, schon aus Prinzip, gegen&#252;ber meinen Lehrern verleugnet habe, sobald man sie mir erkl&#228;ren wollte; aber das ist eine andere Geschichte. Tatsache: Ich habe in den letzten Monaten Werke von García Márquez und Saramago gelesen, zwei Literaturnobelpreistr&#228;gern &#8211; in der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich lese auch in meiner Freizeit vor allem &#8220;h&#246;here Literatur&#8221; &#8211; auch wenn ich deren Existenz, schon aus Prinzip, gegen&#252;ber meinen Lehrern verleugnet habe, sobald man sie mir erkl&#228;ren wollte; aber das ist eine andere Geschichte. Tatsache: Ich habe in den letzten Monaten Werke von García Márquez und Saramago gelesen, zwei Literaturnobelpreistr&#228;gern &#8211; in der Schule hat derart ausgezeichnete Literatur keine Chance.</p>
<p>Warum? Weil, abgesehen von Kassandra, alle abiturrelevanten Werke &#252;ber 100 Jahre alt sind. Und kannten wir nicht auch Parzival und Nibelungensage, so schiene es wohl manchem, es w&#228;ren 1000.</p>
<p>Die Frage jedoch ist: Warum, warum l&#228;sst man die Jugend in den Neuauflagen alter B&#252;cher bl&#228;ttern, warum l&#228;sst man uns die Gedanken vergangener Zeiten studieren?</p>
<p>Es spricht nichts dagegen, sich mit der Historie, mit alter Literatur zu besch&#228;ftigen. &#8220;Wer die Geschichte kennt, dem geh&#246;rt die Zukunft&#8221; hei&#223;t es schlie&#223;lich, und sicher nicht v&#246;llig unbegr&#252;ndet. Aber dennoch: Sollte das Abitur die Sch&#252;ler, immerhin die sp&#228;tere &#8220;Elite&#8221; des Landes, nicht eigentlich darauf vorbereiten, erst einmal in der Gegenwart anzukommen?</p>
<p>Die letzte Abschlussklasse notierte in der Abi-Zeitschrift zu ihrer Deutschlehrerin &#8211; einer Bewohnerin des sprichw&#246;rtlichen Elfenbeinturms &#8211; in der Diskussion neuer Medien habe eher sie von den Sch&#252;lern zu lernen gehabt als andersherum. Ich erwarte sicher nicht, dass wir uns mit der Frage auseinandersetzen, ob Twitter einen Sinn hat, bin noch nicht einmal so verwegen, Diskussionen &#252;ber den vorgehenden Medienwandel zu erhoffen &#8211; zumindest nicht auf einem Niveau, dass es mich interessieren w&#252;rde. Bis vor anderthalb Jahren wussten selbst meine Mitsch&#252;ler schlie&#223;lich nicht, was ein Blog ist.</p>
<p>Aber ist es denn zu viel verlangt, wenigstens zeitgen&#246;ssische &#8211; und ich fasse diesen Rahmen weit &#8211; wenigstens Literatur aus unserem, nein, korrigiere: dem vergangenen Jahrhundert zu bearbeiten?</p>
<p>Meine Mutter, wei&#223; ich, hat Handke in der Schule gelesen, damals kaum zehn Jahre alte Literatur. Ich darf mich &#252;ber Kassandra freuen, 25 Jahre, ein halbes Jahrhundert alt, schon wieder Zeugniss der Geschichte, obwohl zeitlos Besch&#228;ftigung mit den Problemen veragangener Zeiten.</p>
<p>Lebe ich denn noch im Schrecken des Kalten Krieges? Nat&#252;rlich kann man Kassandra auch auf den Irakkrieg beziehen, ich habe es ja selbst getan, intuitiv, so vertraut schienen diese Zeilen. Aber dennoch! Warum liest die Jugend die Werke vergangener Generationen, so alt, dass ich vor lauter &#8220;Ur-&#8217;s&#8221; die &#220;bersicht verlieren w&#252;rde, versuchte ich sie nachzuz&#228;hlen?</p>
<p>Es liegt nichts schlechtes daran, alte, dauerhafte Werke zu konsumieren, dar&#252;ber nachzudenken. Aber es liegt der Hauch des Moders &#252;ber dem Wunsch, alte Zeiten zur&#252;ckzuholen, den Geist der &#8220;Dichter und Denker&#8221; in den kommenden Generationen zu konservieren, tot wie er nach tausenden Interpretationen ist, nichts Neues zulassend &#8211; denn davor f&#252;rchtet man sich ja heute, in den Zeiten von &#8220;Erwartungshorizonten&#8221;, die mit dem Freudigen der Erwartung nichts zu tun haben, sondern geistige Scheuklappen sind, um die letzte Rebellion beim Lesen der Werke alter Revoluzzer zu unterdr&#252;cken &#8211; um zu verhindern, das etwas erw&#228;chst, dass nicht mehr in die quadratischen Felder von Note, zentralisierter Bewertung und genormter Kunstbewertung passt.</p>
<p>Wir lesen von Freiheit, aber wo bleibt sie?!</p>
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